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Dresden und Pegida : Macht doch eiern Dreck alleene!

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Ein Schock, der bei manchem in der Stadt bis heute nachzuwirken scheint, war deshalb die Abdankung des Königs 1918. Er selbst - „Macht doch eiern Dreck alleene!“, soll er nach seiner Abdankung gesagt haben - verkraftete den Umsturz bekanntlich besser als sein Volk, das nun in der Hoffnung, machttechnisch nicht völlig falsch zu liegen, auf die Sozialdemokraten setzte. Vielleicht lag es auch daran, dass diese die Republik in einem Dresdner Zirkus ausriefen; jedenfalls gehörten fast alle sächsischen Ministerpräsidenten in der Weimarer Republik der SPD an. Im gemütlichen Dresden - der Begriff Kaffeesachse kommt ja auch von hier - blühten auf einmal moderner Tanz und expressionistische Malerei; bis 1933 wuchs die Stadt mit knapp 650.000 Einwohnern zur fünftgrößten Metropole Deutschlands heran.

Der Untergang ist bis heute nicht bewältigt

Im sogenannten roten Sachsen musste sich selbst die NSDAP in regulären Wahlen stets der SPD geschlagen geben, so manche Dresdner allerdings wussten schnell, was die „neue Zeit“ verlangte. Noch vor Berlin brannten hier im März 1933 die ersten Bücher, und im September eröffnete in der Stadt die reichsweit erste der späteren Ausstellungen über „entartete Kunst“. Die Dresdner Mehrheit schwieg. Ausgerechnet aufgrund ihrer Kunst- und Kulturschätze glaubten viele Einwohner, ihre Stadt werde von den Bombern verschont; elf Wochen vor Kriegsende legten diese dann Dresden in Schutt und Asche.

Der Untergang ist bis heute nicht bewältigt, auch weil schon im Frühjahr 1945 auch in Dresden so gut wie niemand ein Nazi gewesen war, wie der Dresdner Romanist Victor Klemperer in seinen Tagebüchern irritiert notierte. Dem Sozialismus freilich schloss man sich zunächst nur widerwillig an und erst, als er sich als bleibend erwies, mit murrender Zustimmung. Was vor allem den Dresdnern fortan fehlte, war ein respektabler Regent, und als solche galten weder der Leipziger (!) Walter Ulbricht noch der Saarländer Erich Honecker. Nicht mal dann, als Letzterer 1985 zur Wiedereröffnung der Semperoper kam und mit seiner Frau in der Königsloge Platz nahm.

Viele verließen Stadt und Land, und wer von den Bürgerlichen blieb, versank in Fritz Löfflers Buch „Das alte Dresden“, mit dem man sich der einstigen Schönheit der Stadt hingeben und von deren altem Personal träumen konnte. An einem Großblock im Zentrum leuchtete die Schrift „Der Sozialismus siegt“, der auf Sächsisch dem Zustand der Stadt nahekam: Der Sozialismus siecht. Erst als zur Vorbereitung der 750-Jahr-Feier Berlins in den achtziger Jahren ein Großteil der Dresdner Bauarbeiter und des Baumaterials abgezogen wurde, gab es Unruhe in der Stadt, deren Einwohner mit der Verbreitung des Slogans „781 Jahre Dresden!“ plötzlich aufmüpfig wurden. Ost-Berlin verkündete dann, das Dresdner Residenzschloss, das als Brandruine in den Himmel ragte, wieder aufzubauen. Doch das half nichts mehr, 1989 hatten 20.000 Dresdner einen Ausreiseantrag gestellt, und als Anfang Oktober die Züge aus der Prager Botschaft über Dresden in den Westen fuhren, wollten viele einfach aufspringen. Als die Volkspolizei den Weg nicht freigab, schmiss die Menge Pflastersteine, griff die Einsatzkräfte an und zerstörte den Hauptbahnhof. Anders als in Leipzig begann die Revolution in Dresden nicht friedlich.

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