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Dresden : Weihnachtslieder mit Pegida

  • -Aktualisiert am

Unheilig: Pegida-Demonstration Anfang Dezember auf dem Theaterplatz in Dresden Bild: dpa

In diesem Jahr wird in Dresden nicht über den Striezelmarkt gestritten, sondern über Pegida. Und mit Pegida, denn in der berühmten Kreuzkirche versuchen Gegner und Parteigänger miteinander ins Gespräch zu kommen. Einfach ist das nicht.

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          Große Aufregung ist im Advent nichts Neues in Dresden, in normalen Zeiten aber geht es dabei meist nur um den Striezelmarkt, den berühmtesten Weihnachtsmarkt der Stadt. Regelmäßig sorgen hier kleinste Details für heftige Stürme der Entrüstung: Mal hat der Weihnachtsbaum zu wenig Nadeln, mal wähnen Händler Schiebung, wenn sie bei der Vergabe der Marktlizenzen leer ausgehen, mal ist es der Glühwein, der teurer wird. In diesem Jahr wurde über alte Striezelmarkt-Becher gestritten, die zunächst vernichtet werden sollten, bevor sich das Rathaus angesichts des Aufschreis der Lokalpresse anders entschied. Für viele Dresdner aber war mal wieder klar: Die da oben haben nicht alle Tassen im Schrank.

          Stefan Locke
          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Mit dem gleichen Slogan wirbt die Stadt seit einem Jahr eher unfreiwillig auch in aller Welt, nur dass die Welt das nicht weiter zu stören scheint. Japaner, Amerikaner, Franzosen und Tschechen strömen wie eh und je, mit Pfefferkuchen und Stollen sowie erzgebirgischen Räuchermännern und Pyramiden bepackt, durch das Dresdner Zentrum. Lediglich die Russen, bisher Spitzenreiter unter den ausländischen Gästen, trifft man derzeit seltener; Rubelverfall heißt es zur Begründung.

          Einige Hoteliers berichten von niedrigeren Übernachtungszahlen als im Vorjahr, vor allem bei deutschen Besuchern; noch ist aber nicht klar, ob das nun an der neuen Bettensteuer oder eben doch an Pegida liegt. Der Verein ruft nach wie vor montags zur öffentlichen Versammlung, darf aber im Dezember nicht an den Weihnachtsmärkten vorbeispazieren. In den vergangenen Wochen liefen jeweils gut 5000 Teilnehmer mit.

          Unter den Dresdnern selbst ist die Ratlosigkeit darüber noch immer groß. Doch das erstaunte „Wie konnte das passieren?“ weicht inzwischen immer öfter der Frage: „Wie kommen wir da wieder 'raus?“ Womöglich mit einem Blick zurück in den Herbst 1989, sagte sich der Superintendent der Kreuzkirche, Christian Behr, und lud vergangene Woche zu einer Bürgerversammlung in sein Gotteshaus. Hier, mitten in der Stadt direkt am Altmarkt, wurde 26 Jahre zuvor schließlich erfolgreich der Dialog geprobt, der zur friedlichen Revolution führte.

          Wieder soll die Kirche ein Ort der Begegnung werden

          Damals allerdings verliefen die Fronten klar: wir da unten gegen die da oben. Diesmal zählt der Oberbürgermeister zu den Einladenden, und die Gegner sitzen, je nach Perspektive, mit im Publikum. Die Kirche, so heißt es gleich zu Beginn hoffnungsvoll, soll abermals ein Ort der Begegnung und des Gesprächs werden, man wolle ohne Angst und Gewalt einander zuhören und gegenseitiges Verstehen fördern, vor allem aber auch herausfinden, was die schweigende Mehrheit denkt.

          Gut 500 Menschen sind gekommen, unter ihnen Pegida-Gänger und -Gegner, Künstler und Unternehmer, Flüchtlinge und Flüchtlingshelfer, Christen und Muslime, Rentner und Studenten. Einer der Moderatoren ist Frank Richter, früher Priester, heute Direktor der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung und eine Art Allzweckwaffe der Pegida-Aufarbeitung. Er verlangt gleich zu Beginn allen Seiten nahezu Unmögliches ab, nämlich „auszuhalten, dass es Menschen mit ganz anderer Meinung gibt“. Seine Worte hallen nach in dem großen und berühmtesten Gotteshaus Dresdens nach der Frauenkirche, und zunächst findet Richters Bitte auch Gehör.

          Zumal gleich der erste Redner ein Schriftsteller ist, der ausgerechnet mit Verweis auf die britische Presse die deutschen Medien zur „Mäßigung“ auffordert. Der „belehrende Ton und die Dämonisierung vermeintlicher Abweichler“ müssten ein Ende haben, fordert er unter großem Beifall. Einige warnen sodann vor Überfremdung, andere finden, man sollte noch viel mehr Flüchtlinge aufnehmen. Ein Redner warnt vor Schwarzmalerei wie Schönfärberei und bittet, die Realität zu sehen.

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