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Dreikönigstreffen der FDP : Jubel für die Ein-Mann-Show

Mit Boxhandschuhen im Opernhaus Stuttgart Bild: dpa

Guido Westerwelle hat kurz vor dem Dreikönigstreffen der FDP harsche Kritik einstecken müssen. Die FDP dürfe keine „One-man-Show“ sein, hatte der frühere Parteichef Wolfgang Gerhard gefordert. Bei seiner Rede ging Westerwelle nicht groß darauf ein. Er schimpfte lieber auf die Kanzlerin.

          Eigentlich wollte die baden-württembergische FDP-Landesvorsitzende Birgit Homburger auf der Dreikönigskundgebung in Stuttgart nicht mehr jeden verdienten Liberalen persönlich begrüßen. Im Jahr zuvor hatte es schon Anrufe von Fernsehmachern gegeben: Solche Begrüßungsformeln in der Eröffnungsrede seien langweilig, das könne man nicht senden. Gern wäre Birgit Homburger dieser Bitte gefolgt, zumal der FDP-Bundesvorsitzende Guido Westerwelle bei der Vorbereitung des Dreikönigstreffens immer großen Wert darauf legt, die pointierten Schlüsselsätze zu liefern, die das Fernsehen will.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Als Frau Homburger dann am Sonntagmorgen ans Rednerpult trat, konnte sie es nicht dabei belassen, nur die Zuhörer und den FDP-Bundesvorsitzenden zu erwähnen. „Ich begrüße ganz herzlich die ehemaligen Bundesvorsitzenden Dr. Klaus Kinkel und Dr. Wolfgang Gerhardt“. Die schwäbischen Honoratioren und Mittelständler im Parkett und auf den gut gefüllten Rängen des Staatstheaters applaudierten kräftig - mehr als beim Einzug Westerwelles. Das ist auch nicht verwunderlich, denn der Bildungsbürger Gerhardt war im schwäbisch-protestantischen Bürgertum immer beliebter als der auf mediale Zuspitzung fixierte Westerwelle.

          Westerwelle begeistert

          Gerhardts Thesenpapier „Für Freiheit und Fairness“ kam hinzu. Die FDP müsse eine „innere Philosophie“ erkennen lassen und dürfe keine „One-man-Show“ sein, forderte darin der 64 Jahre alte Vorsitzende der Friedrich-Naumann-Stiftung. Auch wenn es manche in der FDP als hilfreicher empfunden hätten, wenn Gerhardt sich darauf beschränkt hätte, den politischen Gegner zu attackieren, teilen viele FDP-Mitglieder die Einschätzungen des früheren Vorsitzenden: Der Linksruck der beiden Volksparteien, die große Koalition, die Diskussion über Mindestlöhne, Online-Durchsuchungen und Vorratsdatenspeicherungen müssten der FDP als einzige verbliebene liberale Kraft im Parteiensystem eigentlich in die Nähe der von Westerwelle einst angestrebten 18 Prozent bringen. Doch offenbar ist den Wählern ein rhetorisch begabter Bundesvorsitzender zu wenig. Nach Meinungsumfragen liegt die FDP bundesweit derzeit - je nach Institut - mal bei 6,8 Prozent, mal bei neun Prozent.

          Die „lebende Freiheitsstatue”: Guido Westerwelle

          So kann Westerwelle in Stuttgart die Debatte über seine „One-Man-Show“ nicht völlig ausblenden. „Demokratischer Sozialismus ist ein vegetarischer Schlachthof, beides passt nicht zusammen. Regt es nur noch mich auf, wenn ein Tatort-Kommissar im Fernsehen von neuen sozialistischen Experimenten spricht?“, fragt Westerwelle ins Publikum. „Doch mich“, ruft einer aus dem Parkett. „Jetzt sind wir schon eine Zwei-Mann-Show“, antwortet Westerwelle. Wie in jedem Jahr weicht Westerwelle vom Manuskript ab, je länger er spricht, desto begeisterter sind seine Zuhörer. Er schimpft auf die „Gutmenschen“, die nur das Geld der Steuerzahler verteilen wollten. 2007 sei das Jahr des „Neosozialismus“ gewesen, nur die FDP könne den Linksruck beenden. Westerwelle kritisiert die Bundeskanzlerin mehrfach. Die Sopranistin Anna Netrebko verdiene an einem Abend soviel Geld wie Angela Merkel im ganzen Jahr, sagt der FDP-Bundesvorsitzende. „Die kann aber auch singen.“ Die Zuhörer jubeln.

          Für klare Verhältnisse und den Politikwechsel

          Dass eine Bundeskanzlerin der Union einmal „die schmalen Reformen der Agenda 2010“ abwickeln werde, sei vor einem Jahr nicht zu erwarten gewesen, schimpft Westerwelle. Mehrfach kommt er auf die Ankündigung Merkels zu sprechen, „mehr Freiheit“ zu wagen; gleichzeitig macht er der Union aber ein Koalitionsangebot: „Ich arbeite für klare Verhältnisse und einen Politikwechsel in Deutschland“. Der sei nur in einer bürgerlichen Koalition zu erreichen.

          Manche Passagen seiner Rede trägt Westerwelle sehr lautstark vor, manchmal brüllt er, immer wieder reichert der Mann, der sich vor Jahren als „lebende Freiheitsstatue“ bezeichnet hat, seine Rede mit polemischen Pointen an: 90 Prozent der Bundestagsabgeordneten seien Sozialdemokraten, sie hätten nur unterschiedliche Parteibücher. Es gebe eine vergessene Mitte in Deutschland, um die sich die FDP kümmern müsse: „Wenn bei einem Mittelständler mit zehn Beschäftigten etwas schief geht, kommt nicht der Ministerpräsident, sondern der Gerichtsvollzieher.“ Auch dafür gibt es tosenden Applaus.

          Westerwelle verteidigt Niebel

          Am Ende der Rede widmet sich Westerwelle dann doch noch einmal der Diskussion, die Wolfgang Gerhardt mit seinem Thesenpapier in Gang gebracht hat: Er sei in die FDP eingetreten, weil man dort nicht die „Hacken zusammenschlagen“ müsse, weil „man dort diskutieren“ könne. „Das ist manchmal nicht einfach, wenn man selbst da oben steht, aber ich will es nicht anders.“ Irgendwann werde er auf einem Dreikönigstreffen auch „dort unten“ im Parkett sitzen. „Das wird vielleicht in 25 Jahren sein.“

          Westerwelle verteidigt auch seinen Generalsekretär Dirk Niebel. Der hatte in einem Gastbeitrag für die Zeitung „Tagesspiegel“ geschrieben, in der großen Koalition „muffe es wie einst bei der Nationalen Front“. Niebel war von Hans-Dietrich Genscher scharf kritisiert worden, Gerhart Baum hatte sogar den Rücktritt des Generalsekretärs gefordert. Niebel entschuldigte sich bei der Kanzlerin. „Wenn man die Kraft hat, auch zu sagen, das war nicht das Gelbe vom Ei, dann soll es das auch gewesen sein“, sagte Westerwelle zu Niebels Äußerungen. Er wolle lieber ihn als einen Generalsekretär, der schweige.

          Gerhard und Westerwelle geben sich kämpferisch

          Nachdem Westerwelle sich zum Abschluss der Dreikönigskundgebung mit der gesamten FPD-Führung zum Gruppenbild mit gelben Boxhandschuhen aufgestellt hatte, war Wolfgang Gerhard immer noch der wohl begehrteste Interviewpartner. Er habe nur gesagt, die Mannschaft müsse breiter werden, mit der von Westerwelle gerade vorgetragenen Programmatik sei er völlig einverstanden: „Wir müssen nur wertebezogener argumentieren, dabei bleibe ich.“

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