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Anschlag in Salzhemmendorf : Drei Tatverdächtige festgenommen

  • Aktualisiert am

Ein breites Polizeiaufgebot steht vor einer Asylbewerber-Unterkunft in Salzhemmendorf, auf die in der Nacht zum Freitag ein Brandanschlag verübt wurde. Bild: dpa

Nach einer Attacke auf eine Asylbewerber-Unterkunft in Salzhemmendorf hat die niedersächsische Polizei zwei Männer und eine Frau verhaftet, die den Anschlag bereits gestanden haben sollen.

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          Nach dem Brandanschlag auf eine Asylbewerberunterkunft im niedersächsischen Salzhemmendorf hat die Polizei drei Tatverdächtige gefasst. Zwei 24 und 30 Jahre alte Männer aus der Gemeinde im Kreis Hameln-Pyrmont und eine 23 Jahre alte Frau aus der Region Hannover seien am Freitagabend festgenommen worden, sagte ein Polizeisprecher der Deutschen Presse Agentur. „Es gibt auch Geständnisse“, sagte Niedersachsens Ministerpräsident Stefan Weil (SPD) dem Sender NDR.

          Der Brandanschlag auf eine Asylbewerberunterkunft in Salzhemmendorf hat in Niedersachsen Entsetzen ausgelöst. Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) verurteilte die Tat als „versuchten Mord“. Die Staatsanwaltschaft Hannover ermittelt wegen des Verdachts auf schwere Brandstiftung. In der Nacht zu Freitag hatten Unbekannte einen Molotow-Cocktail durch ein geschlossenes Fenster in die Flüchtlingsunterkunft in einem ehemaligen Schulgebäude geworfen. Eine 34 Jahre alte Frau aus Simbabwe und ihre drei Kinder im Alten von vier, acht und elf Jahren, die im Nebenraum schliefen, blieben nach Angaben der Polizei unverletzt.

          Die von einem Nachbarn alarmierte Feuerwehr konnte die Flammen löschen, bevor sie auf andere Räume übergriffen. In dem Gebäude leben 40 Menschen, darunter 31 Asylbewerber aus Simbabwe, der Elfenbeinküste, Pakistan, Syrien und dem Irak. Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD)sprach nach einem Gespräch mit der betroffenen Familie von „versuchtem Mord“. Die Tat sei der wohl „schwerwiegende Vorgang, den wir in Niedersachsen in den letzten Monaten und Jahren erlebt haben“, sagte Weil nach einem Besuch in der Weserbergland-Gemeinde. Die Täter hätten bewusst in Kauf genommen, dass Kinder, Frauen und Männer verbrennen können.

          „Ausländerfeindliche Straftat“

          Die Staatsanwaltschaft Hannover hat Ermittlungen wegen des Verdachts auf schwere Brandstiftung eingeleitet. „Aber das ist natürlich keine abschließende rechtliche Bewertung“, sagte Behördensprecherin Kathrin Söfker am Freitag in Hameln. Die Polizei hat eine 30-köpfige Sonderkommission eingerichtet. Sie arbeite mit Hochdruck an der Aufklärung der „ausländerfeindlichen Straftat“, sagte Göttingens Polizeipräsident Uwe Lührig.

          Schockiert: Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) in Salzhemmendorf

          Während die übrigen Bewohner nach dem Anschlag in der Unterkunft geblieben sind, wurde die Familie aus Simbabwe noch in der Nacht anderweitig untergebracht. Mutter und Kinder werden psychologisch betreut. Die Familie sei nach schweren Gewalterfahrungen aus ihrer Heimat nach Deutschland geflüchtet, sagte Ministerpräsident Weil. Er empfinde es als „tief beschämend, das eine solche Familie Deutschland ein weiteres Mal eine Gewalterfahrung machen muss“.

          Salzhemmendorfs Bürgermeister Clemens Pommerening verurteilte die Tat. „Ich bin völlig fassungslos, niemand hätte sich vorstellen können, dass bei uns so etwas passiert“, sagte der parteilose Politiker. „Bei uns herrscht gelebte Willkommenskultur.“ Es habe nichts darauf hingedeutet, dass in sich Salzhemmendorf etwas Vergleichbares hätte abspielen können. Auch für die Polizei kam der Brandanschlag unerwartet: „Es gibt in Salzhemmendorf und auch im gesamten Landkreis keine rechte Szene“, sagte Polizeisprecher Jens Petersen. Es habe im Ort und in anderen Kommunen der Region in der Vergangenheit keine fremdenfeindlichen Aktionen gegeben. Möglicherweise handele es sich um die Tat einen Einzelnen.

          Ein neuer rechtsextremer Terror?

          Am Freitagabend sollte in Salzhemmendorf vor dem Rathaus eine Kundgebung stattfinden, bei der die Bürger nach Angaben von Landrat Tjark Bartels zeigen wollen, dass sie zu den Flüchtlingen stehen. Salzhemmendorf mit seinen 9350 Einwohnern liegt in Südniedersachsen in der Nähe von Hameln. Weiter östlich, in Goslar, will am Samstag ein Bürgerbündnis gegen Rechtsextremismus protestieren. Anlass ist die Ankündigung einer Demonstration von Rechtsextremen, die gegen Bürgermeister Oliver Junk (CDU) mobil machen wollen. Der Politiker hatte sich für die Aufnahme von Flüchtlingen in der Stadt im Harz stark gemacht, um damit den Bevölkerungsrückgang zu stoppen.

          Die deutschen Sicherheitsbehörden prüfen einem Bericht der Zeitschrift „Spiegel“ zufolge, ob hinter den Übergriffen auf Flüchtlingsunterkünfte rechtsextreme Terrorgruppen stecken. Das Bundesamt für Verfassungsschutz habe einen dreiseitigen Fragebogen zu „rechtsextremistischen Anti-Asyl-Aktivitäten“ an die Landesämter verschickt. Darin frage die Behörde detailliert nach Rednern und dem „Aggressionsniveau“ von zurückliegenden Demonstrationen. Die Antworten sollten gemeinsam mit dem Bundeskriminalamt analysiert werden.

          Hohe Sicherheitsbeamte befürchteten das Entstehen neuer Terrorzellen ähnlich des NSU. Laut „Spiegel“ haben die Polizeibehörden der Länder aktuell zwar 384 sogenannte islamistische Gefährder registriert, aber nur 16 aus dem Neonazi-Milieu. Das Problem „ultrarechter Strukturen“ werde „systematisch kleingeredet“, beklagte Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau (Die Linke). „Ich fühle mich fatal erinnert an den Anfang der Neunzigerjahre, als nicht nur das NSU-Kerntrio sozialisiert wurde, sondern auch eine ganze Reihe anderer gewaltbereiter Neonazis.“

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