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Doppelte Staatsbürgerschaft : Deutschtürken zwischen Wut und Gelassenheit

  • -Aktualisiert am

Wem sollen Deutschtürken zujubeln? Bild: dpa

Die CDU diskutiert, ob die doppelte Staatsbürgerschaft abgeschafft werden soll – schon seit längerem ist das ein Reizthema bei den Deutschtürken. Auf die Frage, wohin sie gehören, geben sie unterschiedliche Antworten. 

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          Doppelte Staatsbürgerschaft? Nein, kein Thema im Köfte-Imbiss an der Berliner Hermannstraße. Politik interessiere ihn nicht, sagt der junge Mann hinter der Theke. Im Hintergrund laufen türkische Musikvideos, an der Klotür hängt ein Halal-Zertifikat. Deutsche, Türken, Kurden, alles kein Problem, Salat „mit alles“, Soße, Kräuter, Knoblauch, scharf? Aber irgendwie scheint es da doch ein Problem zu geben, wie der Kebabci, der gerade Zwiebeln und Petersilie hackt, nach einigem Nachfragen zugibt. Nur hätten das Problem nicht die Türken, sondern die Deutschen: „Sie haben keinen Respekt vor unserem Land und unserem Präsidenten.“ Der Kebabci in Berlin ist wütend, und auch seine Freunde seien wütend, sagt er. Hier geboren, spricht er besser Deutsch als Türkisch, aber seine Loyalität gehört trotzdem der Türkei. „Ich wähle Erdogan, weil er mein Präsident ist.“ Und Merkel, ist die nicht seine Bundeskanzlerin? Er zuckt mit den Schultern.

          Livia Gerster

          Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Schon länger beschäftigt Deutschland die Frage, wie viel Loyalität man von Deutschtürken erwarten darf, die seit Generationen hier leben und von denen viele einen deutschen Pass haben. Die CDU findet, man könne ihnen ruhig eine Entscheidung für Deutschland abverlangen. Auf dem Parteitag in Essen stimmte die Mehrheit der Delegierten nun für einen Antrag der Jungen Union, die Optionspflicht für in Deutschland geborene Kinder ausländischer Eltern wieder einzuführen. Das betrifft vor allem die Kinder türkischer Eltern, die dann nicht mehr beide Nationalitäten behalten könnten.

          Auf dem Kofferraumfenster eines VW Suran steht ein türkischer Spruch: „Der Türke, der mich Deutscher nennt, kann nicht türkischer sein als ich.“ Emre Accay hat sich mit hochgerecktem Daumen davor fotografieren lassen. Er findet es nicht nur lustig, sondern vor allem sehr wahr. Deutscher ist so etwas wie eine Beleidigung für ihn. Auf der Facebook-Seite „Die Türken sind überall“ bekommt das Foto Hunderte Likes, unter anderen von dem Kölner Taner Agri. Er postet regelmäßig auf diesen Seiten: „Osmanische Generation“ und „R.T. Erdogan – Stolz der Türkei“ heißen sie und haben um die 50.000 Abonnenten. Agri lässt dort seinen Frust über Deutschland raus. „Die Deutschen zeigen immer mehr ihr hässliches Gesicht“, schreibt er zum Beispiel. „Es macht den Türken viel Freude zu sehen, wie alles den Bach runtergeht in Europa.“ Agri, der in Deutschland geboren ist, wettert mittlerweile von der Türkei aus gegen Deutschland. Er ist vor sieben Jahren ausgewandert, denn „ich hatte keine Lust mehr in einer Leihfirma zu arbeiten für einen Hungerlohn. Ich habe definitiv das Potential, mehr aus meinem Leben zu machen“. Deutschland habe ihm keine Chance gegeben, sagt er.

          Aus der SPD ausgetreten

          Diese Wut nutzt auch der Administrator der Facebook-Seite „Wir haben Erdogan“, Ömer Faruk, der das Medium vor allem als Empörungsventil über die deutsche Türkei-Berichterstattung nutzt. „Lügenpresse“, „Scheiß-Zionisten“ und „PKK-Terroristen“ heißt es da über deutsche Journalisten, und gegen die müsse man sich wehren. Faruk schreibt: „Daher nochmal ganz laut: Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten.“ Was er mit dem Ausspruch eines islamischen Dichters, den auch Erdogan gerne zitiert, genau meint?

          Im Frankfurter Café an der Hauptwache wirkt Faruk gar nicht so zornig wie im Netz. Das sei eher so symbolisch, sagt der höfliche junge Mann in weißen Hemd, eine Reaktion auf das deutsche Türkei-Bild, das ihn „sehr verletzt“, diese ständige Provokationen, die Angriffe. Er habe keine Lust mehr, den gut integrierten Türken zu spielen, zu dem ihn seine Eltern erzogen haben: „Mein Vater hat mit mir geschimpft, wenn ich bei der WM nicht für Deutschland war“, erinnert er sich. Der Enkelsohn von Gastarbeitern spricht perfekt Deutsch, wechselte von der Haupt- auf die Realschule, machte eine Ausbildung zum Industriekaufmann und engagierte sich im SPD-Ortsverein.

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