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Dokumentation : „Dieser Staat wird euch nicht missbrauchen“

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Helmut Schmidt: „Auch ich glaubte: Wenn mein Land im Krieg ist, dann muss ich als Soldat meine Pflicht erfüllen” Bild: dpa

In einer bewegenden Rede hat der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt beim Gelöbnis vor dem Reichstagsgebäude am Jahrestag des gescheiterten Attentats auf Adolf Hitler vor den fatalen Folgen obrigkeitsstaatlichen Denkens gewarnt. FAZ.NET dokumentiert die Rede des Altkanzlers.

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          In einer bewegenden Rede hat der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt beim Gelöbnis vor dem Reichstagsgebäude am Jahrestag des gescheiterten Attentats auf Adolf Hitler vor den fatalen Folgen obrigkeitsstaatlichen Denkens gewarnt. FAZ.NET dokumentiert die Rede des Altkanzlers.

          Meine Damen und Herren!

          Lassen Sie mich zunächst Ihnen, Herr Bundesminister, für die Einladung danken, in der heutigen Feier das Wort zu ergreifen. Ich tue das mit innerer Bewegung. Denn heute vor über 70 Jahren bin ich selbst Rekrut gewesen. Und es liegt auch schon fast vier Jahrzehnte zurück, dass ich als Inhaber der Befehls- und Kommandogewalt zu unseren Soldaten sprechen durfte.

          „Wir sind zum Gehorsam gegenüber Obrigkeit und Staat erzogen und gedrillt worden”

          Heute will ich mich besonders an die Rekruten wenden und will versuchen, ihnen ein kleines Stück meiner eigenen geschichtlichen Erfahrung vorzutragen.

          1937 bin ich als Wehrpflichtiger eingezogen worden. Damals habe ich die nationalsozialistische Führung Deutschlands für verrückt gehalten und habe sie als ein Übel betrachtet. Aber dass sie aus Verbrechern bestand, das habe ich noch während des Hitlerschen Weltkrieges nicht begriffen.

          Erstmals als ich im Herbst 1944 als Zuhörer zum sogenannten Volksgerichtshof abkommandiert war und dort einen Tag des unmenschlichen Schauprozesses gegen die Widerstandskämpfer des 20. Juli miterleben musste, erst da habe ich angefangen, den verbrecherischen Charakter des „Dritten Reiches“ zu begreifen.

          Jedoch habe ich danach gleichwohl als kämpfender Soldat weiterhin meine Befehle und Pflichten befolgt - so wie Millionen anderer Soldaten auch. Damals, in den letzten sieben oder acht Monaten des Krieges sind zivile Bürger und Soldaten in größerer Zahl um ihr Leben gebracht worden als vorher während der ganzen ersten sechs Jahre des Krieges. Diese ungeheuren Opfer aus fast allen europäischen Völkern waren absolut sinnlos, denn unser schließlicher Zusammenbruch war längst erkennbar.

          Auch wenn das Attentat auf Hitler geglückt wäre - das katastrophale Ende war gleichwohl gewiss. Trotzdem haben wir weitergekämpft. Und die Arbeiterinnen und Arbeiter in der Rüstung haben weitergearbeitet. Denn in den Schulen, in den Kirchen und in den Fabriken waren wir zum Gehorsam gegenüber Obrigkeit und Staat erzogen und gedrillt worden. Vor allem aber hatte jedermann Angst vor der Gestapo und vor dem Kriegsgericht.

          Schon seit 1941, seit unserem Überfall auf die Sowjetunion, ist mir klar gewesen, damals zwanzig Jahre alt, dass Deutschland den Krieg verlieren würde. Er würde in einer Katastrophe enden. Gleichwohl blieb ich patriotisch gesonnen und glaubte: Wenn mein Land im Krieg ist, dann muss ich als Soldat meine Pflicht erfüllen. Das hatte ja mein Vater 1914 genauso getan.

          Die meisten der Frauen und Männer vom 20. Juli 1944 waren weitgehend ähnlich erzogen worden. Was sie aber vor vielen Millionen Deutscher auszeichnete, das war ihre Überzeugung, dass es gleichwohl ihre moralische Pflicht war, wenigstens einen letzten Versuch zum Staatsstreich zu unternehmen. Manche von ihnen haben geahnt oder gewusst, dass selbst ein geglückter Staatstreich die Katastrophe nicht mehr abwenden konnte. Tresckow hat es gewusst- und hat gesagt: „Ja, trotzdem!“ Ähnlich Stauffenberg, der Julius Leber zum Reichskanzler machen wollte. Leber aber wusste auch: In jedem Falle wird die bedingungslose Kapitulation Deutschlands unausweichlich.

          Tatsächlich hat später die Kapitulation das Schicksal unseres Volkes in die Hände der siegreichen Feinde gelegt. Wenn heute drei Bundesverteidigungsminister nacheinander die Verbindung des Gedenkens an den 20. Juli 1944 mit dem feierlichen Gelöbnis von heutigen Rekruten als eine Tradition geschaffen haben; wenn inzwischen neben deutschen Politikern auch hervorragende Repräsentanten der Polen und der Franzosen, der Engländer und der Amerikaner, der Norweger und der Holländer sich als Redner an dieser Tradition beteiligt haben, so haben sie damit die heroische moralische Leistung des aktiven Widerstands gegen Hitler ehren wollen.

          Zugleich haben sie die von ihren Nationen ausgehende Versöhnung mit uns Deutschen bestätigt. Vor allem haben sie ihr Vertrauen in Deutschland ausgedrückt - und ihr Vertrauen in unsere beständige Einbindung in die europäische Gemeinschaft.

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