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DNA-Ermittlungspanne : In die Sackgasse mit Artikelnummer 420180

Brachten die Ermittlungspanne ins Rollen: Abstrich-Wattestäbchen der Greiner Bio One GmbH Bild: ddp

Jetzt ist es amtlich: Die Gen-Spuren vom Mord an einer Polizistin in Heilbronn stammten definitiv nicht von einem Tatbeteiligten, sagte der Leiter der Staatsanwaltschaft Heilbronn am Freitag in Stuttgart. Nach der DNA-Panne beginnt Stuttgart unterdessen damit, die kriminalistischen und politischen Folgen aufzuarbeiten.

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          Das Abstrichbesteck hat die Artikelnummer 420180. „Gefäß aus Polystrol, mit Wattetupfer aus Baumwolle“, heißt es im Online-Shop des Händlers für Medizinalartikel aus dem württembergischen Frickenhausen. Vermutlich war es dieses Set aus einem Gefäß, einem Deckel und einem Wattestäbchen, das die Ermittlungsarbeit von vier Sonderkommission zur Aufklärung des Heilbronner Polizistenmordes in eine Sackgasse geführt hat. Zwar wird in der Produktbeschreibung nicht ausdrücklich vor der Verwendung für DNA-Proben gewarnt. Aber immerhin heißt es, das Wattestäbchen sei „optimal geeignet für die Entnahme von nicht-humanen bakteriologischen, serologischen und zytologischen Proben, ebenso für Hygienekontrollen in der Lebensmittelindustrie“. Haben die Kriminologen des Landeskriminalamtes also das falsche Material eingekauft?

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Eine Sprecherin des Unternehmens bestätigt dieser Zeitung am Freitag die Lieferungen. Der Artikel 420180 sei an das baden-württembergische Landeskriminalamt (LKA) geliefert worden, es habe auch beratende Gespräche gegeben. „Von uns wurde eindeutig gesagt, für welche Anwendungsbereiche das Produkt eingesetzt werden kann“, sagt die Sprecherin. Damit verteidigt das Unternehmen den Verkauf dieses Artikels, weil der baden-württembergische Innenminister Heribert Rech (CDU) als Antwort auf die mutmaßliche Fahndungspanne den Lieferanten der Wattestäbchen schon am Donnerstag mit rechtlichen Schritten gedroht hatte. „Wir prüfen Schadenersatzforderungen. Zunächst müssen wir aber wissen, wer welche Wattestäbchen geliefert hat“, sagt eine Sprecherin des Innenministeriums am Freitag.

          Röhrchen bestimmt für Mikrobiologie

          Die baden-württembergische Firma in Frickenhausen vertreibt den Artikel nur. Konfektioniert wird das Probenset von einem bayerischen Hersteller. Die Sets aus Probenröhrchen samt Stopfen seien für Erbgutanalysen nicht geeignet, sagt der Geschäftsführer des oberfränkischen Kunststoffunternehmens Böhm Plastics, Lutz Unger, laut Deutscher Presse-Agentur. Sie würden manuell montiert; dabei trügen die Mitarbeiter spezielle Schutzkleidung samt Schutzhandschuhen. DNA-Freiheit sei aber nie garantiert worden.

          Die an die Vertriebsfirma Greiner Bio One gelieferten Proberöhrchen seien für die Mikrobiologie produziert worden. Die Baumwolle und das Holz für das Teststäbchen stammen angeblich von einem Importeur aus Norddeutschland. Deshalb werden seit Donnerstag im Auftrag des Landeskriminalamts angeblich Speichelproben bei mehreren Mitarbeitern der beteiligten Firmen genommen. Es soll nun geprüft werden, wer die Wattestäbchen mit fremden DNA-Material kontaminiert haben könnte.

          Taugen DNA-Analysen?

          In der politischen Diskussion über eine der vielleicht folgenreichsten Fahndungspannen der deutschen Kriminalitätsgeschichte nach 1945 rücken nun zwei Aspekte in den Vordergrund: der grundsätzliche Wert von DNA-Analysen in der Ermittlungarbeit und die politische Verantwortung von Innenminister Rech (CDU) für die erfolglose Arbeit der Heilbronner Sonderkommission „Parkplatz“. Wenn schon im April 2008 einige hundert Wattestäbchen überprüft worden sind, wenn es aus den Medien und zunehmend seit den Spurenfunden im vergangenen Herbst und Anfang dieses Jahres Hinweise gab, dass zu den ermittelnden Details kein Personenprofil passen kann – hätte die Politik die Polizei dann nicht auffordern müssen, von ihrer eindimensionalen Suche nach einer „unbekannten weiblichen Person“ Abstand zu nehmen?

          Rech sagte am Donnerstag, er sei über den Stand der Ermittlungen „umfassend informiert“ gewesen. Seit April 2008 sei die Frage der Fremdkontamination geprüft worden. Fast ein Jahr dauerte es noch, bis die Erkenntnisse über einen möglichen Ermittlungsfehler zu Konsequenzen führten. Auch wenn erste Kontrollen der Wattestäbchen keine Kontamination zutage förderten, ist das eine lange Zeit. Schließlich wurde das Bild des Phantoms immer diffuser.

          Sitzung des Innenausschusses

          Mit der vordergründigen Begründung, die Polizeidirektion Heilbronn sei mit der Ermittlungsarbeit überlastet, hatte Polizeipräsident Erwin Hetger die Sonderkommission Anfang Februar überraschend in das Landeskriminalamt in Stuttgart verlegt. Der oppositionelle grüne Innenpolitiker Uli Sckerl fragt deshalb, „warum nicht schon längst offensichtlich vorhandene massive interne Zweifel ernsthaft aufgegriffen“ worden seien. In der Sitzung des Innenausschusses am kommenden Mittwoch erwarte man von Resch Aufklärung.

          Die zweite Frage betrifft die Nutzung der DNA-Analytik für die Kriminalistik grundsätzlich: Seit den ersten Erfolgen mit DNA-Analysen, etwa bei der Aufklärung einer Vergewaltigung in Freiburg 1989 oder des Reitermords in Großbottwar, ist dieser Zweig der Kriminaltechnik immer weiter ausgebaut worden. Fünf Analyseroboter gibt es mittlerweile im Kriminaltechnischen Institut des Stuttgarter Landeskriminalamts, etwa 50 Mitarbeiter sind nur damit beschäftigt, DNA-Spuren für das Labor aufzubereiten und auszuwerten.

          Allein 20.000 Analysen in 2008

          Die Zahl der untersuchten DNA-Spuren stieg von Jahr zu Jahr: Wurden 2005 noch 14.000 Spuren analysiert, waren es 2008 schon 20.000. Im Computer haben die Kriminologen allein für Südwestdeutschland 95.000 DNA-Profile von verdächtigen Personen und etwa 10.900 Spuren gespeichert, zu denen noch keine Identität ermittelt werden konnte. Auf vieles haben sich die Kriminologen im LKA vorbereitet. So ist immer wieder geprüft worden, ob Mitarbeiter die Proben mit ihren eigenen Haaren oder Hautschuppen verunreinigt haben könnten. Aber an kontaminierte Wattestäbchen, die für DNA-Proben ungeeignet sind, haben sie offenbar nicht gedacht.

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