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Deutschlands marode Schulen : Zu kleine Räume für zu viele Schüler

Der neue Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL), der bayerische Gymnasialschulleiter: Heinz-Peter Meidinger

Zu den wichtigen Themen zählt Meidinger auch den Schulhausneubau. Nach vierzig Jahren seien die Gebäude zumeist baufällig. Alle in den siebziger Jahren für die geburtenstarken Jahrgänge errichteten Betonbauten sind also in die Jahre gekommen. Allein in Berlin rechnet die Senatsverwaltung für Bildung mit einem Sanierungsbedarf von 3,9 Milliarden Euro im Schulbereich. Dass nun offen darüber gesprochen wird, ist auch den Elterninitiativen zu verdanken, die nicht müde wurden, in Demonstrationen und Aktionen auf undichte Dächer, Fenster, kaputte Heizungen, unzumutbare Toiletten und vieles mehr aufmerksam zu machen. Nach der Ankündigung des Senats, 1,6 Milliarden im Jahr 2017 für Sanierung aufzuwenden, ist nicht viel passiert, weil die Bezirksämter das Geld auch abrufen müssen. In mancher Hinsicht können sich Schüler glücklich schätzen, in einem alten Schulgebäude unterrichtet zu werden, weil sie deutlich größere Schulräume haben.

Denn heute, beklagt Meidinger, würden die Klassenzimmer in Neubauten zu klein gebaut, es seien etwa zwei Quadratmeter weniger, beklagt er. In der Geflügelzuchtverordnung sei der Platz für eine Henne um das dreifache gestiegen, meint der Präsident lakonisch. Die Bandbreite von 58 Quadratmetern bis 70 Quadratmetern für einen Klassenraum existiere in den meisten Ländern nur auf dem Papier. Die meisten Klassenzimmer sind nur 58 bis 59 Quadratmeter groß, bei einer Klasse mit 30 Schülern bleiben dem einzelnen nicht einmal zwei Quadratmeter, die Schränke und sonstiges Mobiliar wie Garderoben nicht einmal eingerechnet. Angesichts der heterogenen Klassen mit teilweise auch aggressiven Schülern ist das nicht trivial.

Und es gibt noch ganz andere bürokratische Gründe in den Förderverordnungen, dass die Klassenzimmer kleiner werden. Wenn ein Landkreis großzügig sein will und mit 65 bis 70 Quadratmetern baut, sinkt sofort der Fördersatz für das neu zu bauende Schulgebäude. Die geringste Größe für Klassenräume wird nach den geltenden Förderrichtlinien am meisten bezuschusst. Das betreffe alle Schularten, sagt Meidinger. Nur sehr reiche Gemeinden könnten sich also geräumige Schulbauten leisten. Wer indessen in einer finanzschwachen Gemeinde wohne, werde auch mit entsprechend beengten Schulräumen vorlieb nehmen müssen. Mit Bildungsgerechtigkeit habe das nicht mehr viel zu tun, findet Meidinger. Damit will sich der DL in nächster Zukunft befassen.

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Trotz fortschreitender Digitalisierung hält Meidinger nach wie vor Schulbibliotheken für äußerst wichtig. Allerdings müssten sie künftig völlig anders aufgebaut sein. In Zukunft müsse Schülern klar gemacht werden, dass eine Schulbibliothek einen enormen Reichtum biete. Auf Enzyklopädien könne man verzichten, auch auf Monographien, die im Internet leicht zugänglich seien. Doch 95 Prozent des Weltwissens fänden sich nicht im Internet, meint der DL-Präsident. Für die Schulbücher sieht Meidinger erhebliche Veränderungen. „Auf Schulbücher in der jetzigen Form werden wir in Zukunft verzichten können, was nicht heißt, dass es nicht digitale Nachfolgemedien geben wird.“ Eine Revolutionierung des Lernens werde es aber nicht geben, der Lernprozess an sich werde mühsam bleiben, ganz gleich, ob mit Tablet oder Karteikarten gelernt werde.

Auch der Lehrer als Vermittler des Wissens bleibe zentral. Für die Digitalisierung der Schulen wäre es sinnvoll, wenn der Bund die Ausstattung mitfinanziere, während die Länder und Kommunen die personellen Ressourcen für die Wartung der Technik durch einen professionellen IT-Service übernehmen.

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