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Diskussion mit Steinmeier : „Ich will einfach Leute wieder in den Arm nehmen können“

  • -Aktualisiert am

„Politik lebt davon, dass es öffentliche Räume gibt“: Das Präsidentenehepaar diskutiert mit Gästen im Garten des Schloss Bellevue am Donnerstag. Bild: Imago

Der Bundespräsident spricht mit sechs Gästen „face to face“ über die Pandemie. Sie erzählen davon, was Telefon, Video und Internet nicht ersetzen können. Vor allem die Zivilgesellschaft leide unter den Beschränkungen.

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          Es klingt wie ein Hilferuf: „Ich will einfach Leute wieder in den Arm nehmen können.“ Der Leiter eines Berliner Gesundheitsamtes sitzt an einem langen Tisch unter einem sehr stabil wirkenden Zeltdach, das neu ist und zum ersten Mal im Garten des Schloss Bellevue aufgebaut wurde. Ihm schräg gegenüber sitzen mit zwei Metern Abstand Elke Büdenbender, die Frau des Bundespräsidenten, und ihr Mann, Frank-Walter Steinmeier. Nachdem das Coronavirus den Präsidenten über Monate gezwungen hat, im Wesentlichen per Telefon und Video-Gespräch herauszufinden, was seine Landsleute denken, kommt die vor drei Jahren von ihm ins Leben gerufene „Kaffeetafel“ am Donnerstag um 11 Uhr analog im Garten des Schlosses zusammen. „Ich genieße das so, dass wir hier zusammensitzen“, sagt der Leiter des Gesundheitsamtes.

          Eckart Lohse
          Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.

          Was im ersten Moment banal klingen mag – die Freude am Beisammensein unter präsidialen Bäumen bei herrlichem Sommerwetter –, ist zugleich der Kern des zweistündigen Gesprächs, an dem noch eine Lehrerin, eine Mutter und Elternvertreterin, ein Metallbaumeister, die Mitarbeiterin einer Bank und eine Aktivistin der Klimabewegung „Fridays for future“ teilnehmen, die Namen sollen nicht in der Zeitung stehen. „Wenn ich streite, dann kann ich das nicht per Videokonferenz“, sagt der Mann vom Gesundheitsamt. Trotz unterschiedlicher Meinungen wäre der Begriff Streit falsch, um das Gespräch zu charakterisieren. Was gemeint ist, wird gleichwohl klar: Bestimmte Fragen kann man nur von Angesicht zu Angesicht klären.

          Vieles kann durch elektronische Kommunikation nicht ersetzt werden

          Kommunikation findet „face to face“ statt, sagt die Lehrerin. Dabei lässt sie keinen Zweifel daran, dass die Pandemie erhebliche Defizite bei der Ausstattung der Schulen und der Schüler mit digitalen Möglichkeiten offengelegt hat. Schüler aus einem „schwierigen Umfeld“ seien daher auch gelegentlich aus dem Blick geraten. Doch jenseits dieser seit März zu hörenden Erkenntnis wird vor allem deutlich, was durch E-Learning, Aktionen im Netz, oder andere Formen der elektronischen Kommunikation nicht ersetzt werden kann.

          Die Anwesenheit der Schüler und Lehrer in der Schule wird als wichtig beschrieben. Sogar der Abstand von 1,5 Metern scheint zu viel. „Sie können Pädagogik nicht aus 1,5 Metern Abstand machen“, sagt die Lehrerin. Die Mutter und Elternvertreterin beschreibt die vor allem in der frühen Phase des Lockdowns bestehenden Probleme mit dem Lernen aus der Distanz, besonders dann, wenn die Eltern im Homeoffice auch arbeiten müssten. Erst hätten sie und ihr Mann mit den Kindern beschlossen, dass es gemeinsame Zeit gebe, in der alle ihre jeweiligen Aufgaben erfüllten. Als sich das als nicht praktikabel herausgestellt habe, weil die Kinder Hilfe gebraucht hätten, habe man „nach drei Tagen aufgegeben und Schichtdienst gemacht“.

          Reden und zuhören tut gut.
          Reden und zuhören tut gut. : Bild: dpa

          Die Schwierigkeiten der Distanz werden dem Bundespräsidenten auch auf anderen Gebieten deutlich gemacht. Der Metallbaumeister musste zwar für vier Wochen in die Kurzarbeit mit seinem Unternehmen. Im Mai ging das Geschäft dann aber wieder los, erzählt er Steinmeier. Er stand nicht vor der Alternative, digital oder analog, denn Balkongeländer lassen sich nun mal nicht aus dem Homeoffice per Videokonferenz montieren. Dennoch stellen die Pandemie-Beschränkung seiner Darstellung nach das Handwerk vor ein großes Problem. Die Ausbildungsmessen, auf denen sich Schulabgänger über berufliche Möglichkeiten informieren können, fallen weg. Jugendliche, die noch unsicher sind, tun sich schwerer mit der Entscheidung für einen Ausbildungsberuf, verlängern womöglich aus dieser Unsicherheit doch die Schulzeit. Man habe es mit Videomessen versucht, sagt der Handwerksmeister. Das sei aber schwierig.

          „Da trendet mal ein Hashtag“

          Auch die Jüngste am Tisch, die Aktivistin von „Fridays for future“, weist auf die Grenzen der digitalen Möglichkeiten hin. Zunächst tut sie das als Studentin. Das Vermitteln von Studieninhalten scheint sie nicht als das wesentliche Problem anzusehen. Das gehe digital ganz gut. Es gebe schließlich Lernplattformen. Ein größeres Problem bestehe darin, dass das Studium auch im Austausch mit anderen Studenten bestehe. Der findet derzeit allerdings nur sehr eingeschränkt satt, zumindest jenseits der elektronischen Kommunikation.

          Noch deutlicher schildert sie die Nachteile für die Zivilgesellschaft. Sie macht deutlich, wie schwierig es ist, über das Netz für klimapolitische Ziele zu mobilisieren. „Da trendet mal ein Hashtag“, erzählt sie dem Bundespräsidenten. Doch blieben Aufrufe im Netz „in der Blase hängen“. Im Netz zu mobilisieren sei „unglaublich schwierig“. Gleichzeitig sei unklar, für wann „Fridays for future“ wieder einen großen Klimastreik organisieren könne. „Der Druck von der Straße ist politisch relevant“, erklärt sie Steinmeier. Das sei online noch nicht so. Das Digitale könne eine Ergänzung sein, werde aber nie reichen. Der Bundespräsident „kann nur zustimmen“, wie er beteuert. „Politik lebt davon, dass es öffentliche Räume gibt.“

          Für die Stadt Berlin erzeugen die Beschränkungen im Zuge der Pandemiebekämpfung Schwierigkeiten, die so gar nicht virtuell gelöst werden können. Ein Viertel der Wirtschaftskraft in der Hauptstadt komme von den Touristen, sagt die Bankmitarbeiterin.

          Für die Rückkehr in die analoge Welt ist die Frage von Bedeutung, in welchem Tempo die Beschränkungen aufgehoben werden müssen. „Die Menschen sind nie vernünftig“, sagte der Leiter des Gesundheitsamtes, schränkt dann jedoch ein, dass sie es „für eine bestimmte Zeit“ seien. „Irgendwann müssen die Kontaktbeschränkungen auch fallen, weil die Leute platzen“, sagt der Arzt. Dass Risiken dabei entstünden bestreitet er nicht, aber die gehe man ja auch sonst ein. Das wird von Seiten des Präsidentenpaares als „Plädoyer für ein Risiko mit Augenmaß“ beschrieben. Steinmeier fragt, ob das denn nicht gerade mit den Lockerungen geschehe.

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