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Dioxin-Funde : 400 Euro für ein Ei

  • -Aktualisiert am

Bild: reuters

Nicht nur die Schließung ihrer Höfe im Zuge der Dioxinfunde in Futtermitteln kostet die Landwirte viel Geld. Auch für die Wiedereröffnung müssen sie viel zahlen.

          2 Min.

          Das Veterinäruntersuchungsamt in Münster ist derzeit noch besser ausgelastet als sonst. Denn fast alle Proben von bisher 14 Geflügelzuchtbetrieben in Nordrhein-Westfalen, in denen dioxinbelastetes Futter eines Herstellers aus Schleswig-Holstein verfüttert wurde, werden derzeit in der Anstalt des öffentlichen Rechts untersucht.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Nicht nur deshalb hatte der nordrhein-westfälische Verbraucherschutzminister Johannes Remmel (Grüne) am Dienstag das Amt für einen Besuch ausgewählt, um im aktuellen Lebensmittelskandal Tatkraft zu demonstrieren. Aus der Sicht Remmels war das Amt auch deshalb für seinen Auftritt prädestiniert, weil dort der international anerkannte Lebensmittelchemiker Peter Fürst tätig ist, der in der Fachwelt flapsig als „Dioxin-Papst“ bezeichnet wird.

          In Münster forderte Remmel als Konsequenz aus dem Skandal unter anderem, Futtermittelherstellern künftig vorzuschreiben, eine Haftpflichtversicherung abzuschließen. Schon vor drei Jahren sei über diese Idee auf Initiative der EU diskutiert worden. Remmel will mit der Versicherungspflicht künftig ausschließen, dass Landwirte auf Schäden sitzenbleiben, die sie nicht verursacht haben.

          Silos des Futtermittelherstellers Harles und Jentzsch in Uetersen
          Silos des Futtermittelherstellers Harles und Jentzsch in Uetersen : Bild: dpa

          Kein Abnehmer für 450.000 Eier

          Dass landwirtschaftliche Betriebe schnell in eine existenzgefährdende Lage kommen können, zeigt ein Fall aus dem Landkreis Soest. Nachdem kurz vor der Jahreswende die Lieferliste des Futtermittelherstellers ausgewertet worden war, waren insgesamt vierzehn Höfe in Westfalen gesperrt worden. Geflügel und Eier von den Höfen dürfen nun nicht mehr vermarktet werden.

          Allein bei dem Landwirt in Kreis Soest sammelten sich 450.000 Eier an, für die es keine Abnehmer mehr gibt - obwohl in diesem Fall zwei Untersuchungen ergeben haben, dass die Eier von zwei aus drei Ställen eine Dioxinbelastung knapp unter dem Grenzwert von drei Pikogramm aufweisen und Legehennen aus einer dritten Stallabteilung mit einer deutlichen Grenzwertüberschreitung mittlerweile geschlachtet und, wie der zuständige Kreisveterinär Winfried Hopp formuliert, „unschädlich beseitigt“ wurden. „Dabei ist uns der Zufall zu Hilfe gekommen“, sagte der Veterinär der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Denn die 8000 Hennen seien am Ende der Legeperiode und sowieso schon zur Schlachtung angemeldet gewesen. „Alleine die Tatsache, dass Hühner wegen überschrittener Dioxingrenzwerte nutzlos für die Eierproduktion geworden sind, genügt tierschutzrechtlich nicht, sie zu töten.“ Hans-Heinrich Berghorn vom westfälisch-lippeschen Landwirtschaftsverband findet das gänzlich unverständlich. „Bei Dioxin hört der Spaß auf. Verbraucherschutz muss in jedem Fall vor Tierschutz gehen.“

          „Wir müssen die Kreisläufe trennen“

          Zwar ist die Sperrung des Betriebs im Kreis Soest mittlerweile wieder aufgehoben, doch musste der Landwirt seinen Hof selbst "freiproben" lassen. Pro untersuchtem Ei fallen nach Angaben von Insea Pewsdorf, die beim Deutschen Bauernverband (DBV) Referentin für Futtermittel und Qualitätssicherung ist, Kosten zwischen 300 und 400 Euro an. In Niedersachsen, wo derzeit 1000 Betriebe gesperrt sind, könne sich die "Freiprobung" teilweise noch Wochen hinziehen, äußerte Frau Pewsdorf. "Schließlich sind die Labor-Kapazitäten beschränkt." Ein völliges Rätsel ist für die DBV-Referentin, weshalb Futtermittel und Industriefette überhaupt an ein und demselben Ort verarbeitet wurden. „Wie kann das sein?“

          Der nordrhein-westfälische Verbraucherschutzminister sieht in diesem Punkt dringenden Handlungsbedarf. „Wir müssen die Kreisläufe trennen.“ Der Teil „Futtermittel“ der Produktionskette sei offenbar nicht ausreichend überwacht worden. Auch stelle sich die Frage, ob die derzeitige Art der Lebensmittelherstellung noch zukunftsfähig sei. „Wenn ein einziger Futtermittelhersteller eine solche Welle auslösen kann, ist das System höchst anfällig“, sagte Remmel der F.A.Z.

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