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Dioxin auch in Hessen und Rheinland-Pfalz : Bauern rufen nach Entschädigungen

  • Aktualisiert am

Der Bauernverband fordert einen Entschädigungsfonds Bild: dapd

Wer zahlt für die Schlamperei beim Tierfutter? Die Bauern wollen die Futtermittelindustrie in die Pflicht nehmen. Der Bauernverband fordert zudem eine strikte Trennung in der Produktion. Auch die Politik will schwarzen Schafen in der Futtermittel-Branche mehr Druck machen. Diskutiert wird über härtere Strafen.

          Der Schaden im Dioxin-Skandal wird immer größer. Mit Hessen und Rheinland-Pfalz waren am Donnerstag das elfte und zwölfte Bundesland betroffen. Bis zu 150.000 Tonnen Futter mit dem krebserregenden Gift hatten in Deutschland Unmengen von Schweinefleisch und Geflügelprodukten verseucht. Woher das Dioxin kommt, ist laut Bundesregierung immer noch unklar.

          Im Fokus der Ermittlungen steht der Futtermittelkomponenten- Hersteller Harles und Jentzsch aus Uetersen in Schleswig-Holstein. Bei diesem war die Verunreinigung von Futtermitteln mit Dioxin festgestellt worden, die zur Verunsicherung von Millionen Verbrauchern beim Gang in den Supermarkt geführt hat.

          Die Staatsanwaltschaft Itzehoe ermittelt gegen das Unternehmen. Bei Razzien im Firmensitz und bei einem Partnerbetrieb im niedersächsischen Bösel hatten die Behörden am Mittwoch zahlreiche Unterlagen beschlagnahmt. Den Geschäftsführern werden Verstöße gegen das Lebens- und Futtermittel-Gesetzbuch vorgeworfen. Nach Angaben des Niedersächsischen Landesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit wurde der Betrieb in Bösel illegal betrieben und deshalb nicht kontrolliert.

          Nach Einschätzung des Bauernverbands kann die Sperrung eines Hofs 10.000 oder 20.000 Euro kosten

          Harles und Jentzsch wies Gerüchte zurück, dass die Firma Insolvenz anmelden würde. „Es ist nicht so. Wir arbeiten weiter“, sagte Geschäftsführer Siegfried Sievert der Nachrichtenagentur dpa. Futtermittel würden zur Zeit nicht verkauft, aber das Geschäft mit technischen Fettsäuren sichere die Existenz. Das niedersächsische Agrarministerium kritisierte die Firma. Für die Entschädigungsforderungen sei „als erster der Verursacher“ heranzuziehen - „auch wenn der versucht, sich aus der Affäre zu stehlen“, sagte der Sprecher des Ministeriums.

          Den Schaden haben vor allem die Bauern, 4709 Höfe in ganz Deutschland sollen nach Angaben der Deutschen Presse-Agentur bislang als Vorsichtmaßnahme gesperrt sein - deshalb fordert der Branchenverband einen Entschädigungsfonds. „Für die Verluste der Bauern, die ihr Geflügel keulen und ihre Eier vernichten müssen, werden die Verursacher des Schadens aufkommen müssen“, sagte der Generalsekretär des Bauernverbandes, Helmut Born, der „Berliner Zeitung“. Nach seiner Einschätzung kann die Sperrung eines Hofs den Besitzer „sehr schnell 10.000 oder 20.000 Euro Umsatz“ kosten. Bei großen Putenmastbetrieben könnte sich der Schaden am Ende sogar auf bis zu eine Million Euro summieren. Ein Entschädigungsfonds sollte von der Futtermittelbranche gespeist werden, erklärte Born der dpa.

          In Osthessen wurde am Donnerstag in einem Mastbetrieb Dioxin-Alarm geschlagen. 320 Ferkeln hatten in Thüringen belastetes Futtermittel gefressen und waren danach nach Hessen geliefert worden. In Baden- Württemberg erklärte das zuständige Ministerium, dass möglicherweise dioxinbelastete Ware ins Land gelangt ist. Es handele sich dabei um Schlachttiere sowie pasteurisiertes Flüssigei. Sie sollen aus niedersächsischen Betrieben stammen, die dioxinbelastete Futtermittel verwendet haben.

          Dioxin auch in Rheinland-Pfalz: Besonders Wochenmärkte betroffen

          Auch in Rheinland-Pfalz sind am Donnerstag mit giftigem Dioxin verseuchte Eier gefunden worden. Wie das Umweltministerium mitteilte, sind die Eier, die den giftigen Stoff beinhalten, besonders auf Wochenmärkten aufgetaucht.

          Die Bauern pochen auf eine Entschädigung von der Futtermittelindustrie und fordern einen Fonds. Die Firma, die die Verunreinigung mit Dioxin festgestellt hatte, sieht das eigene Überleben trotz Insolvenz- Gerüchten gesichert.

          Die Verbraucher reagierten verunsichert. So befürchtet der Geflügelwirtschaftsverband in Thüringen zum Beispiel, dass vielen Menschen der Appetit auf Eier und Geflügelfleisch vergeht. „Momentan spüren wir davon noch nichts“, sagte der Geschäftsführer des Verbandes, Silvio Schmidt, der dpa. „Aber wir rechnen damit, dass in den kommenden Tagen die Nachfrage zurückgehen wird.“ Das ganze Ausmaß des Skandals war weiter unklar. Jedoch wurden Rufe nach besseren Kontrollen der Lebensmittelbranche laut. Die Industrie kann aber nach Angaben des Bundesverbandes der Lebensmittelkontrolleure (BVLK) gar nicht vollständig überprüft werden. Es fehlten in Deutschland bis zu 1500 staatliche Prüfer, um die Branche effektiv zu überwachen, sagte der BVLK-Vorsitzende Martin Müller der „Neuen Osnabrücker Zeitung“

          Bisher seien bundesweit 2500 Kontrolleure für 1,1 Millionen Betriebe in der Lebensmittelindustrie zuständig. In manchen Regionen stehe nur ein Mitarbeiter für 1200 Firmen zur Verfügung. Die Folge sei, dass etwa jedes zweite Unternehmen in Deutschland innerhalb eines Jahres überhaupt nicht kontrolliert werde, sagte Müller.
          Um den Dioxin-Skandal ist auch ein Streit zwischen Nordrhein- Westfalen und Niedersachsen entbrannt. Die Niedersachsen hätten das Problem unterschätzt und nur schleppend informiert, meinte NRW-Verbraucherschutzminister Johannes Remmel (Grüne). Hannover wies die Vorwürfe zurück.

          Zahlen und Fakten zum Dioxin-Skandal

          - Bis zu 3000 Tonnen verseuchtes Tierfutterfett wurden nach Erkenntnissen der Bundesregierung im November und Dezember 2010 hergestellt.

          - Es gab sieben verdächtige Lieferungen an 25 Futterhersteller in Hamburg, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Sachsen-Anhalt. Ein Großteil des verseuchten Futterfettes ging nach Niedersachsen. Die Futtermittelhersteller belieferten landwirtschaftliche Betriebe.

          - Das Fett wurde in Mischfutter für Legehennen, Mastgeflügel und Schweine eingemischt - insgesamt handelt es sich um bis zu 150 000 Tonnen Futter.

          - Das Fertigfutter ging an zahlreiche Legehennen- und Schweinemastbetriebe. Mindestens zwölf Bundesländer sind von dem Skandal betroffen.

          - Mehr als 1000 landwirtschaftliche Betriebe in Deutschland wurden wegen des Skandals gesperrt.

          - 136.000 möglicherweise dioxinverseuchte Eier aus Deutschland sind in den Niederlanden nach Erkenntnissen der EU-Kommission in der Nahrungsmittelindustrie verarbeitet worden. Sie seien nicht in den Handel gelangt.

          - Am Abend des 21. Dezember meldete ein Mischfutterhersteller aus Dinklage in Niedersachsen erhöhte Dioxinwerte. Er hatte sie bei einer Eigenuntersuchung entdeckt. Mit seiner Meldung machte er den Skandal publik. Das Unternehmen hatte das verunreinigte Futterfett von der Firma Harles und Jentzsch in Uetersen in Schleswig-Holstein bekommen.

          - Das Niedersächsische Landwirtschaftsministerium wurde am 23. Dezember 2010 informiert, dass Legehennenfutter mit Dioxinen belastet ist. Der Verkauf von Eiern aus 22 Betrieben, die dieses Futter verwendet hatten, wurde umgehend gestoppt.

          - Grund für die Verunreinigung: Mischfettsäuren, die für technische Zwecke bestimmt waren, wurden in Futterfette eingemischt. Ob das durch „menschliches Versagen“ geschehen ist oder ob es einen kriminellen Hintergrund gibt, wird derzeit ermittelt.

          - Polizisten und Staatsanwälte haben mindestens zwei Firmen durchsucht, darunter den Hersteller in Uetersen und dessen Partnerbetrieb im niedersächsischen Bösel, wo die dioxinverseuchten Fette beigemischt worden sein sollen. Nach Angaben des Niedersächsischen Landesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit wurde der Betrieb illegal betrieben und deshalb nicht kontrolliert.

          - Bei rund 240.000 in Bayern sichergestellten Eiern hat sich der Verdacht auf Dioxin bestätigt. Der bei Proben festgestellte Dioxingehalt liegt teilweise dreimal so hoch wie der zulässige Grenzwert. Ein Oberpfälzer Großhändler hatte die Eier von einem Betrieb in Niedersachsen erhalten.

          - Eine akute Gesundheitsgefahr besteht für den Verbraucher derzeit nicht.

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