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Nachfolge von Kretschmann : Dunkle Andeutungen der Opposition

Wer könnte ihm nachfolgen? Ministerpräsident Winfried Kretschmann bei einer Rede im Bundesrat. Bild: dpa

Schon bevor Winfried Kretschmann Ministerpräsident wurde, sorgten Debatten über sein Alter für Unruhe. Zwar zeigt er sich wenig altersmüde, eine Nachfolgedebatte aber kann er nicht verhindern.

          Mit dem Thema Alter und Krankheit musste sich Winfried Kretschmann schon auseinandersetzen, als er noch nicht Ministerpräsident war. Im Wahlkampf 2011 streuten CDU-Strategen, dass der grüne Oppositionspolitiker wegen angeblicher gesundheitlicher Probleme nicht in der Lage sein werde, eine Regierung zu führen. Einige insinuierten sogar, dass nach Kretschmann wahrscheinlich Cem Özdemir die Macht übernehme, das Land also bald den Deutsch-Türken ausgeliefert werde. Es war die Zeit, als im von Stefan Mappus geführten Staatsministerium Weltuntergangsstimmung herrschte – der Machtverlust zeichnete sich ab.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Viereinhalb Jahre regiert Kretschmann nun, und er hat in dieser Zeit zumindest bewiesen, dass auch ein Grüner das konservative Bundesland ziemlich solide und mit Verständnis für die Wirtschaft führen kann. Kretschmann hat auch gezeigt, dass der Jugendwahn kein Allheilmittel gegen Politikabstinenz ist, sondern dass sich die Bürger eher Politiker wünschen, die philosophisch beschlagen sind, Lebenserfahrung haben und ihre Aussagen mit apolitischen Invektiven würzen.

          Für den gerade beginnenden Wahlkampf musste Kretschmann damit rechnen, dass der politische Gegner das Thema Alter, eine angebliche Amtsmüdigkeit und möglicherweise auch Erkrankungen thematisieren würde. Man kennt das: Oppositionspolitiker schauen staatsmännisch-besorgt und machen – völlig selbstlos – dunkle Andeutungen über den Gesundheitszustand des Ministerpräsidenten, dem auch CDU-Politiker landesväterliche Qualitäten attestieren.

          Im Wahlkampf wären auch ein paar Bildmotive vorstellbar: Hier die junge frische CDU, dort die Grünen mit ihrer ewigen Verbotsattitüde und dem Ministerpräsidenten, der mit schlohweißem Bürstenhaarschnitt doziert. Für CDU und FDP ist das Thema Altersmüdigkeit jedenfalls die gefälligste Möglichkeit, an der Reputation Kretschmanns zu kratzen. Für die Grünen ist das Thema nicht ungefährlich, weil sie ihre Kampagne ganz auf die hohe Glaubwürdigkeit Kretschmanns abstellen müssen. Selbst der von seinen politischen Grundüberzeugungen her den Grünen wenig zugeneigte Berthold Leibinger nannte den Ministerpräsidenten mal einen „braven Mann“.

          Kretschmanns Beratern kam es wahrscheinlich sogar gelegen, dass ein Reporter der Zeitschrift „Spiegel“ nach den Zukunftsplänen des Ministerpräsidenten fragte. „Wenn ich die Wahl verliere, höre ich mit der Politik auf“, sagte der Ministerpräsident, und die Zeitschrift vermarktete die autorisierte Aussage. Das Kalkül: Besser zu Beginn des sogenannten Sommerlochs wird eine solche Debatte geführt als drei Wochen vor der Landtagswahl. „Es war auch der Versuch, das Thema vor dem Herbst zu den Akten zu legen“, heißt es im Staatsministerium.

          Ein möglicher Nachfolger will nicht

          Eigentlich war es schon der zweite oder dritte Versuch, denn in den vergangenen Monaten hatte Kretschmann mit Hinweisen auf das hohe Alter der möglichen amerikanischen Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton oder mit der Nennung des hohen Alters von Bundespräsident Joachim Gauck zu belegen versucht, dass ein hohes Lebensalter nichts mit Politikmüdigkeit zu tun haben muss. Kretschmanns sinngemäße Aussage, dass er sich nach einer verlorenen Wahl mit 67 Jahren nicht mehr mit Kleinen Anfragen beschäftigen möchte, haben ihm CDU und FDP dennoch als ein Eingeständnis von Amtsmüdigkeit ausgelegt. Davon wird bei den Wählern nicht viel hängenbleiben, weil sie in den nächsten Monaten noch mit einer medialen Überdosis Kretschmann rechnen müssen.

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          Was die Grünen aber nicht ganz verhindern können, ist eine Nachfolgedebatte: Kretschmann wird mit dem Argument, er wolle sein persönliches Reformlebenswerk mit einer zweiten Legislaturperiode vollenden, seine abermalige Bewerbung um das Ministerpräsidentenamt begründen können. Dennoch werden die Wähler aber wissen wollen, wer eigentlich nach Kretschmann kommen könnte. Hierauf haben die Grünen keine überzeugende Antwort. Der für die CDU gefährlichste Kretschmann-Nachfolger wäre der Freiburger Oberbürgermeister Dieter Salomon.

          Aber der genießt lieber die Sonne im Breisgau, und er hat viel getan, sich bei den Stuttgarter Parteifreunden im Landtag unbeliebt zu machen („Als intelligenter Mensch ertragen Sie zehn Jahre im Stuttgarter Landtag nur mit viel Humor oder im Suff“). Sein Tübinger Kollege Boris Palmer tanzt als Ultrarealo zu gern aus der Reihe und hat auch unter den Realos zu wenige Freunde. Bleiben also nur Wissenschaftsministerin Theresia Bauer oder Landwirtschaftsminister Alexander Bonde. Aber eine rundherum überzeugende Antwort werden die Grünen auf die Nachfolgefrage nicht geben wollen. Die Debatte über die Kretschmann-Nachfolge dürfte irgendwann wieder in den Hintergrund treten. Anders ist das mit der Bewältigung des Flüchtlingsansturms: „Wir sind nicht schlechter als andere Bundesländer. Wir wissen aber auch, dass da nichts verrutschen darf“, heißt es im Stuttgarter Staatsministerium.

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