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Gelingende Lernprozesse : Der bloße Einsatz digitaler Medien ist noch kein Fortschritt

Ein Schüler arbeitet in einer Grundschule an einem Tablet. (Archivbild) Bild: dpa

Schüler sollen die Nutzung digitaler Medien systematisch erlernen – und dann Klassenarbeiten darüber schreiben. Das empfiehlt die Wissenschaftliche Kommission der KMK pünktlich zu deren aktueller Beratungsrunde.

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          Die Schulschließungen während der Corona-Pandemie haben offenbart, dass die meisten deutschen Schulen nur unzureichend auf digitale Lehr- und Lernprozesse vorbereitet sind. In der Regel wurden analoge Aufgaben auf das Internet übertragen, womit noch keine Verbesserung des Lernens und Verstehens erreicht wird. Der bloße Einsatz digitaler Medien ist noch kein Fortschritt. Erst vor kurzem haben die Autoren des Bildungsberichts deshalb darauf hingewiesen, dass die Potentiale digitaler Medien für die Unterstützung von Bildungsprozessen von der frühkindlichen Phase bis zur Weiterbildung selten ausgeschöpft werden.

          Heike Schmoll
          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Das Strategiepapier der Kultusministerkonferenz (KMK) „Bildung in der digitalen Welt“ ist vor fünf Jahren erschienen und veraltet. Daher hat die Präsidentin der KMK, Brandenburgs Bildungsministerin Britta Ernst (SPD), die Ständige Wissenschaftliche Kommission der KMK (StäwiKo) gebeten, in einer Stellungnahme konkrete Voraussetzungen für gelingende Bildungsprozesse unter Einsatz digitaler Hilfsmittel abzugeben.

          An diesem Donnerstag hat die StäwiKo pünktlich zu Beginn der KMK ein 32 Seiten umfassendes Papier mit konkreten Forderungen vorgelegt. Bisher nutzen nur ein Viertel der befragten Lehrkräfte täglich digitale Medien im Unterricht, nur vier Prozent berichten, sie täglich einzusetzen. So fehlt es nicht nur an digitaler Ausstattung, sondern auch an der Professionalisierung der Lehrerinnen und Lehrer, die mehrheitlich kritisch gegenüber digitalen Medien eingestellt sind. Die Wissenschaftler empfehlen der KMK den Ausbau der digitalen Fähigkeiten in sechs Schritten:

          1) Bildungsziele und Kompetenzen unter digitalen Bedingungen definieren, operationalisieren und überprüfen

          Damit sind zum einen fachspezifische digitale Fähigkeiten gemeint, zum Beispiel ethische und sprachtheoretische Überlegungen zur Kommunikation in sozialen Netzwerken, aber auch die Gestaltung von Blogbeiträgen mit mathematisch und naturwissenschaftlich fundierten Stellungnahmen. Zum anderen sollen die Schüler informations- und computerbezogene Fähigkeiten erwerben, deren Aufbau die Aufgabe aller Fächer ist und die nicht allein einem Fach Informatik überlassen werden können. Dazu gehört das Suchen, Verarbeiten, Aufbewahren, Problemlösen, Produzieren, Präsentieren und Reflektieren. All das sollen die Schüler mit Abschluss der Sekundarstufe I beherrschen. Diese Fähigkeiten könnten auch in Vergleichsarbeiten erhoben werden.

          Im Oktober vergangenen Jahres hatte der Wissenschaftsrat den Ländern empfohlen, informatische Bildung in den Schulen schnell einzuführen und das Fach Informatik auszubauen. Bisher wird Informatik aber nur in sehr wenigen Ländern verpflichtend in allen Klassenstufen erteilt. Die StäwiKo will, dass die Nutzung digitaler Werkzeuge in den Länderverordnungen über Klassenarbeiten und zentrale Abschlussprüfungen obligatorisch wird.

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          2) Kompetenzentwicklung der Lerner durch digital gestützte Prozesse fördern

          Alle bisherigen Studien zeigen, dass der Gebrauch von Tablets im Unterricht noch lange keinen Einfluss auf den Lernerfolg von Schülern hat. Eine Meta-Analyse von 1055 Einzelstudien hat gezeigt, dass digitale Lernangebote dann den größten Effekt haben, wenn sie einen durch Lehrer gestalteten Unterricht unterstützen und nicht ersetzen. „Digitale Lernangebote, die kognitiv aktivierend sind, erzielen höhere Effektstärken als Angebote, die Inhalte nur präsentieren“, stellen die Mitglieder der StäwiKo fest. Die Entscheidungen für bestimmte Medien seien immer in Abhängigkeit von Ziel- und Inhaltsfragen zu treffen.

          Bisher erscheint die lernpsychologische und fachdidaktische Qualität der digitalen Angebote den Wissenschaftlern als unzureichend. In allen Bildungsphasen von der frühkindlichen bis zur beruflichen Bildung müssten deshalb digitale Lernangebote kritisch evaluiert werden, die Lernziele müssten klar sein und valide überprüft werden können. Zum Selbstlernen müssten auch Rückmeldungen gegeben werden. Außerdem wird dringend Unterrichtsmaterial gebraucht, das fachspezifische und überfachliche Inhalte thematisiert. Außerdem gelte es, die Erfolgsprinzipien eines erfolgreichen Informatikunterrichts zu erforschen.

          3) Lehrer und pädagogische Fachkräfte sollen professioneller mit digitalen Technologien umgehen

          Trotz zahlreicher Initiativen wie der „Qualitätsoffensive Lehrerbildung“ und des Programms „Digitalisierung in der Lehrerbildung“ oder „Lehrerbildung für die beruflichen Schulen“ sehen die Wissenschaftler bisher keine sinnvolle Verankerung in der Lehrerbildung. Auch die digitalen Fortbildungen für Lehrer sieht die StäwiKo kritisch, weil sie zu kurz sind und zu wenig mit dem eigenen Unterricht zu tun haben. Nötig sei daher, die Digitalisierung in allen drei Phasen der Lehrerbildung für allgemeinbildende und berufliche Schulen sowie in der Ausbildung pädagogischer Fachkräfte zu verankern.

          4) Technologiegestütztes Lehren und Lernen durch eine datenbasierte Schulentwicklung unterstützen

          Das wissenschaftliche Beratungsgremium der KMK ist überzeugt: Nur wenn einzelne Schulen, das Kollegium, die Schulleitung und die Schulbehörde eine verbesserte Unterrichtsqualität in den Mittelpunkt stellen, lassen sich digitale Technologien und Werkzeuge lernwirksam nutzen und koordiniert steuern. Die breite Nutzung digitaler Technologien stelle hohe Anforderungen an Schulmanagement und -entwicklung, biete aber auch Potentiale für die Organisation schulischer Informations- und Abstimmungsprozesse. Digitale Formate könnten auch die Elternarbeit bei schwer erreichbaren Müttern und Vätern erleichtern. Vor allem aber könnten Schulentwicklung und Qualitätssicherung vorangetrieben werden. Allerdings sind grundsätzliche datenschutzrechtliche Fragen zu klären. Auch nach über einem Jahr Pandemie haben die Datenschutzbeauftragten der Länder sich nicht auf eine gemeinsame Rechtsauffassung zur Nutzung von Videoplattformen einigen können.

          5) Leistungsfähige technische Infrastruktur und zuverlässigen IT-Support sichern

          Als wichtigste Voraussetzung sehen die Bildungsforscher eine funktions- und leistungsfähige Infra- und Servicestruktur mit Glasfaseranschluss sowie Server- und Clouddiensten mit hoher Rechenkapazität, die stabil verfügbar sind. Für diese Ausstattung können die Digitalpaktmittel abgerufen werden. Neben den schulischen Funktionsstellen müssten aber auch bei den kommunalen Schulträgern Stellen zur Wartung und zum Support geschaffen werden und daran hapert es. Außerdem sollten die Länder eine länderübergreifende Struktur einrichten, die Diagnose- und Fördermaterialien und Selbstlernangebote frei auf Plattformen zugänglich macht und verlinkt.

          6) Strukturen für eine forschungsbasierte Entwicklung digitaler Unterrichtstechnologien

          Da in den letzten Jahren ein unübersichtlicher Markt für digitale Lernsoftware entstanden ist, müssten die digitalen Tools auf ihre Qualität überprüft werden, fordert die StäwiKo. Dazu müssten Bund, Länder, Praktiker und Softwareunternehmen wie Verlage zusammenarbeiten.

          Langfristig gehe es darum, die Strukturen von Forschung, Entwicklung und Implementation zusammenzuführen. Außerdem müssten die Länder gemeinsame Zertifizierungsverfahren für digitale Technologien und Werkzeuge entwickeln. In den meisten Ländern werden auch Schulbücher genehmigt, für die digitalen Medien gibt es bisher keine koordinierte Qualitätsprüfung.

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