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Reformprojekt „Synodaler Weg“ : Kritik an Papst Franziskus

Fahnen vor dem Congress Center Messe in Frankfurt, wo die zweite Vollversammlung des „Synodalen Wegs“ tagt. Bild: dpa

Die Mitglieder des katholischen Reformprojekts „Synodaler Weg“ beraten über mehr Mitspracherechte für Gläubige in der Kirche. Doch die Papstentscheidungen zu Kardinal Woelki und Erzbischof Heße überschatten die Versammlung.

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          Die Mitglieder des katholischen Reformprojekts „Synodaler Weg“ sind am Donnerstag in Frankfurt am Main zu ihrer Zweiten Vollversammlung zusammengetreten. Den mehr als 210 anwesenden Synodalen aus allen Teilen der Kirche, darunter annähernd siebzig Bischöfe, lagen insgesamt 16 Texte mit zusammengenommen 190 Seiten vor, über die bis Samstag in „erster Lesung“ beraten werden sollte. Am Beginn der Beratungen standen am späten Nachmittag ein Wortgottesdienst und ein Bericht des Präsidiums des Synodalen Wegs. Seitens der Deutschen Bischofskonferenz gehören die Bischöfe Georg Bätzing (Limburg) und Franz-Josef Bode (Osnabrück) dem Präsidium an, seitens des Zentralkomitees der deutschen Bischofskonferenz (ZdK) der scheidende Präsident Thomas Sternberg und die ebenfalls scheidende Vizepräsidentin Karin Kortmann.

          Daniel Deckers
          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          Eine Aussprache, wie sie im ZdK üblich ist, sah die ursprüngliche Tagesordnung nicht vor. Angesichts der Entscheidungen von Papst Franziskus, den Hamburger Erzbischof Stefan Heße trotz erheblicher Pflichtverletzungen im Umgang mit Missbrauchsfällen im Amt zu belassen sowie den Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki nach einer „Auszeit“ von einigen Monaten wieder mit der Leitung der nach Mitgliedern größten Diözese zu betrauen, wurde den Synodalen kurzfristig eine Stunde Zeit gegeben, um sich mit Einschätzungen der kirchenpolitischen Lage zu Wort zu melden.

          „Erschütterung“ über Papstentscheidungen

          57 Mitglieder des Synodalen Wegs, die durch das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) in die Vollversammlung entsandt wurden, hatten ihre „Erschütterung“ angesichts der Gründe, die der Papst für seine Entscheidungen geltend macht, am Dienstagabend in Form einer Erklärung veröffentlicht. Allerdings ließen sie keinen Zweifel daran, dass sie gewillt seien „den Synodalen Weg“ weiterzugehen. In diesem Sinn äußerten sich auch die meisten Synodalen, die am späten Nachmittag das Wort ergriffen. Der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck sprach ausweislich des Beifalls für viele, als er die Vorkommnisse der vergangenen Wochen als „Blaupause“ für die Aufgaben des Synodalen Weges beschrieb.

          So gelte es, im Zuge der Diskussionen über Macht und Gewaltenteilung in der Kirche darüber zu sprechen, wo die Grenzen der Fehlertoleranz verliefen zwischen solchen, die verzeihlich seien und solchen, die einen Rücktritt unbedingt notwendig machten. Weiterhin gelte es, Kriterien zu entwickeln, um zwischen systemischer und persönlicher Schuld zu unterscheiden und die jeweiligen Konsequenzen festzustellen. Auch das Verhältnis von Verantwortung und Vertrauen in der Kirche müsse in den Blick genommen werden. Die Diagnose systemisches Versagen schließe alle kirchlichen Akteure ein.

          Vorschläge werden teils schon seit Jahrzehnten diskutiert

          Ein Abbruch der Beratungen des Synodalen Wegs wurde von niemandem ins Gespräch gebracht. Jedoch wurde in zahlreichen Beiträgen die Erwartung formuliert, dass sich die Bischöfe nach dem Abschluss des Prozesses verpflichteten, die Beschlüsse im Rahmen des Möglichen zu verwirklichen. In mehreren Voten wurde in diesem Zusammenhang aber darauf hingewiesen, dass Kritik an den vorliegenden Texten nicht als Weigerung verstanden werden dürfe, Reformen ins Auge zu schauen. ZdK-Präsident Sternberg hingegen hatte vor den Beratungen die Arbeit der vorbereitenden Foren als „hervorragend“ bezeichnet.

          Indes wurde mehr als die Hälfte der Texte, nämlich ein sogenannter Grundtext und acht Handlungstexte, während der Corona-Pandemie von nur einem Forum vorbereitet. Weit gediehen sind unter dem Titel „Macht und Gewaltenteilung in der Kirche“ Vorschläge über Dinge, über die zum Teil seit Jahrzehnten diskutiert wird, die Bischöfe gemeinsam oder einzeln nie wollten oder immer wieder hintertrieben haben, etwa die Einbeziehung der Gläubigen in die Bestellung des Diözesanbischofs, eine Ombudsstelle zur Prävention und Aufarbeitung von Machtmissbrauch durch Verantwortliche in der Kirche oder eine Rahmenordnung für die Diözesanfinanzen.

          Die Foren „Leben in gelingenden Beziehungen“ und „Priesterliche Existenz heute“ haben sich seit Februar 2020 nur auf Grundtexte verständigt. Aus dem Forum „Frauen in Diensten und Ämtern der Kirche“ liegt kein Grundtext vor. Der Osnabrücker Bischof Bode, der in diesem Forum mitarbeitet, erklärte dies mit einer anderen Herangehensweise als in den anderen Foren.

          Rom zeigt Bischöfen die kalte Schulter

          In den drei Handlungstexten dieses Forums geht es unter anderem um Frauen an Theologischen Fakultäten. Vorgesehen sind auch Berichte über den Stand der Aufarbeitung und Aufklärung des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche in Deutschland sowie über Einführung einer Straf- und Verwaltungsgerichtsbarkeit.

          Nach Informationen der F.A.Z. verständigten sich die Bischöfe im Frühjahr 2020 auf eine Rahmenordnung für deren Errichtung. Diese wurde in der kirchenrechtlich nicht eindeutigen Annahme, dass diese Rahmenordnung der Zustimmung des Vatikans bedarf, im Herbst vergangenen Jahres nach Rom übersandt. Seitdem, so lässt die Bischofskonferenz wissen, werde sie dort geprüft.

          Hinsichtlich des „Synodalen Wegs“ zeigt der Vatikan der Kirche in Deutschland weiterhin die kalte Schulter. Bätzing berichtete, dass seine „dringende Bitte“, mit dem Präsidium des „Synodalen Wegs“ in Rom Gespräche zu führen, seit Monaten ignoriert werde. Auf eine schriftliche Einladung an das Sekretariat der Römischen Bischofssynode, einen Beobachter zu entsenden, habe er bis heute keine Reaktion erhalten. Auch mit Blick auf die Einrichtung von Verwaltungsgerichten warten die deutschen Bischöfe auf ein Signal aus Rom.

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