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Die Wolfsburg-Affäre : Im Polo für die CDU

Beamte des Landeskriminalamtes durchsuchen am Donnerstag das Büro des Oberbürgermeisters Bild: Boris Baschin

Die Affäre um die Stadtwerke Wolfsburg und die von ihr mutmaßlich unterstützten CDU-Wahlkämpfe weitet sich aus. In der Parteizentrale der CDU in Hannover sowie in den Stadtwerken und im Rathaus wurden Unterlagen beschlagnahmt.

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          Das Telefon steht nicht still bei Maik Nahrstedt. Seit der Mann mit der Rod-Stewart-Mähne die Affäre um die Stadtwerke Wolfsburg und die von ihr mutmaßlich unterstützten CDU-Wahlkämpfe ins Rollen brachte, geben sich die Journalisten in seinem Haus in einem Vorort der Autostadt die Klinke in die Hand.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Nahrstedt, ein 42 Jahre alter, flippig wirkender Typ, nimmt den Trubel mit Gelassenheit. In seinem Wohnzimmerschrank stehen Pokale vom Hallenfußball, bei den Hobbykickern ist Nahrstedt Torschützenkönig. Doch vor zwei Wochen hat er ein Spiel begonnen, das nicht in der Provinzliga stattfindet.

          Es ist ein Kampf, der von der VW-Stadt bis in die Bundeshauptstadt ausgefochten wird. Nahrstedt, bis vor kurzem Pressesprecher der Stadtwerke, ist dabei der vermeintliche David. Der Goliath sind die CDU Wolfsburg, die Landes-CDU in Hannover samt Ministerpräsident David McAllister und auch dessen Vorgänger, der heutige Bundespräsident Christian Wulff. Sowie Markus Karp, 44, Noch-Vorstandschef der Stadtwerke.

          Maik Nahrstedt brachte alles ins Rollen
          Maik Nahrstedt brachte alles ins Rollen : Bild: dpa

          Die Achse Wulff-Karp zerbrach

          Über Jahre war Nahrstedt der engste Vertraute Karps. Nun sind sie erbitterte Feinde. Die Affäre um CDU-Wahlkämpfe in Wolfsburg und Hannover ist auch die Geschichte einer zerbrochenen Freundschaft zwischen zwei ungleichen Männern. „Mieke“, wie sein Freund ihn nannte, bewunderte den jungen Professor und begabten Polit-Strategen Karp. „Mit ihm war es keine Sekunde langweilig“, sagt er noch heute. Karp nahm ihn mit in die Welt der Mächtigen, als er 2002 Wahlkampfmanager von Christian Wulff wurde. Nahrstedt war dabei auf der Klausur des Wahlkampfteams von Wulff auf Norderney, wo er mit dem Spitzenkandidaten geplaudert habe, ihm auch von seinem Arbeitgeber, den Stadtwerken, erzählt habe. Doch die Achse Wulff-Karp zerbrach. Der Wahlkampfmanager heiratete Wulffs Chefsekretärin. Sie ist heute Ortsbürgermeisterin und Ratsfrau der CDU in Wolfsburg.

          Nahrstedt tat damals alles für den Freund, Politik und Privates waren untrennbar vermischt. Selbst einen Vorstandskollegen, den Karp loswerden wollte, will er für den Freund bespitzelt haben. Alles änderte sich, als im Sommer vergangenen Jahres der erste anonyme Brief auftauchte, der gegen Karp gerichtet war. Ein Dutzend folgte. Karp verschwende Stadtwerke-Gelder für private Zwecke, stand etwa darin, er übe Mobbing gegenüber Mitarbeitern aus. Ein Brief ähnelte einem Psychogramm Karps, das nur jemand erstellt haben konnte, der ihn sehr gut kannte. Karp verdächtigte Nahrstedt. Ein Ermittlungsverfahren wegen Behauptung falscher Tatsachen wurde eingeleitet. Nahrstedt verweigerte die Teilnahme an einer Speichelprobe.

          Er kandidierte Ende 2009 auf der Liste des „Teams Zukunft“, in dem zwölf Leute bei den Betriebsratswahlen der Stadtwerke gegen Karps als diktatorisch empfundenes Gebaren antraten. Die Liste gewann. Karp sorgte dafür, dass Nahrstedts Befugnisse beschnitten wurden. Ein Verfahren wurde eingeleitet gegen Nahrstedt, weil er VIP-Karten für ein Spiel des VfL Wolfsburg unberechtigt vergeben haben soll.

          Nahrstedt schlug vor zwei Wochen zurück. Karp habe ihn für die CDU-Arbeit und für die Wahlkämpfe der CDU in Wolfsburg und in Hannover halbtags bei voller Bezahlung durch die Stadtwerke freigestellt. Einen Dienstwagen habe er für Fahrten nach Hannover zum CDU-Wahlkampfteam genutzt, habe Karp mehrfach mitgenommen. Der weiße Polo, so sagt Nahrstedt, habe die Aufschrift „Stadtwerke Wolfsburg“ getragen. Kosten für Diensthandy, Dienstlaptop und Fotoarbeiten seien über die Stadtwerke mit Karps Wissen abgerechnet worden. Obwohl sie gegen Nahrstedt wegen der anonymen Briefe ermittelt, brauchte die Staatsanwaltschaft Braunschweig keine zwei Tage, um ein Ermittlungsverfahren gegen die verfeindeten Freunde wegen Untreue einzuleiten. Zu detailliert waren Nahrstedts Angaben, zu ungewöhnlich seine Selbstbezichtigung. Gegen Karp wird auch wegen Vorteilsgewährung ermittelt – der geldwerte Vorteil, der durch Nahrstedts Arbeit für die CDU womöglich entstand, könnte einem Amtsträger zugutegekommen sein.

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