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Stasi-Akten : Schnipsel für die Ewigkeit

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Mensch vor Maschine: In Berlin werden die Schnipsel der Stasi-Akten für die Schnipselmaschine vorsortiert Bild: Getty Images

Die preisgekrönte und vielfach gelobte virtuelle Rekonstruktion zerrissener Stasi-Akten steht vor dem Aus. Immer wieder wurden Zusagen nicht eingehalten und Gelder nicht bewilligt - dabei sind noch zwölf Millionen Schnipsel zu erschließen.

          Das ist eine Erfolgsgeschichte“, sagt die Sprecherin des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, „der Algorithmus ist geknackt“. „Wir sehen das Projekt als erfolgreich abgeschlossen an“, sagt Bertram Nickolay, Abteilungsleiter im Berliner Fraunhofer-Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik (IPK). Nickolay ist der Initiator des „ePuzzlers“. Nun, am Ende der Testphase, hält er den Nachweis für geführt, dass die Zusammensetzung von Millionen Papierschnipseln automatisiert werden kann. Die Schnipsel sind die Hinterlassenschaft des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). Seine Mitarbeiter wollten im Revolutionsherbst 1989 Spuren ihrer Spitzeltätigkeit beseitigen. Vertreter der Bürgerbewegungen machten sich auf den Weg in die Stasi-Zentralen, die Reißwölfe waren heißgelaufen, Akten von den Schreibtischen der MfS-Mitarbeiter wurden mit der Hand zerrissen. Sie sollten dann verbrannt werden. Doch dazu kam es nicht. Für die Software zur Rekonstruktion von zerrissenen Stasi-Akten, den „ePuzzler“, erhielt das IPK im vergangenen Jahr den Innovationspreis der „European Association of Research and Technology“.

          Doch nun, da die Fraunhofer-Forscher daran gehen könnten, eine regelrechte „Straße“ zu konstruieren, auf der die zerrissenen Schnipsel von Roboterarmen nach dem Prinzip „Pick and Place“ aufgehoben, auf einer Unterlage plaziert, von beiden Seiten gescannt und schließlich virtuell zusammengesetzt werden, mag der Bund nicht mehr zahlen. Beatrix Philipp sagt, sie sei in ihrer langen politischen Arbeit „noch nie so belogen worden wie beim Thema virtuelle Rekonstruktion“. Sie war von 1994 bis 2013 Düsseldorfer CDU-Bundestagsabgeordnete und gehört zu den wenigen Politikern, die große Sachkunde beim Thema DDR-Aufarbeitung erworben haben.

          Von Anfang an einen schweren Stand

          In den Jahren des politischen Einsatzes dafür ist ihr die „Schnipselmaschine“, wie sie die „virtuelle Rekonstruktion“ getauft hat, zur Herzenssache geworden. Sie ist überzeugt davon, dass die Erfolgsgeschichte vor dem Aus steht, wenn der Bundestag nicht das mehrfach zugesagte Geld für die Fortsetzung der Arbeit bewilligt. Niemand der Politiker, die das Projekt mit Skepsis oder Gleichgültigkeit begleiten und möglicherweise so zum Scheitern bringen, braucht sich einzubilden, Beatrix Philipp habe den Kampf aufgegeben, nur weil sie nicht mehr im Bundestag sitzt und sich von der CDU nicht in die Kommission schicken lassen mag, die dem Bundestag Vorschläge für die Zukunft der Bundesbehörde für die Stasi-Unterlagen (BStU) samt der Schnipselmaschine machen soll. Kürzlich hat der Beirat der Stasi-Unterlagenbehörde in einem Brief an Bundestagsabgeordnete noch einmal daran erinnert, dass die virtuelle Rekonstruktion nicht von Sonntagsreden lebt, sondern dringend Geld braucht.

          Auf den inzwischen routinierten unerschrockenen Umgang auch mit den finsteren Kapiteln der eigenen Geschichte hält Deutschland sich viel zugute. Ein dichtes Netz von Museen und Gedenkstätten – zur Erinnerung an die NS-Zeit oder die DDR – überzieht das Land. „Seit 1999 fördert die Bundesregierung auf der Grundlage einer Gedenkstättenkonzeption Gedenkstätten und Projekte, wenn sie von nationaler und internationaler Bedeutung sind“, hält die Bundesregierung zum Thema Erinnern und Gedenken nicht ohne Stolz fest. Dass ausgerechnet bei der Schnipselmaschine der Aufarbeitungswille erlahmt, ist schwer zu verstehen. Noch 2008 mussten die Fraunhofer-Forscher mit einem Brief an Abgeordnete durchsetzen, dass ihnen für die Testphase Säcke überlassen wurden, deren Rekonstruktion begründete Aussicht auf relevante Inhalte bieten, also etwa der Hauptverwaltungen XX (zuständig für den DDR-Staatsapparat, Kultur, Kirchen und Opposition) sowie der NVA.

          2014 ist ein Super-Gedenkjahr. Gewichtige Daten werden gewürdigt: der Beginn des Ersten und des Zweiten Weltkriegs, das Ende der DDR. Im Winter 1989/90 betraten unerschrockene DDR-Bürger die Gebäude des Ministeriums für Staatssicherheit; das war der Anfang der Stasi-Unterlagenbehörde. Am 3. Oktober 1990 wurde Joachim Gauck „Sonderbeauftragter der Bundesregierung für die personenbezogenen Unterlagen des ehemaligen Staatssicherheitsdienstes“ und nahm mit 52 Mitarbeitern die Arbeit auf. 1991 erhielt die Arbeit des „Stasi-Beauftragten“ eine gesetzliche Grundlage, das „Stasi-Unterlagengesetz“ (StUG), das seither mehrfach novelliert wurde. Nach der Sommerpause soll eine Expertenkommission beginnen, Vorschläge zur Zukunft der Behörde für die Stasi-Unterlagen (BStU) zu erarbeiten. Auch zur Zukunft der Schnipselmaschine soll sie sich äußern.

          Die „virtuelle Rekonstruktion“ der Stasi-Akten hatte es von Anfang an schwer. Die Vorgeschichte der Erfolgsgeschichte, die in einer Sackgasse steckt, reicht zurück bis in die Amtszeit Gaucks. Seine Nachfolgerin, Marianne Birthler, ließ sich nicht blicken, als 2007 die Arbeit im IPK begann. Auch ihr Direktor erschien nicht zur Präsentation. Der halbherzige Umgang der Behördenleitung mit den Möglichkeiten der modernen Technik hielt an. Wer sich die Arbeitsabläufe schildern lässt, tut Roland Jahn, dem derzeitigen Bundesbeauftragten, wohl nicht unrecht mit der Vermutung, dass ihm die Schnipselmaschine keine Herzenssache ist.

          Vernichtungsaktion sollte vor Enttarnung schützen

          Im Fraunhofer-Institut in Berlin-Charlottenburg werden die Dokumentenkartons gefaltet. Sie werden zur Behörde des Bundesbeauftragten in die Normannenstraße in Lichtenberg, dem Sitz des MfS, gefahren und dort von BStU-Mitarbeitern mit Schnipseln aus den Säcken gefüllt. Dann werden sie zurück ins IPK gefahren, wo zwischen drei und fünf Archivmitarbeiter der Stasi-Unterlagenbehörde an drei „Lektorats-Arbeitsplätzen“ die Rekonstruktion beaufsichtigen und gegebenenfalls korrigieren. Nickolays Projektgruppe betreut die Anlage, die aus den Schnipseln lesbare Seiten zusammensetzt: Bislang wurden 702.584 Papierschnipsel aus 23 Säcken gescannt. 17.019 Druckseiten, der Inhalt von vier Säcken, wurden zusammengesetzt an die Behörde zurückgeschickt, weitere 12.000 Blatt aus acht Säcken sind rekonstruiert. Dann werden die Unterlagen zurück in die Behörde gefahren. Dort sortieren Archivare die Akten dort ein, wo sie hingehören. Wenn niemand nach ihnen fragt, wird also nie bekannt werden, was auf den aufwendig rekonstruierten Seiten steht.

          Deutlicher könnte man nicht zeigen, wie gering das Interesse der Behörde – und des Bundestags und der Öffentlichkeit – ist zu erfahren, ob denn überhaupt die Grundannahme zutrifft, dass in den fast 16.000 Säcken mit zerrissenem Papier tatsächlich die während der friedlichen Revolution 1989 aktuellsten und brisantesten Unterlagen zu finden seien. „Es wird davon ausgegangen, dass diese Vernichtungsaktionen vor allem dazu dienten, um Quellenschutz zu betreiben, d.h., inoffizielle Mitarbeiter vor Enttarnung zu schützen“, heißt es beim Bundesbeauftragten. Ferner sei es dem MfS in jenen Revolutionstagen darum gegangen, „Zeugnisse für die innere Repression zu beseitigen, insbesondere für die damals noch aktuellen ,Bearbeitungen‘“, und darum, „Unterlagen zu vernichten, die die Zusammenarbeit mit der SED dokumentieren“.

          Besonders gründlich hat die Hauptverwaltung Aufklärung (HVA), die Westspionage des MfS also, ihre Akten vernichtet. Von der Lesbarmachung ihrer vorvernichteten Unterlagen könnte man sich also durchaus neue Erkenntnisse versprechen. Funde „von unschätzbarem Wert“ seien zu erwarten, heißt es in dem Film, den die Behörde auf ihrer Homepage zur Rekonstruktion zeigt. Doch die Mitarbeiter des IPK dürfen die rekonstruierten Akten nicht lesen. Und die Behörde wertet sie nicht aus. So bleibt der „unschätzbare Wert“ der wiederhergestellten Seiten eine reine Behauptung.

          Immer wieder wurden Zusagen nicht eingehalten

          Es gibt nämlich im Haus des Bundesbeauftragten keine Begleitung der durch den ePuzzler zutage geförderten Inhalte. Ob die in den Revolutionswochen zerrissenen Akten die Erwartungen erfüllen, die in ihre Wiederherstellung gesetzt werden, interessiert offenbar niemanden. Spektakuläre Erfolge wie bei der „manuellen Rekonstruktion“, bei der ehemalige Mitarbeiter des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge in Zirndorf seit 1995 die Schnipsel mühsam per Hand zusammensetzen, könnten beim praktizierten Verfahren im Umgang mit den virtuell rekonstruierten Akten gar nicht auffallen.

          Die hohe Zirndorfer Trefferquote erklärt man sich in der Behörde damit, dass es damals entsprechende Anträge auf Akteneinsicht – etwa zu „IM Heiner“, der sich nach Jahren des Leugnens eben doch als der Theologe Heinrich Fink erwies – gegeben habe. Was aber Wissenschaftler oder Journalisten in ihre Anträge schreiben müssten, um heute Zugang zu den virtuell rekonstruierten Akten zu erhalten, könne nur jemand sagen, der sie gelesen hätte. Ob sie Kaffeerechnungen oder Sensationen abheften, wissen nur die Archivare. Es existiere jedoch, sagt die Sprecherin, kein geregeltes Verfahren, um zu prüfen, was da abgeheftet wird. Wer das hört, erinnert sich an die Entdeckung, dass der West-Berliner Polizist Kurras, der 1967 den Studenten Benno Ohnesorg erschoss, heimlich Mitglied der SED und fleißiger IM des MfS gewesen war. Sie schlummerte jahrelang in den Stasi-Akten und wurde sozusagen an der Behördenleitung vorbei publiziert.

          „Die Koalition wird die Fortführung des Pilot-Projektes ,Virtuelle Rekonstruktion vorvernichteter Stasi-Akten‘ sicherstellen“, heißt es im Koalitionsvertrag zwischen CDU/CSU und SPD. Doch bislang hat die Koalition wenig Anstalten gemacht, diesen Vorsatz ernstzunehmen; davon kann Beatrix Philipp ein Lied singen. Immer wieder wurden vereinbarte Summen an die ePuzzler nicht gezahlt, gegebene Zusagen nicht eingehalten. Inzwischen vermeiden es Politiker, sich die Arbeit im Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik auch nur anzusehen.

          Möglicherweise ein verheißungsvolles Projekt deutscher Technologiepolitik

          Stattdessen hört man, ganz wie zu Beginn der Arbeit, das dauere ja alles länger als geplant, das sei doch alles viel teurer als gedacht, vom „Millionengrab“ Schnipselmaschine ist die Rede. Zugleich erklären Politiker, wie zuletzt nach dem Treffen der ostdeutschen Ministerpräsidenten mit Kanzlerin Angela Merkel in Berlin, „die Aufarbeitung bislang noch nicht erschlossener Aktenbestände sei wichtiger denn je“. Es sind keine Verschwörungstheoretiker, sondern Personen mit tiefer Sachkenntnis, die argwöhnen, hier werde ein möglicherweise ergiebiges Forschungsfeld „auf bürokratische Blockade gestellt“.

          Selbst wer offen sagte, dass ihm die Aufarbeitung des SED-Staats vollständig gleichgültig sei, könnte aus technologiepolitischen Erwägungen heraus zum Freund des ePuzzlers werden. Denn längst melden sich im IPK andere Interessenten als die Stasi-Unterlagenbehörde: Für den Zoll und das BKA ist die Aussicht verlockend, der organisierten Kriminalität mit wiederherzustellenden Papierschnipseln auf die Spur zu kommen. Und da es schließlich das ausdrückliche Ziel des IPK ist, „produktionstechnische Lösungen über den industriellen Bereich hinaus anwendbar zu machen“, kommen als Einsatzfelder der Schnipselmaschine auch die 1994 in einem Bombenanschlag zerstörten Dokumente und Bücher des jüdischen Forschungsinstituts IWO oder auch die Vervollständigung der Werke des Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz in Frage. Der ePuzzler ist auch für Archäologen von Interesse: halbzerstörte Papyri und zerbrochene Tontafeln sind ebenso wieder lesbar zu machen wie Stasi-Akten. Als verheißungsvolles Projekt deutscher Technologiepolitik könnte die Schnipselmaschine eine Zukunft haben, die ihr gegenwärtig als Instrument der historischen Aufarbeitung genommen wird.

          Ob der Ausbau des ePuzzlers zu einer „Straße“ mit drei oder mehr „Linien“ für die Schnipsel als vermeintlichen „Millionengrab“ scheitert, hängt nun von der Expertenkommission ab. Ob man den ePuzzler sinnvoll oder zu teuer findet, liegt wie so oft auch daran, was man in die Kosten des Projekts alles einrechnet: Miete etwa, Gehälter der BStU-Mitarbeiter. Alles eingeschlossen, rechnen die IPK-Mitarbeiter, wird es in den nächsten sechs Jahren zehn bis zwölf Millionen Euro kosten, den Inhalt von 400 Säcken – das entspricht zwölf Millionen Schnipsel und eine Million Blatt – zu erschließen.

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