https://www.faz.net/-gpf-8on8f

Stimmung nach dem Anschlag : „Der Berliner ist widerstandsfähig“

  • -Aktualisiert am

Der Weihnachtsmarkt auf dem Alexanderplatz Bild: Matthias Lüdecke

In Berlin geht der Alltag weiter, man nimmt das Geschehene mit souveräner Gelassenheit hin. Doch subtil kann man im öffentlichen Leben wahrnehmen, dass sich in der Hauptstadt ein Anschlag ereignet hat.

          3 Min.

          Wer in den letzten Tagen keine Nachrichten gesehen hat, wüsste möglicherweise gar nicht, dass etwas Ungewöhnliches passiert ist, so gewohnt geht das Leben in Berlin seinen Gang. Am Alexanderplatz scheint die Sonne, die Geschäfte sind belebt, im Hintergrund spielen Weihnachtslieder, die Buden kochen Glühwein, und auch das Riesenrad fährt wieder.

          „Unsere Stimmung ist super. Was passiert ist, ist schlimm, aber wir sind hier“, sagt ein Berliner Familienvater, der mit seinen Kindern den Weihnachtsmarkt am Roten Rathaus besucht. „Wir kommen oft in die Stadt, und das werden wir auch weiterhin tun“, sagt ein Ehepaar aus dem naheliegenden Oranienburg, „das Bewusstsein, dass auch in Berlin irgendwann etwas passieren würde, war schon lange da, aber das sollte uns in unserer Lebensweise nicht beeinflussen“.

          „Es hätte überall passieren können, und es hätte auch ein Unfall sein können, warum sollte man sein Verhalten deswegen verändern“, fragt eine junge Schülerin.

          Es ist ungewöhnlich leise

          Das Leben geht weiter, das ist der Konsens in der Hauptstadt, die Menschen gehen auf die Straßen, sie lassen sich die Weihnachtsstimmung nicht nehmen.

          Dennoch, auch wenn keine sichtbaren Spuren da sind, gibt es subtile Zeichen gibt: es ist ungewöhnlich leise auf den Straßen, in den Bahnen, in den Geschäften. Man sieht Polizisten mit Maschinengewehren, mehr Sicherheitspersonal. Der Wirt am Glühweinstand vor der Galeria Kaufhof möchte nicht über das reden, was passiert ist. Und auch der Mann in der Brezelbude schaut bedrückt: „Die Stimmung ist nicht gut. Es sind weniger Leute da, und wir verkaufen alle weniger“, sagt er.

          Auf dem Gendarmenmarkt sind Besucher und Budenbetreiber heiterer gestimmt. „Man merkt kaum, dass sich irgendwas verändert hat. Wir schauen mehr auf die Taschen, es sind mehr Polizisten hier. Aber abgesehen davon ist es wie immer“, sagt ein Sicherheitsmann am Eingang des Weihnachtsmarkts.

          „Den nächsten braun aussehenden Mann verhaftet“

          „Mit dem Fokus der Angst rumzulaufen ist genau das Falsche. Jetzt sollten wir erst recht rausgehen und zeigen, dass wir uns nicht in unserer Freiheit beschneiden lassen“, sagt ein Mann, der seine Mittagspause hier verbringt; „Der Berliner ist widerstandsfähig. Wahrscheinlich sind in diesem Jahr mehr Fahrradfahrer umgekommen als am Breitscheidplatz. Es ist Quatsch, sich durch so etwas beeinflussen zu lassen “, fügt sein Kollege hinzu.

          Eine Mitarbeiterin der Schokoladenmanufaktur auf dem Markt ist nicht über den Vorfall am Breitscheidplatz aufgebracht, sondern über die Kommunikation darüber: „Ich finde die Rhetorik, Berlin sei unter Attacke, richtig schlimm. Die Leute in Kriegsgebieten, die sterben, deren Häuser zerstört werden, die sind wirklich unter Attacke. Da geht es nicht nur darum, ob man sich zum Einkaufen raus traut oder nicht. Vor einigen Wochen ist ein Lastwagen am Treptower Park an der Kreuzung in eine Menschengruppe gefahren und hat drei Menschen getötet, darüber hat niemand berichtet. Jetzt gleich so eine starke Rhetorik zu machen und den nächstbesten braun aussehenden Mann zu verhaften, ohne, dass vorher eine Untersuchung stattfindet, wer das war, warum er das gemacht hat, ist falsch, denn momentan weiß man noch gar nicht mit Sicherheit, was passiert ist“, sagt sie.

          Souveräne Gelassenheit

          Am Breitscheidplatz, wo am Montagabend ein Lastwagen in den Weihnachtsmarkt gefahren ist und zwölf Menschen in den Tod riss, sieht es anders aus. Dort bleiben die Holzhütten geschlossen, überall stehen Kerzen, Blumen, Botschaften, die Werbetafeln zeigen heute keine Reklame, sondern gedenken den Opfern. Neben der Gedächtniskirche weint eine Frau, vielleicht hat sie einen Angehörigen verloren, so wie der Karussellbetreiber vom Alexanderplatz, der wieder arbeitet, und trotzdem um zwei Freunde trauert, die hier Opfer des Lastwagens waren.

          Ein Passant schreibt auf eine Kondolenztafel am Breitscheidplatz, wo sich der Anschlag ereignete. Bilderstrecke

          In Berlin geht der Alltag weiter, man nimmt das Geschehene mit souveräner Gelassenheit. Am auffälligsten ist momentan nicht was geschehen ist, am auffälligsten ist das Interesse daran. Mehr noch als die Stadtbewohner, an denen das Ereignis wie beiläufig vorbeigeht, die schon bevor etwas passiert sein könnte darauf gefasst waren, sieht man internationale Journalisten. Auf den Berliner Weihnachtsmärkten und am Ort des Geschehens sind die Reporter das Auffälligste.

          Im Café neben dem Breitscheidplatz sind heute mehr internationale Berichterstatter als Touristen: Amerikanische, Skandinavische, Tschechische Fernsehteams, Reporter der New York Times, der Le Monde, des NBC, sie alle wollen wissen wie die Deutschen mit einem Vorfall umgehen, der möglicherweise der erste islamistisch motivierte Angriff gewesen sein könnte. Der Wirbel um das Geschehene in den Medien, er erfasst die Berliner nicht, als sei die Stadt das Auge eines Tornados, das ruhig ist, während um ihn herum alles in Aufregung steckt.

          Weitere Themen

          Morales hofft auf vierte Amtszeit Video-Seite öffnen

          Bolivien : Morales hofft auf vierte Amtszeit

          Am Rande einer Wahlkampfkundgebung mit dem linksgerichteten Präsidenten Evo Morales gab es auch Proteste und gewaltsame Auseinandersetzungen.

          Topmeldungen

          Donald Trump und Liu He, Vizepremier von China, gemeinsam in Washington. Infolge des Handelskriegs mit Amerika habe die Korruption in Chinas Privatwirtschaft wieder zugenommen, berichtet Philipp Senff von der Wirtschaftsanwaltskanzlei CMS in Schanghai.

          Vorfälle der Deutschen Bank : In China lauert die Korruption bis heute

          Mit teuren Geschenken an chinesische Politiker wollte sich die Deutsche Bank Vorteile verschaffen. Der Fall lenkt den Blick auf ein Land, das trotz Mühen immer noch unter Bestechung leidet – auch wegen des Handelskriegs mit Amerika.
          Andreas Scheuer am Mittwoch in Berlin

          Verkehrsminister Scheuer : Im Porsche durch die Politik

          Verkehrsminister Andreas Scheuer hat einen Vorteil, der ihm beim Streit über die Pkw-Maut zum Nachteil gereichen könnte: eine gewisse Lockerheit.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.