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Die Stasi und ein Anti-Springer-Projekt : Enteignet Augstein!

  • -Aktualisiert am

Geld gegen Springer: Rudolf Augstein im Mai 1968 in Frankfurt Bild: picture-alliance/ dpa

Hat er für die Anti-Springer-Kampagne Geld gegeben, oder hat er nicht? Rudolf Augstein ist durch die Debatte über das schießwütige SED-Mitglied Karl-Heinz Kurras ein zentraler Gegenstand der Diskussion über die Irrwege der Achtundsechziger geworden.

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          Hat er für die Anti-Springer-Kampagne Geld gegeben, oder hat er nicht? Rudolf Augstein ist durch die Debatte über das schießwütige SED-Mitglied Karl-Heinz Kurras ein zentraler Gegenstand der Diskussion über die Irrwege der Achtundsechziger geworden. Verteidiger des 2002 gestorbenen „Spiegel“-Herausgebers bestreiten, dass er die Kampagne gegen „Bild“ und Co. in den sechziger Jahren finanziell unterstützte.

          Als am 6. Oktober 1966 das Springer-Hochhaus im alten Berliner Zeitungsviertel eröffnet wurde, war Augstein dabei - wie viele andere, die zur politischen Klasse der Bonner Republik gehörten. Bundespräsident Heinrich Lübke, Vizekanzler Erich Mende und der Regierende Bürgermeister von Berlin Willy Brandt hielten wohlmeinende Reden, Günter Grass trug seinen neuen Cordanzug spazieren und überreichte Axel Springer eine Ausgabe des „Kursbuchs“. Währendessen scherzte Augstein am kalten Buffet mit Franz Josef Strauß und Max Schmeling. Noch war der innenpolitische Streit eingehegt. Drei Wochen später zerfiel die schwarz-gelbe Koalition, und Ludwig Erhard trat als Bundeskanzler zurück. Es knirschte im Gefüge des Wirtschaftswunderstaates.

          Stasi-Leute an Planungen für Zeitungsprojekt beteiligt

          Augsteins gute Laune auf der Springer-Party sollte eine Niederlage kaschieren, die der „Spiegel“- Herausgeber soeben auf dem Berliner Zeitungsmarkt erlitten hatte. Seit Jahresbeginn hatte ein illustrer Kreis von Journalisten und linken Idealisten in West-Berlin die Herausgabe einer neuen Tageszeitung vorbereitet. Die Redakteure der Nullnummern dieses Vorhabens erhielten gut dotierte Monatsgehälter. Das Geld gaben Rudolf Augstein und Gerd Bucerius. Augstein hatte eine Million Mark für das Projekt eingeplant. Die neue Zeitung sollte „Heute“ heißen und ein Gegengewicht zum Einfluss des Axel-Springer-Verlags darstellen. Als Autoren waren Hans Magnus Enzensberger, Peter Rühmkorf, Sebastian Haffner, Alexander Mitscherlich im Gespräch.

          Verteidiger des füheren „Spiegel”-Herausgebers bestreiten, dass Augstein die Kampagne gegen „Bild” und Co. in den sechziger Jahren finanziell unterstützte

          Der „Heute“-Gruppe gehörten von Beginn an vier Stasi-Leute an, zwei davon Doppelagenten, die für den DDR-Staatssicherheitsdienst und den Verfassungsschutz tätig waren. Am 17. Januar 1966 berichtete ein Stasi-Spitzel, der den literarischen Decknamen „Adrian Pepperkorn“ trug, seinem Ost-Berliner Führungsoffizier über eine Vorbesprechung mit Rudolf Augstein.

          Hinter „Pepperkorn“ verbarg sich das SPD-Mitglied Peter Heilmann. Er hatte für Augstein eine wichtige Sondierungsfunktion übernommen. Der Sohn des in Buchenwald von den Nazis hingerichteten sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten Ernst Heilmann sollte seine Beziehung zu Brandt nutzen, um herauszufinden, ob die kränkelnde sozialdemokratische Zeitung „Telegraf“ zu haben sei, um sie in das Projekt „Heute“ zu überführen. Brandt wollte aber den „Telegraf“ nicht ganz aufgeben, sondern eine Sperrminorität für die SPD behalten. Das wiederum konnte Augstein nicht akzeptieren.

          Forderung nach einer „Lex Springer“

          Während in West-Berlin am Projekt der Anti-Springer-Zeitung getüftelt wurde, ging Augstein im „Spiegel“ hart mit dem Verleger zu Gericht. Unter der Überschrift „Lex Springer“ forderte er am 1. August 1966 eine gesetzlich festgelegte Begrenzung der Marktanteile des Axel-Springer-Verlags. Augsteins polemischer, man kann auch sagen: bösartiger Artikel enthielt eine These, die weit über das hinausging, was bis dato gegen Springer vorgebracht worden war. „Kein einzelner Mann in Deutschland“, schrieb Augstein, habe „vor Hitler und seit Hitler so viel Macht kumuliert, Bismarck und die beiden Kaiser ausgenommen.“ Damit war ein Ton angeschlagen, der bald Schule machen sollte.

          Als aber am 3. Mai 1967 der Stasi-Agent Walter Barthel in einem „Extra-Blatt“ des von Augstein initiierten Zeitungsprojekts „Heute“die Parole „Enteignet Springer“ ausgab, distanzierte sich der „Spiegel“-Chef: „In keiner pluralistischen Gesellschaft kann ein Konzern einem Eigner in Bausch und Bogen weggenommen werden.“ Nun war absehbar, dass, wer „Enteignet Springer“ rief, bald auch „Enteignet Augstein“ meinen könnte.

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