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Die Stasi im Westen : Streit über die Rosenholz-Datei

  • -Aktualisiert am

Marianne Birthler 2003 mit einer CD der „Rosenholz”-Dateien Bild: picture-alliance/ dpa

Der Name Rosenholz steht für die Verheißung, brisanten Geheimnissen der DDR-Auslandsspionage auf die Spur kommen zu können. Was verraten die nach Deutschland zurückgekehrten Dateien? Auch der Bundestag interessiert sich dafür.

          Schon im Namen Rosenholz liegt ein romantischer Hauch von Abenteuer, Geheimnis und Verrat. Wenn das, was von den Akten der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der DDR übrigblieb, „Wolf VI“ geheißen hätte, wenn die friedlichen Revolutionäre gleich am 10. November 1989 die auf Mikrofilm aufgenommenen Karteikarten und die Bänder des elektronischen Posteingangsbuchs sichergestellt hätten, würde sich heute mit dem Begriff Rosenholz wahrscheinlich nicht die Verheißung verbinden, doch noch brisanten Geheimnissen der DDR-Auslandsspionage auf die Spur kommen zu können.

          Während im öffentlichen Dienst und in der Politik die meisten enttarnten Inoffiziellen Mitarbeiter (IM) des MfS ganz unglamourös ihre Positionen räumen, war Generaloberst Markus Wolf, der Leiter der HVA, in den neunziger Jahren gerngesehener Gast in Fernsehsendungen und blieb ein gefragter Buchautor. Seine Rentnerjahre genießt der Chef von Guillaume, von „Romeo“ und „Topas“ als gesamtdeutscher Prominenter. Ihren Aktenbestand hat die HVA rechtzeitig vernichtet, was doch noch gefunden wird, sind Zufallstreffer. Von der legendär leistungsfähigen Auslandsspionage waren nach der Revolution die Dateien Rosenholz und Sira geblieben, doch das stellte sich erst einige Jahre später heraus.

          Rosenholz, das sind die Fotografien der Personenkartei F 16, die „Vorgangsdatei“ F 22 und 1700 Statistikbögen. Sira („System, Information, Recherche der Aufklärung“), das elektronische Posteingangsbuch, ist das als Sicherheitskopie auf Magnetbändern erhaltene lückenlose Verzeichnis aller Lieferungen an die HVA zwischen 1977 und 1987. Erst 1998 wurde Sira entschlüsselt. Der Datenbestand Rosenholz war - möglicherweise über den sowjetischen Geheimdienst KGB - an den amerikanischen Geheimdienst CIA gelangt. Von 2000 an wurden die Unterlagen nach und nach, unter strengen Geheimhaltungsregeln, an die Bundesregierung gegeben. Diese übergab den Bestand schließlich vor drei Jahren der Behörde der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen und hob die „VS“-Einstufung der Geheimsache Rosenholz auf. Den Namen Rosenholz haben deutsche Sicherheitsbehörden aus praktischen Gründen erfunden, als sie die Datei in den neunziger Jahren bei den Amerikanern einsehen durften.

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          Birthler warnt vor überzogenen Erwartungen

          Weil deutsche Stellen die Datei bereits kannten, warnte Marianne Birthler, die Leiterin der Stasi-Unterlagen-Behörde, denn auch vor überzogenen Erwartungen an die Enthüllungskraft von Rosenholz, als sie 2003 die CD-ROMs in Empfang nahm. Gegen etwa 3000 westdeutsche Spionageverdächtige seien Ermittlungsverfahren eingeleitet worden, etwa 300 Strafverfahren hätten zu Schuldsprüchen geführt. Helmut Müller-Enbergs, der Leiter der Rosenholz-Arbeitsgruppe in der Stasi-Unterlagenbehörde, sprach von 1553 Ermittlungsverfahren, die wegen Rosenholz eröffnet wurden. 1134 davon seien eingestellt, 181 Personen seien verurteilt worden, 118 zu Bewährungs- oder Geldstrafen. Es seien 62 Haftstrafen verhängt worden. Strafrechtlich, das glauben alle, die sich mit der Materie auskennen, ist da nicht mehr viel zu erwarten.

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