https://www.faz.net/-gpf-8s961

Alles neu bei der SPD : Stabübergabe auf dem Hochseil

  • -Aktualisiert am

Der rechte übergibt an den linken: Gabriel wechselt ins Außenministerium, Schulz macht den Kanzlerkandidaten. Bild: AFP

Tag eins nach dem Paukenschlag: In der SPD-Fraktion versucht man, das Chaos zu rationalisieren. Deren Chef sagt, Gabriels Rolle im Wahlkampf sei eine dienende.

          Um 12.50 Uhr öffnet sich die Tür zum Fraktionssaal der SPD im Reichstagsgebäude. Noch einmal hat es einen donnernden Applaus gegeben für Martin Schulz, der anders als am Vortag, während der regulären Sitzung, am Mittwoch als Gast der Fraktion zur Sondersitzung erschienen war, um sich als designierter Kanzlerkandidat und Parteivorsitzender an die Abgeordneten zu wenden. Eine dreiviertel Stunde saßen sie zusammen. Nun strömen die Abgeordneten wieder aus dem Saal. Vorbei an Kameras und wartenden Journalisten. Grinsend, lachend, die Augenbrauen hochziehend. Es geht mal wieder lustig zu bei den Sozialdemokraten.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          In der Menge ist einer, der nicht nach links abbiegt Richtung Kuppel, sondern zielstrebig nach rechts dreht. Wohin ist unklar, denn raus aus dem Reichstagsgebäude kommt man so nicht. Womöglich will Sigmar Gabriel einfach in einem abgeschlossenen Raum warten, bis der ganze Trubel vorüber ist. Die Bühne gehört Schulz und Thomas Oppermann, dem Fraktionsvorsitzenden, der die Gelegenheit nutzen wird, noch einmal ein paar Worte über den scheidenden Parteivorsitzenden zu verlieren. Doch dazu erst später.

          Oppermann hat die Angewohnheit, sich erst einmal kräftig zu räuspern, bevor er seine Statements auf der Fraktionsebene abgibt. Der O-Ton, der im besten Falle abends in der „Tagesschau“ gesendet wird, muss sitzen – auch stimmlich. Die Länge des Räusperns korreliert dabei meist mit dem rhetorischen Verrenkungsgrad des Statements. Am Mittwoch gibt es kein Räuspern: Es habe eine „Aufbruchstimmung“ in der Bundestagsfraktion gegeben, die Nominierung Schulz‘ sei ein „erfolgreicher Startschuss“ in das Wahljahr. Schulz habe den vollen Rückhalt der Bundestagsfraktion, sagt er.

          SPD-Fraktion ist glücklich

          Das stimmt. Die Abgeordneten sind tatsächlich mehrheitlich zufrieden. In der Fraktion waren die Bedenken gegen Gabriel schließlich besonders ausgeprägt. Aber Aufbruchstimmung? Okay, Euphemismen gehören zur Politik wie schiefe Metaphern zur Fußballberichterstattung. Dass er aber die Wendung, es handle sich um einen „erfolgreichen Startschuss“ ins Wahljahr, ohne Räuspern formulieren kann, ist dann schon beachtlich. Als wenig später gefragt wird, welche Rolle der künftige Außenminister im Wahlkampf spielen werde, sucht Schulz kurz nach staatstragenden Worten: Gabriel solle dafür stehen, dass Deutschland Europa zusammenhalte. Obschon die Frage ausschließlich an den künftigen Kanzlerkandidaten gerichtet war, ist es Oppermann ein Anliegen, eine Kleinigkeit zu ergänzen: „Er wird im Wahlkampf eine dienende Rolle spielen“, sagt er. Dann zieht er kurz die Brauen hoch, so als wolle er sicherstellen, dass alle verstanden haben.

          Eine dienende Rolle! Oppermann, so ist zu hören, ist gerade nicht gut auf Gabriel zu sprechen. In der Fraktionssitzung hatte er an diesen gerichtet geäußert, viele Abgeordnete hätten sich gewünscht, von der Nominierung des Kanzlerkandidaten nicht aus den Medien zu erfahren. „Aber das war gestern. Ab heute heißt es: Nicht mehr lamentieren, sondern kämpfen.“

          In den Abgeordnetenbüros der SPD tauscht man sich gerade häufig über die Frage aus, wer, wann, was wusste. Die Antwort ist einfach: fast niemand, spät, wenig. Noch interessanter ist die Frage, wer in der SPD-Führung etwas wusste. Denn daraus lassen sich Schlüsse ziehen, wer zum innersten Kreis der Macht gehört und wer nicht. Oppermann, so ist zu hören, hat am Sonntag von Gabriels Rücktrittsplänen erfahren – einen Tag, nachdem der scheidende Vorsitzende das entscheidende Gespräch mit Schulz geführt hat. Da wiederum muss Gabriel zumindest schon mit Hannelore Kraft und Olaf Scholz gesprochen haben, sonst hätte er in den beiden Interviews, auf die der Fraktionsvorsitzende anspielte, nicht so freihändig über seinen Wechsel ins Auswärtige Amt sprechen können. Beide müssen der Rochade zugestimmt haben, gleichsam als Preis für den Rücktritt.

          Weitere Themen

          Hooligans attackieren Schwule auf LGBT-Parade Video-Seite öffnen

          Homophobe Gewalt in Polen : Hooligans attackieren Schwule auf LGBT-Parade

          Während der ersten Gay-Pride-Parade in der polnischen Stadt Bialystok kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Hooligans und Ultranationalisten attackieren und beleidigten die Teilnehmer. Am Ende musste die Polizei einschreiten.

          Topmeldungen

          Spitzenfrauen : Harmonie auf Zeit

          Nachdem die Personalien geklärt sind, geht es politisch bald ans Eingemachte: Mindestlohn, Arbeitslosenversicherung, Rüstungsexporte. Die mächtigsten Frauen Europas – Kramp-Karrenbauer, von der Leyen und Merkel – könnten sich dabei in die Quere kommen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.