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Stiftungen und Demokratie : „Mehr den Zusammenhalt als das Trennende betonen“

  • -Aktualisiert am

Joachim Rogall ist seit Mai 2018 Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands Deutscher Stiftungen. Bild: David Ausserhofer, Bundesverband Deutscher Stiftungen

Joachim Rogall, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands Deutscher Stiftungen sieht die Demokratie in einem gefährlichen Zustand. Im FAZ.NET-Interview fordert er mehr staatsbürgerliches Engagement.

          5 Min.

          Herr Rogall, der diesjährige Stiftungstag in Mannheim stand unter dem Motto „Unsere Demokratie“. Wie ist Ihre Bestandsaufnahme? Wie geht es unserer Demokratie?

          Die alten Bindekräfte der Gesellschaft lösen sich auf. Es gibt viele Partikularinteressen und Parallelgesellschaften. Das Grundgesetz hält die Gesellschaft noch zusammen, aber wir sehen, dass vielen Menschen nicht präsent ist, was es bedeutet. Der demokratische Konsens wird aber auch von rechten und linken Kräften angefochten. Die liberale Demokratie wird von autoritären Strukturen herausgefordert, die politisch und wirtschaftlich erfolgreich sind. Das scheint auch keine Übergangsphase zu sein, sondern länger anzuhalten.

          Was sind die Gründe für diese Probleme?

          Wir haben unterschätzt, dass eine Demokratie nur funktioniert, wenn sich jeder Bürger für sie engagiert. Wir haben die Freiheiten und Rechte als zu selbstverständlich genommen, für uns war das einfach gegeben, wie Wasser und Luft. In Mitteleuropa ist durch die lange Friedenszeit das Bewusstsein verloren gegangen, dass man sich für die Demokratie einsetzen muss. Zudem haben viele Bürger den Eindruck, dass sie von den politischen Institutionen nicht ausreichend repräsentiert werden. Auch die Dialogkultur nimmt ab. Man respektiert nicht die Meinung des Anderen, sondern qualifiziert ihn als Gesprächspartner ab. Wir wachen gerade erst auf und merken, dass sich etwas ändert. Zum Beispiel durch Wahlergebnisse oder spektakuläre Ereignisse, teilweise aber ganz schleichend.

          Die Leipziger Autoritarismus-Studie 2018 misst eine über 90-prozentige Zustimmung zur Demokratie als Idee, aber nur knapp über 50 Prozent Zustimmung für die Demokratie, wie sie in Deutschland funktioniert. Ist das schon systemgefährdend?

          Dieser Zustand ist schon ziemlich gefährlich. Es ist ein eindeutiges Zeichen, wenn sich die Hälfte der Menschen mit dem Zustand unserer Demokratie nicht wohlfühlt. Wenn diese Menschen als Reaktion darauf aktiv werden, ist das grundsätzlich begrüßenswert. Wir können ihnen aber nicht vorschreiben, wie sie sich betätigen sollen. Das kann in der Flüchtlingshilfe sein, aber auch bei Pegida. Die große Frage ist, wie die Demokratie es schafft, mehr den Zusammenhalt als das Trennende zu betonen. Man kann damit schon im Kindergarten und in der Schule anfangen und dort demokratische Elemente stärken. Diese Prinzipien werden dann verinnerlicht.

          Was muss noch getan werden?

          Jeder Staatsbürger muss seinen Teil zur Demokratie beitragen. Bei der Einwanderung haben wir gesehen, welche Kräfte in einer Gesellschaft mobilisiert werden können – im Guten wie im Schlechten. Unterschiedliche inhaltliche Positionen sind legitim, wenn das Grundgesetz geachtet wird. In anderen Fällen kann der Einzelne nicht so viel bewirken, deshalb ist es gut, dass es Institutionen wie die Stiftungen gibt. Sie brauchen Demokratie als Grundlage und können die Anliegen der Bürgergesellschaft vertreten.

          In Deutschland gibt es mehr als 20.000 gemeinnützige Stiftungen. Inwiefern können diese eine Demokratie bereichern?

          Stiftungen können dazu beitragen, dass sich Filterblasen lösen oder Kommunikation zwischen gegensätzlichen gesellschaftlichen Gruppen stattfindet. Dafür müssen die Stiftungen Plattformen anbieten und nicht gleich selbst Partei ergreifen, sondern unterschiedliche Meinungen zulassen. Wir können auch gute lokale Beispiele für gelebte Demokratie fördern und in ganz Deutschland bekannt machen. Stiftungen sind ein interessantes Versuchslabor für Ideen, wir sehen das an unserem Bundesverband. Die Bürgerstiftungen, die in diesem Jahr den deutschen Stifterpreis bekommen haben, sind ein Beispiel für Graswurzeldemokratie, an der sich jeder in seinem Umfeld beteiligen kann.

          Übernehmen Stiftungen aber teilweise auch Aufgaben, die eigentlich Staatsaufgaben wären?

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