https://www.faz.net/-gpf-9koqc

Die Politik und das Volk : Beliebtes Blasen-Bashing

  • -Aktualisiert am

Beifall in der Bütt mit der Distanzierung von „denen“ in Berlin: Annegret Kramp-Karrenbauer Mitte Februar bei der „Saarländischen Narrenschau“ in St. Ingbert Bild: dpa

Dass Politiker in ihrer eigenen Blase leben und arbeiten, hat sie noch nie daran gehindert, sich als besonders volksnah darzustellen. Doch die Wähler lassen sich nicht täuschen. Eine Partei gab sich zuletzt besonders scheinheilig.

          Neulich stellte Thomas de Maizière sein Buch über das Regieren vor. Seit den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts war er beruflich in Regierungsapparaten tätig, in Ländern und im Bund, er leitete Staatskanzleien und das Kanzleramt, war schließlich Bundesinnenminister. Mit dem Spott, er erinnere an eine Büroklammer, ging er souverän um. Und dennoch rieb er den vor ihm sitzenden Hauptstadtjournalisten unter die Nase, dass er – anders als die meisten Medienleute – mehr von der Welt kenne als das Geschehen im Innern des Berliner S-Bahn-Rings.

          Es ist kein neues Phänomen, dass Politiker behaupten, sie wüssten, wie die Menschen denken, vor allem die sogenannten kleinen Leute, die hart arbeiteten für ihr bisschen Geld. Gerade in Mode ist die Formulierung von denjenigen, die jeden Morgen aufstehen und „malochen“. So, als bliebe die Hälfte der Deutschen morgens liegen und die andere Hälfte triebe im Bergwerk die Hacke in die Steinkohle. Wie trockene Alkoholiker, die ihrem Publikum immer wieder versichern müssen, dass sie keinen Tropfen mehr anrührten, versichern Politiker unterschiedlicher Parteien, dass sie nicht in der „Blase“ gefangen seien. So, als würden die Gesetze für die viertgrößte Wirtschaftsmacht der Welt nicht in den mit hochqualifizierten Beamten bestückten Ministerien gemacht, in den Parlamenten, sondern in einer mittelständischen Lackiererei, die eines der Kabinettsmitglieder in seinem Wahlkreis besucht, in einer gepanzerten Limousine und ganz zufällig in Begleitung von drei Kamerateams. Ach, was bin ich volksnah! Auch Medien spielen dieses Spiel gern mit.

          Die größte Blamage auf diesem Feld hat sich ausgerechnet jene süddeutsche Partei geleistet, deren Führungspersonal so tut, als begebe es sich nur in Lederhose und Filzhut ans Gesetzemachen. Jahrelang haben die CSU-Größen behauptet, sie wüssten genau, was die Menschen in Bayern und Deutschland ausschließlich von früh bis spät umtreibe, nämlich der Flüchtlingszustrom. Dass innerhalb weniger Tage mehr als eine Million Menschen in Bayern eine Initiative zum Schutz der Bienen unterstützte, hat Seehofer, Söder und Co. überrollt wie eine Honiglawine aus den Alpen. Das ist vor allem deswegen erstaunlich, weil im Zeitalter von permanenten Umfragen und der Auswertung der sozialen Medien die Möglichkeiten der politischen Führungsebene, eine präzise Vorstellung von der Stimmung in der Wählerschaft zu haben, im Bund wie in den Ländern besser ist denn je.

          Immer schon haben Politiker behauptet, ganz nah bei den Menschen zu sein und dem Regierungsapparat skeptisch gegenüberzustehen. Dass diese Beteuerungen derzeit vor allem von den Volksparteien besonders intensiv verbreitet werden, liegt an der AfD. Wenn eine Partei, die den Begriff Volk offensiver als CDU und CSU im Munde führt, sich innerhalb weniger Jahre in Landtagen und im Bundestag mit zweistelligen Resultaten festsetzt, dann fühlen die Volksparteien sich bedroht. Da sie offenkundig zu einem Teil des Volkes den Kontakt verloren haben, müssen sie sich diesem zumindest rhetorisch zuwenden. Das soll besonders authentisch dadurch wirken, dass sie sich von dem vermeintlich abgehobenen Teil des Betriebes, der früher Bonner Raumschiff genannt wurde und heute eben Berliner Blase heißt, abzuheben versuchen.

          In der Folge mühen die von den erfolgreichen Neulingen am rechten Rand gern als System- oder Altparteien geschmähten Gruppierungen sich damit ab, den Eindruck zu erwecken, man habe die Botschaft verstanden und wolle nun wirklich zuhören. Als Annegret Kramp-Karrenbauer vor einem Jahr zur CDU-Generalsekretärin gewählt worden war, veranstaltete sie sogar eine „Zuhörtour“, die an der Basis der Partei gut ankam. Die Landtagswahl in Hessen ging im Herbst gleichwohl nicht gut aus für die CDU. Offenbar sind diejenigen Wähler, die der CDU entweder schon den Rücken zugekehrt haben oder das erwägen, immer noch nicht überzeugt, dass nun endlich jene Politik gemacht wird, die sie für die richtige halten.

          Politiker leben zwangsläufig in einer eigenen professionellen Welt

          Die Distanzierung von der Berliner (Münchner, Düsseldorfer, Dresdner) Blase ist ein hübscher Beifallsverstärker in der politischen Bierzeltrede. Die meisten Wähler sind aber klug genug zu wissen, dass Politiker zwangsläufig auch in einer eigenen professionellen Welt leben, so wie jeder Mensch. Die Lehrerin in Thüringen, der Ökobauer in Bayern oder der Mechatroniker im Münsterland – jeder hält seine Wirklichkeit für die wirklichste. Wenn es gut läuft, vergessen sie dabei nicht, ihre Urteilsbildung auch durch Eindrücke von außen zu ergänzen. So tun es auch gute Politiker. Blasen-Bashing ist jedenfalls kein Ersatz dafür, Politik für die Menschen zu machen.

          Wie scheinheilig manche Distanzierung ist, ließ sich dieser Tage beobachten. Ausgerechnet die AfD, die so leidenschaftlich über die Berliner Politikblase zu schimpfen pflegte, hatte nach einem Medienempfang in Berlin eine aufwendig gemachte Broschüre mit Bildern von Politikern und Journalisten verschickt und in einem Vorwort geschwärmt, wie gut man inzwischen miteinander zurechtkomme. Auf das System wird nur so lange geschimpft, bis man glaubt, dazuzugehören. Bei den Grünen war das übrigens auch nicht anders.

          Eckart Lohse

          Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Boris Johnson ist optimistisch Video-Seite öffnen

          Treffen mit Macron in Paris : Boris Johnson ist optimistisch

          Nach seinem Besuch in Berlin kam der britische Regierungschef am Donnerstag mit dem französischen Staatspräsidenten in Paris zusammen. Wirklich viel hatte Macron in Sachen Brexit-Abkommen aber nicht anzubieten. Trotzdem versprach er eine 30-tägige Anstrengung.

          Topmeldungen

          Wirtschaft in Amerika : Trumps Sommer des Missvergnügens

          Signale eines Konjunktureinbruchs in Amerika machen Trump nervös. Die Wirtschaftslage könnte seine Wiederwahl 2020 gefährden. Die Reaktion des Präsidenten zeigt ein bekanntes Muster.

          Johnson in Paris : In Berlin war mehr Esprit

          Beim Besuch von Boris Johnson betont Präsident Macron die Einigkeit Europas – und bekennt sich zu seinem Ruf, in der Brexit-Frage ein Hardliner zu sein. Zugeständnisse will er gegenüber dem Gast aus London nicht machen – erst recht nicht beim Backstop.

          FAZ.NET-Serie Schneller schlau : Kind oder Porsche

          Die Frauen in Deutschland bekommen ihr erstes Kind deutlich später, im Durchschnitt sind sie mittlerweile älter als dreißig Jahre. Wie aber hängt die Kinderzahl mit dem Bildungsgrad zusammen? Und was kostet ein Kind eigentlich, bis es erwachsen ist?
          Amerikas Botschafter Richard Grenell kritisiert eine neue EU-Verordnung zu Medizinprodukten.

          F.A.Z. exklusiv : Richard Grenell kritisiert neue EU-Verordnung

          Die EU sorgt mit neuen Verordnungen für Medizinprodukte für neuen bürokratischen Aufwand. Der amerikanische Botschafter Grenell meint: „Viele werden sich für die Patienten nicht positiv auswirken.“ Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.