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Bildungs-Kommentar : Tendenz: Abwärts!

Schüler eine Berliner Grundschule während des Unterrichts Bild: dpa

Chronischer Lehrermangel, umstrittene Unterrichtsmethoden, Herausforderungen durch Inklusion und Migration: Gerade verspielt die Politik bei der Bildung das, was in Jahrzehnten aufgebaut wurde.

          Mit einer Portion Sarkasmus ließe sich die Bildungsstudie der Kultusminister als Bestätigung dafür lesen, was jedermann in Deutschland längst weiß, der Kinder auf der Grundschule hat: Lesen, rechnen und schreiben lernt dort nur, wem zu Hause kräftig unter die Arme gegriffen wird. Die Landesregierungen haben die Elternhäuser längst in Haft genommen für ihre defizitäre Schulpolitik. Können Eltern zu Hause nicht nachhelfen, haben vor allem Kinder mit Migrationshintergrund große Nachteile.

          Während die staatlichen Unterrichtsmethoden bei Eltern seit Jahren Kopfschütteln hervorrufen (Schreibenlernen nach Gehör!), wurden Lehrern und Schulen aber noch zusätzliche Aufgaben aufgebürdet, für die sie weder ausgerüstet noch ausgebildet sind. An erster Stelle sind zu nennen: Inklusion und Migration. Hinzu kommt ein chronischer Lehrermangel, der von allen Bundesländern kunstvoll kleingeredet wird.

          Das Ergebnis mag von Land zu Land unterschiedlich sein, aber die Tendenz ist doch eindeutig: abwärts. Dass nun zum wiederholten Mal auch die Leistungen im Einwanderungsland Baden-Württemberg drastisch nachlassen, sollte als Alarmzeichen aufgenommen werden. Es zeigt, dass selbst in einstmals erfolgreichen Ländern in wenigen Jahren verspielt werden kann, was in Jahrzehnten vorher aufgebaut wurde.

          Und vor allem zeigt es, was auf die Bundesländer noch alles zukommt. Denn zumindest die Herausforderungen, die durch die Einwanderung bildungsferner Familien entstehen, werden sich noch vergrößern. Die Grundschulen werden die ersten sein, die das merken und, so ist offenbar der Stand der Dinge, damit überfordert sind.

          Die Länder stecken in einer selbstgewählten Zwickmühle. Ihre Aufgaben ließen sich nur durch drastische Mittel lösen, von denen eine Umkehr bei den Lehrmethoden noch das einfachste wäre. Lehrkräfte und Sozialpädagogen lassen sich nicht von heute auf morgen ausbilden, einstellen und gut bezahlen. Ebenso wenig wie der Bund sind die Länder aber bereit, Einwanderung so auszurichten, dass Maß, Mitte und Methode zu erkennen sind.

          Viel wahrscheinlicher ist, dass die neue Bundesregierung so weitermacht, wie die alte aufgehört hat: mit dem angeblichen Allheilmittel überstürzter Zentralisierung, das den Ländern durch Bundeshilfen schmackhaft gemacht wird. Geld ist aber seit Jahren im Überfluss vorhanden. Man müsste es nur richtig einsetzen – oder endlich zugeben, dass es Grenzen des Machbaren gibt.

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

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