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Pietisten in Württemberg : Aus Prinzip dagegen

Der Christustag ist eine dezidiert pietistische Veranstaltung. Bild: dpa

Die Pietisten prägen Baden-Württemberg und die dortige Landeskirche bis heute – oft im Streit mit der Obrigkeit. Aufgrund ihres Glaubens haben sie aber viel zur Entwicklung des Landes beigetragen.

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          Die Kirchentagsbesucher, die nächste Woche nach Stuttgart kommen und etwas über die gastgebende Landeskirche lernen wollen, sollten sich gleich ins Landesarchiv begeben. Dort ist die Ausstellung „Von Württemberg in die Welt. Glaube und Wirkung des Pietismus“ zu sehen. Denn ohne ein paar Einblicke in das Glaubensverständnis der Pietisten lässt sich weder die Geschichte Baden-Württembergs noch der württembergischen Landeskirche verstehen. Man begegnet dort Figuren wie Philipp Jakob Spener, dem Vater des Pietismus und Verfasser der „Pia Desideria“, oder Philipp Matthäus Hahn, einem Pfarrer aus dem späten 18. Jahrhundert. Hahn hielt in Kornwestheim „Erbauungsstunden“ ab und legte zugleich als Mechaniker die Grundlagen für die feinmechanische Industrie Württembergs.

          Rüdiger Soldt
          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Der Glaube, so sahen es die Pietisten, sollte nicht länger eine Angelegenheit des Kopfes oder allein transzendenter Handlungen sein, der Glaube sollte zur Tat werden. Die „Stunde“ zur Bibellektüre soll, das ist bis heute Kern der pietistischen Überzeugung, dabei helfen, dass Herz und Handeln vom Glauben berührt werden. Das machte die Menschen im armen Württemberg zu fleißigen Tüftlern und Erfindern und stärkte ihre obrigkeitskritische Haltung. Denn sie legten die Bibel selbst aus und verließen sich nicht mehr allein auf die Predigt des Pfarrers. Die Obrigkeit wird an der Rechtgläubigkeit gemessen, das gilt für die geistlichen Oberhäupter und auch für die weltlichen.

          Vor ein paar Jahren musste die obrigkeitskritische Grundstimmung der Pietisten sogar als Erklärung für den hartnäckigen Protest gegen „Stuttgart 21“ herhalten. Wie in der Bibelstunde die mündigen Gläubigen auf ihre eigene Textexegese vertrauen, so interpretierten die Bahnhofsgegner geologische Gutachten über den Tiefbahnhof auf eigene Faust.

          Durch das Pietistenreskript 1743 und dessen Bestätigung unter Landesbischof Theo Sorg 1993 wurden die Pietisten zur festen Größe innerhalb der Landeskirche. Andernorts organisierten sie sich in freien Kirchen jenseits der Landeskirchen. Die württembergische Landeskirche, in der die besonders schlichte oberdeutsche Liturgie gepflegt wird, gehört mit 2,1 Millionen Mitgliedern und vielen wohlhabenden Gläubigen zu den stabilsten und finanzstärksten in der EKD.

          Pietisten gehen eher zur Wahl

          Die innerkirchlichen Verhältnisse sind aber komplizierter als in anderen Landeskirchen. Bis heute haben die Pietisten in der Synode die Mehrheit: Bei der Synodalwahl 2013 bekam die pietistische „Lebendige Gemeinde“ 39 Sitze, die eher linksliberale „Offene Kirche“ 31. Auf die restlichen Gesprächskreise entfielen 19 Sitze. Von den 50 Dekanen der Landeskirche ist ein gutes Dutzend pietistisch. Die Altpietisten oder „Apis“ haben auch deshalb kaum Nachwuchssorgen, weil sie sich seit einigen Jahren bewusst der christlichen Popkultur geöffnet haben.

          Die Synode der württembergischen Landeskirche ist die einzige, die per Urwahl gewählt wird. Die Wahlbeteiligung liegt bei 25 Prozent; die besonders engagierten Gemeindemitglieder, und das sind oftmals die pietistischen, gehen eher zur Wahl als die Anhänger einer modernen Theologie. Deshalb bildet die Zusammensetzung der württembergischen Synode die Gesamtheit der Mitgliedschaft leicht verzerrt ab. Jeder württembergische Landesbischof muss deshalb ein kluger Moderator der stark gegensätzlichen Strömungen sein. Und er muss die betont politisch agierenden Synodalen immer wieder daran erinnern, dass er als Bischof selbst Verfassungsorgan ist.

          Bei der Bewertung von Homosexualität, der Definition des Verhältnisses zum Islam und der Haltung zum Kreationismus vertreten die Gesprächskreise der „Lebendigen Gemeinde“ oftmals das Gegenteil von dem, was die Vertreter der „Offenen Gemeinde“ für theologisch richtig halten. Politisch gesprochen ist das Meinungsspektrum in der Synode so breit wie zwischen dem konservativen Flügel der Union und dem linken Flügel der Grünen.

          Keine Krise im Land

          „Ein württembergischer Landesbischof darf über den Pietismus nicht nur in der Vergangenheitsform sprechen. Der Pietismus ist für unsere Landeskirche immer prägend gewesen, und er kann heute auch viel dazu beitragen, dass unsere Kirche ihre geistliche Substanz bewahrt“, sagt Landesbischof Frank Otfried July. Es sei mittlerweile gelungen, die starken „konfessorischen Risse“ der siebziger und achtziger Jahre weitgehend zu überwinden. 1952, 1969 und 1999 war Stuttgart schon einmal gastgebende Stadt für evangelische Kirchentage. Der Kirchentag 1969, darauf spielt July an, führte zu einem schweren, über viele Jahre andauernden Zerwürfnis zwischen Bekenntnischristen und Linksprotestanten. Den Glauben an die Wiederkunft Christi prangerten linke Theologen als „Alibi für gesellschaftspolitische Passivität“ an, das Gebet und eine persönliche Glaubensbeziehung bezeichneten sie als überflüssig.

          Unreflektierter Bibelglauben und genauso unreflektierter sozialrevolutionärer Politaktivismus bildeten die Pole, zwischen denen sich die Diskussionen auf dem Killesberg abspielten. Evangelikale Pfarrer verteilten Ketzerhüte, viele Kirchentagsbesucher sahen im Christentum nur noch ein Mittel zur Entlarvung der kapitalistischen Machtverhältnisse. Die Pietisten schufen damals mit dem „Gemeindetag unter dem Wort“, dem späteren „Christustag“, eine Gegenveranstaltung. Bischof July wertet es als Erfolg, dass der „Christustag“ nun während des Kirchentags in Stuttgart stattfindet. „Es gelingt heute den unterschiedlichen Strömungen der Synode, an einer lebendigen Volkskirche zu arbeiten.“

          Die vom Reformator Johannes Brenz geprägte Landeskirche ist neben der oldenburgischen die einzige „blockfreie“ innerhalb der EKD, denn sie hat in der „Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands“ (VElKD) nur Gaststatus. Im Südwesten sind 70 Prozent der Bevölkerung Mitglied einer Kirche. Auch wenn die württembergische Landeskirche vor allem aus demographischen Gründen jedes Jahr ein Prozent ihrer Gemeindemitglieder verliert, ist man von einer Krise, die zu einer Fusion mit der badischen Landeskirche führen könnte, noch weit entfernt. Eine Fusion mit der badischen Landeskirche ist im Augenblick kein Thema. Wenn man eine Großkirche bildet, muss man immer auf die Basisnähe achten. Eine gemeinsame Landeskirche hätte 3,3 Millionen Mitglieder, sie wäre die größte Gliedkirche in Deutschland“, sagt July.

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