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Umgang mit der AfD : Der lustvolle Strafwähler

Drei Gruppen von AfD-Wählern?

Der FDP-Bundesgeschäftsführer Marco Buschmann betrachtet das alles mit Skepsis. „Mit den ganzen Schnellschuss-Antworten und Propagandaphrasen kriegt man das Problem nicht in den Griff. Das ist meine persönliche Ansicht“, sagt er. Buschmann glaubt, dass es drei Gruppen von AfD-Wählern gibt, die jeweils von Bauchgefühlen geleitet sind und erst im Wege einer „Postrationalisierung“ nach Argumenten suchen. Die erste Gruppe sind die Xenophoben. Menschen also, die es immer schon gab in Deutschland und die sich früher in anderen Parteien tummelten. „Das macht vielleicht die Hälfte des Phänomens aus“, sagte Buschmann. Diesen Menschen dürfe man nicht hinterherlaufen.

Dann gebe es die heimatlosen Kulturkonservativen, die den Zeitgeist als „erdrückende kulturelle Hegemonie“ wahrnähmen. So jemand müsse „sich unfassbar bedroht fühlen, weil er die Wahrnehmung hat, dass es eine Hundert-Prozent-Meinung gibt, die seinem Weltbild entgegensteht“. Für die fühlt sich Buschmann als Liberaler nicht zuständig: „Das wäre eine klassische Aufgabe der Union gewesen.“ Und dann gibt es eine dritte Gruppe, die vielleicht schillerndste - „das ist der Teil, der will das System bestrafen“.

Die Spieltheorie und das Bedürfnis zu strafen

Um diese Gruppe zu verstehen, hat Buschmann das Buch „Die Mathematik des Daseins“ des Mathematikers Rudolf Taschner gelesen. Dort wird auf Seite 180 eine Erkenntnis der Spieltheorie vorgestellt. Sie lautet: Unter Laborbedingungen reagieren Menschen auf Regelverletzungen anderer Menschen mit dem Bedürfnis, diese zu bestrafen. Sie sind sogar bereit, persönliche Nachteile in Kauf zu nehmen, um die Strafe zu verabreichen. „Die Spieler sind geradezu begeistert, wenn sie strafen dürfen“, heißt es in Taschners Buch. Buschmann hat sich diese Stelle rot unterstrichen.

Er glaubt, solche AfD-Anhänger hätten das Gefühl, das Establishment räume bestimmten Leuten Sonderrechte ein. „Zum Beispiel, wenn die Leute berichten, dass dem Flüchtling der syrische Führerschein für 500 Euro umgeschrieben wird, oder wenn Bauland ausgeschrieben wird, bei dem man zwanzig Jahre gesagt hat, wegen der Flächenversiegelung gehe das nicht.“ Buschmann glaubt, dass „ein ganz starker Treiber für die AfD die Lust an der Bestrafung ist, weil die Partei dieses Bedürfnis besonders effektiv befriedigt“. Hörten sie besonders laute Wehklagen über die Wahlerfolge der AfD, wüssten solche Bürger: „Das hat richtig weh getan im politischen System.“ Die Pointe lautet also: Wenn AfD-Wähler nur bestrafen wollen, müssen sich die etablierten Parteien nicht in Überzeugungsarbeit versuchen - denn die Strafe für die Parteien besteht gerade darin, dass man für eine solche Überzeugungsarbeit nicht empfänglich ist.

Buschmann glaubt nicht, dass solche Strafwähler zu bezirzen sind. Er glaubt aber, dass man ihr Vertrauen zurückgewinnen kann durch „Rechtsstaatlichkeit, geordnete Verfahren und die Regel, nicht in Panik zu verfallen und wild aktionistisch zu handeln“. Beispiele gibt es viele: die Flüchtlinge, den Euro. Nach Buschmanns Theorie war es nicht die Zahl der Flüchtlinge oder die Höhe der Milliardenkredite an Griechenland, die solche Strafwähler motivierte, sondern der gefühlte Kontrollverlust und die Verletzung europäischer Verträge. Schon eine Wiederherstellung des Gefühls, dass Ordnung und Rechtsstaatlichkeit herrschen, würde die AfD demnach viele Wählerstimmen kosten.

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