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Umgang mit der AfD : Der lustvolle Strafwähler

„Linke Parteien sind bisweilen nicht mehr in der Lage, Diskurse anzubieten, anhand deren sich die Leute orientieren können“, sagt Meves, der viel über das Thema liest. Zum Beispiel die französischen Intellektuellen Didier Eribon und Emmanuel Todd, die darüber nachdenken, warum der Front National für Arbeiter attraktiv ist. Früher, da seien die Bosse des Kapitalismus das Feindbild gewesen, sagt Meves. „Franzosen und Ausländer gegen die Bosse“, habe ein Plakat gefordert. Die Kapitalismuskritik habe zu internationaler Solidarität mit den Geknechteten anderer Länder animiert. Heute fehle das und mache Arbeiter anfällig für nationalistische Ideen.

Rezepte gegen politische Einsteiger

Meves findet nicht, dass etwa Sahra Wagenknecht ähnliche Töne wie die AfD anschlage. Das sei „keine nationalistische Anbiederung“, sondern dem Umstand geschuldet, dass die wirtschaftsliberale Forderung nach Freihandel immer zwei Ziele gehabt habe: „einerseits den Frieden, andererseits die Schwächung der Arbeiterklasse“, das habe Friedrich August von Hayek schon 1939 gesagt. Nationale Streiks blieben in einer Freihandelszone wirkungslos. Deshalb wolle die Linkspartei „Organisationsformen vor Ort stärken, damit sie wieder Zugriff auf die entsprechende Gesetzgebung haben“.

Das Rezept zum Umgang mit der AfD soll also lauten: nationale Institutionen stärken, um die Schwachen vor der Globalisierung zu schützen. Und: den Menschen beibringen, wie Politik funktioniert. „Die AfD hat Wählergruppen, die sonst wenig politisch machen, auch die Mandatsträger sind meistens Einsteiger. Die sagen, Politiker seien eine marode Klasse, weil sie nicht wissen, wie man etwas verhandelt und wie schwierig Politik ist“, sagt Meves. Die Linkspartei will also für einen differenzierten Umgang mit dem Establishment werben - vielleicht vor allem deshalb, weil AfD-Anhänger sie zu diesem zählen.

Die CDU versucht es mit Diskussionen auf dem Sofa

Auch die CDU kann nicht von großen Erfolgen gegen die AfD berichten, im Gegenteil. Einzig ein kleiner Triumph ist bemerkenswert: Bei den Kommunalwahlen in Niedersachsen siegte die CDU, die AfD verlor. In Regionen, in denen die CDU traditionell stark ist, schwächelte die AfD. Wie der Generalsekretär der niedersächsischen CDU, Ulf Thiele, dieses Ergebnis erklärt, ist also von Bedeutung.

CDU-Mann Ulf Thiele wirbt für einen „sehr personalisierten Wahlkampf“.
CDU-Mann Ulf Thiele wirbt für einen „sehr personalisierten Wahlkampf“. : Bild: dpa

Thieles Rezept: eine starke Wählerbindung und ein „sehr personalisierter Wahlkampf“. Zwei Zahlen verdeutlichen das: Die CDU hatte für die vielen Kommunalparlamente rund 17.000 Kandidaten aufgestellt, die AfD nur rund 680. Die CDU-Kandidaten zogen in Divisionsstärke in den Haustürwahlkampf, sie saßen in Wohnzimmern und mobilisierten Freunde. Sie redeten nicht nur, sie hörten auch zu. „Die Leute können ihrem Ärger Luft machen, und die Kandidaten können versuchen, Hintergründe zu erklären. Häufig geht es den Bürgern vor allem darum, mit ihren Sorgen und Ängsten ernst genommen zu werden“, sagt Thiele. Dass es sich bei Politikern um eine abgehobene Kaste handele, konnten zumindest jene Bürger nicht mehr sagen, bei denen ein CDU-Kandidat auf dem Sofa gesessen hatte.

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