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Die Mannschaft : So können auch Pegida-Anhänger bei der EM mitjubeln

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Deutschlandflaggen an einem Haus in Berlin: Den temporären, pragmatischen Fanmeilen- und Event-Patriotismus lehnen viele Nationalisten strikt ab. Bild: dpa

Nach der Aufregung um Kinderschokolade bleibt die große Frage: Wie stehen die Rechten eigentlich zur DFB-Auswahl? Und wie um Himmels willen werden AfD- und Pegida-Anhänger die Fußball-Europameisterschaft überstehen? Eine Handreichung.

          Kaum jemandem dürfte aufgefallen sein, dass die deutsche Fußballnationalmannschaft im Juni des vergangenen Jahres bereits gestorben ist – wenigstens für den AfD-Kreisverband Märkisch-Oderland, der auf Facebook eine Todesanzeige veröffentlichte.

          „Das National ist gestrichen“, hieß es dort, „nur die links-grüne Gehirnwäsche geht weiter. RIP Nationalmannschaft (*1945 – †2015).“ Was war geschehen? Nun ja, Manager Oliver Bierhoff hatte gerade die neue Vermarktungskampagne der DFB-Auswahl präsentiert, die fortan einfach „Die Mannschaft“ heißen sollte, weil sie längst ganz gut ohne die Zusätze „deutsch“ und „national“ auskam.

          Doch wo deutschnationale Inhalte gestrichen werden, wittern Rechte erwartungsgemäß politische Korrektheit, nichts anderes also als einen Verrat der Eliten an Volk und Nation. „Da freut sich sogar der Mesut Özil“, schrieb etwa die „Junge Freiheit“ mit unverhohlener Feindseligkeit und schlug eine weitere Umbenennung in „Die Bunten“ vor – als „herrliches Zeichen gegen Rassismus“. Auch der aggressive Adler passe nicht als Wappentier, mokierte sich der Autor weiter und fand sich selbst offenbar ungeheuer lustig dabei, es gebe doch friedlichere Rudeltiere, Rehe zum Beispiel.

          Wie reagieren die neuen Rechten, wenn Khedira den entscheidenden Elfmeter verwandelt?

          Der Artikel zeugt nicht nur von einer wenig subtilen Ironie, die die Rechtspopulisten für sich entdeckt haben und die doch nicht darüber hinwegtäuscht, wie unfassbar ernst es ihnen ist mit ihrer Verachtung. Er führt auch ein Dilemma vor Augen, in das sich Baden-Württembergische Pegidisten nun wieder manövriert haben, als sie über die Kinderbilder von Jerome Boateng und Ilkay Gündogan auf einer Schokoladenverpackung herfielen wie aggressive Adler, diese „jagenden Einzelgänger“, um mal aus der metaphorischen Raffinesse der „Jungen Freiheit“ zu schöpfen.

          Die große Frage ist: Wie werden sich sogenannte Nationalkonservative während der Europameisterschaft eigentlich zum DFB-Team verhalten, dem bekanntlich Mekka-erfahrene Muslime wie Mesut Özil angehören? Und wie muss man sich das vorstellen: als Pegida- oder AfD-Anhänger beim Public Viewing inmitten schwarz-rot-goldener Herrlichkeit? Was werden sie tun, fragt man sich, wenn Özil die Mannschaft ins Viertelfinale schießt, wenn Sami Khedira im Halbfinale den entscheidenden Elfmeter verwandelt?

          Für die NPD ist die Sache klar: Die hatte 2006 zur WM im eigenen Land ja schon gegen Gerald Asamoah und Patrick Owomoyela gehetzt und sich bis zuletzt in YouTube-Videos darüber ausgelassen, wie es sein kann, dass „Nicht-Deutsche“ (womit sie natürlich deutsche Staatsbürger wie Jerome Boateng meinen) für Deutschland spielten. Als der RBB den NPD-Bundespressesprecher 2010 mit der Frage konfrontierte, ob er sich freue, wenn Özil ein Tor für Deutschland mache, da wich der höchst unsouverän, aber hartnäckig aus.

          Die NPD Berlin Treptow-Köpenick stimmt sich indessen munter auf die Europameisterschaft ein: „Jetzt das limitierte EM-Paket sichern!“, ist auf der Facebook-Seite zu lesen, „für Mädels und Burschen!“ Das EM-Paket, das für 12 Euro beim NPD-Materialdienst zu erwerben ist, beinhaltet ein Fähnchen, einen Spielplan, der sich angeblich großer Beliebtheit erfreut, alle Strophen des Deutschlandlieds sowie ein T-Shirt mit der Aufschrift „Deutschland im Herzen. Nicht nur beim Fußball!“ Den temporären, pragmatischen Fanmeilen- und Event-Patriotismus, der nach einer Europa- oder Weltmeisterschaft recht bald wieder abflaut, lehnen die Nationalisten strikt ab, weil er ihnen nicht nachhaltig genug ist. Für Jogi Löws Auswahl, so ist daraus zu schließen, haben Rechtsextreme also tendenziell eher kein Herz.

          „Kommt die Migranten-Quote für politisch korrekten Sport?“

          Was aber ist mit den besorgten Bürgern, die angeblich um den Schlaf gebracht sind, wenn sie an ihr „armes Deutschland“ denken. Tragen sie wirklich nur Kummer und Bedenken in der Brust, wenn sie der DFB-Elf im zwangsgebührenfinanzierten Lügenfernsehen beim Gewinnen zusehen, oder nicht doch auch heimliche Aufregung und leise Freude?

          Als ein Kollege von “Zeit Online“ die deutsche Handballnationalmannschaft nach der gewonnenen Europameisterschaft kritisierte, weil sie keine Spieler mit dunkler Hautfarbe und Migrationshintergrund in ihren Reihen habe und „100 Prozent kartoffeldeutsche Leistungsbereitschaft“ repräsentiere, da empörte sich die AfD und fragte: „Kommt die Migranten-Quote für politisch korrekten Sport?“ Den Hardlinern unter den Rechtspopulisten wäre es zweifellos lieber, wenn auch die Fußballer wieder Erik, Hendrik, Steffen, Carsten, Finn und Andreas hießen und nicht Sami, Leroy und Mesut. Letztere singen ja noch nicht einmal die dritte Strophe des Deutschlandliedes.

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