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Linkspartei : Statt Erfolg ein Imageproblem

  • -Aktualisiert am

Gregor Gysi bei einer Pressekonferenz in Bremen. Bild: dpa

Die Linkspartei hat es mit ihrer Verehrung von Putin und Tsipras schwer. Nun übt sie ihre Kampagnenfähigkeit und fragt nach der Zukunft.

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          Der Linkspartei ist es nie gelungen, in größerem Stil Intellektuelle an sich zu binden. Also werden die wenigen, die sich bei ihr und mit ihr zeigen mögen, mit vorzüglicher Hochachtung behandelt. Der Dichter Volker Braun durfte am Donnerstagabend in der Volksbühne – gegenüber der Bundesgeschäftsstelle der Partei, dem Karl-Liebknecht-Haus – die „Woche der Zukunft“ eröffnen. Er las seine „Zukunftsrede“, die er 2010 vor dem Ernst-Bloch-Zentrum gehalten hatte: „In der Zukunft kennen wir uns schon aus“, heißt es darin: „Biete ihr deinen Platz an (Dann jedenfalls ist nichts verloren)“.

          Braun stand vorn auf der kleinen Bühne im Licht, auch die Bar hinten im „Grünen Salon“, dem kleinen Veranstaltungssaal der Volksbühne, war erleuchtet. Dazwischen aber saßen die zumeist betagten Gefolgsleute der Linkspartei und versuchten, im Dunkeln einige Notizen zu machen. So kapitalismuskritisch sich die Linkspartei auch gibt, von der eigenen Führung lässt das Fußvolk sich behandeln wie unmündige Konsumenten. Als „Wozu?“ wurde die (Vier-Tage-)„Woche der Zukunft“ milde verspottet. Das Signet, das die Parteiführung für sie ausgesucht hatte, deutete an, wie gering der Anspruch ist, in den achtzig Veranstaltungen etwas Bleibendes zu formulieren: Ein Papierflugzeug, wie es kleine Jungen losschicken, fliegt, die Nase steil nach oben, in die Luft.

          „What goes up must come down“, summten schon die Hippies. Und auch die Linkspartei hat erfahren, wie riskant Höhenflüge sind. Nach der Bundestagswahl 2013 zog sie als „Oppositionsführerin“ in den Bundestag ein. Sie hatte 8,6 Prozent der Stimmen, die Grünen 8,4 Prozent. Wie hoch die Fraktion diesen Status schätzt, war ein Jahr später an der „Hetzjagd auf Gysi“ abzulesen. Gäste einiger seiner linksradikalen Parteifreundinnen wollten Gysi zwingen, ihnen einen Persilschein (als nicht antisemitisch) auszustellen, lauerten ihm auf, verfolgten ihn über den Flur, filmten seine Flucht vor ihnen und stellten die Bilder ins Internet. Am Ende gelang es Gysi, sich aufs Klo zu retten. Doch statt den Eklat zu nutzen – wozu in der Partei und der Fraktion etliche bereit waren –, sich von bestimmten Kräften zu trennen, reagierte Gysi lässig, als sei ihm versehentlich auf den Fuß getreten worden.

          Gysi ohne Erben

          Viel Freude am herausgehobenen Status der Oppositionsführerin hat die Linke-Fraktion in den vergangenen Monaten nicht. Denn seit Putin die Krim annektierte und die Ostukraine in einen Krieg zog, verhält sich die Linkspartei mehrheitlich, als gäbe es die KPdSU und die Sowjetunion noch und als erhielten sie ihre Orders aus Moskau. So zerstritten die Partei oft ist, in ihrem Moskowitertum sind sich offenbar die innerparteilichen Gegner – ob „Reformer“ oder „linke Linke“, ob ehemalige PDSler oder alte westdeutsche DKP-Chargen – herzlich einig. Gysis scherzhafte Versicherung, er werde Fraktionsvorsitzender bleiben, bis er 90 sei, hat an Wahrscheinlichkeit gewonnen. Denn die in herzlicher Feindschaft innig kooperierenden Protagonisten Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch – in der Fraktion offen als „Beutegemeinschaft“ erkannt – werden sich Gysis Nachfolge nicht teilen.

          Wagenknecht zog sich, wie zuvor schon vom Vorhaben, die Partei zu führen, zurück. Und auch Katja Kipping, die mit Bernd Riexinger seit 2012 die Partei führt, winkte ab: Sie habe kein Interesse an dem Posten. So ist es nun bis auf weiteres egal, ob Gysi oder jemand anderes die Fraktion führt. Die kritiklose Gefolgschaft gegenüber Putin und die kritiklose Bewunderung der verhandlungsfeindlichen Macho-Politik der griechischen Bruderpartei macht die Partei politisch und intellektuell uninteressant. Allenfalls der Mut von Gysi und Riexinger, den Begriff des „Landesverrats“ in den Mund zu nehmen – wenn es um den BND geht –, erstaunt. Gysi ahnt offenbar, wie dünn das Eis ist, auf dem er tritt. Im Deutschlandfunk versicherte er am Freitag treuherzig, er sei „überhaupt nicht antiamerikanisch“ – wie andere Linke. Aber die „Hasenfüßigkeit“ der Bundesregierung sei schlimm – gegenüber den Vereinigten Staaten, versteht sich.

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