https://www.faz.net/-gpf-7y78n

Die Kirchen und Pegida : Christlich nur auf der Außenseite

Christlich-national: Pegida-Demonstration in Dresden am 22. Dezember Bild: dpa

Die Kirchen in Deutschland versuchen, sich nicht von Pegida vereinnahmen zu lassen. An diesem Montag soll dazu sogar der Kölner Dom verdunkelt werden. Es geht um nicht weniger als das Verständnis des Christentums.

          Wenn die Schar Pegida-Demonstranten an diesem Montag durch Köln zieht, wird sie nur zu Beginn im Licht der alten Rheinmetropole wandeln. Am Ende wird sie vor dem Kölner Dom im Dunkeln stehen. Die katholische Kirche hat sich dafür entschieden, die Außenbeleuchtung des bekanntesten deutschen Kirchenbaus für die Zeit der Versammlung von 18.30 Uhr bis etwa 21 Uhr auszuschalten. Diese Maßnahme wird für eine breitere Öffentlichkeit augenfällig machen, was zahlreiche Bischöfe in den vergangenen Wochen in Wortmeldungen bereits sehr deutlich gemacht hatten: Die Spitzen der beiden großen Kirchen in Deutschland treten der Pegida-Bewegung entgegen.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick äußerte Mitte Dezember, er lehne die Demonstrationen „ohne Wenn und Aber“ ab. Nach Schicks Auffassung dürften Christen bei den „Patriotischen Europäern gegen die Islamisierung des Abendlandes“ erst gar nicht mitmachen. So weit wollte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Münchner Erzbischof Kardinal Reinhard Marx, nicht gehen. Es müsse sich schon jeder selbst „überlegen, hinter welchem Transparent er her läuft“, sagte Marx. Dafür gebe es „keine oberhirtlichen Anweisungen“.

          Marx beklagte zudem eine „primitive Auseinandersetzung“, wenn auf der einen Seite Ängste geschürt würden, deutsche Muslime könnten ihren Mitbürgern die Köpfe abschlagen, und auf der anderen Seite sämtliche Pegida-Teilnehmer als Rassisten abgestempelt würden. Diese Warnung, die auch vom evangelischen Landesbischof in Sachsen, Jochen Bohl, geäußert wurde, signalisiert aber keine inhaltliche Zustimmung für Pegida von kirchlicher Seite. Für die evangelische Seite machte dies gleich in mehreren Äußerungen der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm klar. Bei pauschalen Angriffen auf den Islam und auf Flüchtlinge durch die Demonstranten „müssen wir in aller Klarheit nein sagen“ und „ganz klare Kante zeigen“, forderte Bedford-Strohm.

          Christliche Traditionen unterscheiden sie von Neonazis

          Die Kirchen agieren gegenüber Pegida also mit einer ähnlichen Entschlossenheit wie Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer Silvesteransprache. Anders als aus den Unionsparteien war aus den Führungen der katholischen und der evangelischen Kirche auch keine Stimme zu vernehmen, man dürfe, könne, solle oder müsse gar Verständnis für die Forderungen der Demonstranten aufbringen. In der Summe könnte die Ablehnung von Seiten der Kirchen also kaum klarer ausfallen. Es gelte, „Flagge zu zeigen, damit kein Flächenbrand entsteht“, ist zu hören. Darüber habe man sich untereinander nicht einmal zustimmen brauchen. Zwar soll es zwischen beiden Kirchen einen kurzen Austausch über die Haltung zu Pegida gegeben. Dies sei aber eigentlich nicht nötig gewesen, weil die Ablehnung von Ausländerfeindlichkeit „in der DNA“ beider deutscher Kirchen liege.

          Ganz so trivial, wie einige bischöflichen Äußerungen dies nahelegen, ist die Herausforderung der Kirchen durch Pegida allerdings nicht. Immerhin beruft sich die Bewegung bereits in ihrem Namen auf das „Abendland“, also eine maßgeblich durch das Christentum bestimmte Größe. Und im Advent haben die – in ihrer Mehrzahl allerdings mutmaßlich konfessionslosen – Demonstranten in Dresden mit Kirchenliedern gegen die von ihnen befürchtete Islamisierung dieses Abendlandes angesungen. Solche Aktionen lassen sich nicht lässig als Beiwerk abtun, zählen sie doch zum funktionalen Kern der Kundgebungen: Die explizite Bezugnahme auf christliche Traditionen ermöglicht es Pegida, unterscheidbar zu bleiben von den üblicherweise kirchen- und christentumfeindlichen Neonazis oder religiös indifferent auftretenden Rechtsextremisten wie den „Hooligans gegen Salafisten“ (Hogesa). Wenn dann Bischöfe oder Politiker diese Bürger, die gewaltlos Adventslieder singen, allzu leichthändig in die rechtsextreme Ecke stellen, machen sie sich selbst rasch angreifbar.

          Ein religiöser Kulturalismus wie in Russland

          Deutlich leichter machen es die Pegida-Demonstrationen ihren Kritikern, wenn sie immer wieder Kreuze in den Farben Schwarz-Rot-Gold in die Luft recken. Eine derart plumpe politische Funktionalisierung des zentralen religiösen Symbols muss gerade von Kirchenführern scharfe Kritik hervorrufen. Mehr als durch jede Verlautbarung oder Parole wird durch die Kreuze in den Nationalfarben deutlich, dass bei der Pegida-Bewegung ein kulturalistisches Verständnis des Christentums vorherrscht. Nicht die Innenseite der Religion in Form von Überzeugungen und Handlungsmotivationen steht im Mittelpunkt des Interesses. Es ist die symbolische Außenseite, auf die sich Pegida-Aktivisten beziehen, wenn sie christliche Symbole wie Kreuze oder Kirchentürme gegen islamische Symbole wie Kopftücher und Minarette in Stellung bringen. Als schlicht „unchristlich“ lässt sich ein solches kulturalistisches Religionsverständnis kaum brandmarken, sofern man mitbedenkt, dass solche Deutungen auch in der älteren und jüngeren Vergangenheit Deutschlands durchaus von Bedeutung gewesen sind. Und auch heute noch vertritt etwa die Russische Orthodoxe Kirche ebenfalls ein stark ethnisch geprägte, kämpferisch-kulturalistische Lesart der christlichen Religion. Auch das könnte eine Komponente der starken Sympathien für Putin unter den Pegida-Demonstranten sein.

          Die beiden deutschen Großkirchen beharren demgegenüber auf dem Vorrang eines ethischen Verständnisses des Christentums. In den bischöflichen Weihnachtspredigten war landauf, landab und konfessionsübergreifend zu hören, dass man schwerlich unter dem Banner der christlichen Religion die religiös pluralen Flüchtlingsströme der Welt abweisen könne, während man mit dem Jesuskind in der Krippe selbst ein Flüchtlingskind verehre.

          Das Verhältnis zur AfD wird zur Herausforderung

          Dass ihre Entscheidung gegen den Kulturalismus einen Preis hat, bekommen die Kirchen nicht nur in den Kommentarspalten im Internet zu spüren. Der Kölner Dompropst Norbert Feldhoff, der die Verdunkelung des Doms angeordnet hat, berichtete von Reaktionen bis hin zu Kirchenaustritten. Es gebe unter den Pegida-Anhängern auch Menschen, „die aktiv in der Kirche mitmachen“, sagte Feldhoff dem Kölner Domradio. Christlichen Kulturalismus gibt es eben nicht zuletzt innerhalb der Kirchen selbst.

          Es spricht sogar vieles dafür, dass es für die Kirchen auf längere Sicht eher schwieriger werden dürfte, sich zwischen einem ethischem Christentum und einem christlichen Kulturalismus zu verorten. Virulent könnte die Frage etwa dann werden, wenn die Kirchen ihr Verhältnis zur AfD klären müssen, deren drei Vorstandssprecher allesamt in der evangelischen Kirche engagiert sind. Bernd Lucke gehört einer reformierten Gemeinde an, Frauke Petry ist mit einem Pfarrer verheiratet, und Konrad Adam besucht die evangelische Gemeinde in Oberursel. Ihre Sympathie mit einer von den Kirchenleitungen abweichenden Lesart des Christentums stellen sie offen zur Schau. Frauke Petry tut dies, indem sie die Organisatoren der Pegida-Proteste in den Sächsischen Landtag einlädt. Und Konrad Adam tat dies, indem er am Sonntag an ein Hochfest des christlichen Kulturalismus erinnerte: In einem Zeitungsartikel schilderte er den ruhmreichen Sieg in der Seeschlacht von Lepanto 1571. Damals seien „christlichen Streitkräfte“ einfach „disziplinierter und stärker“ aufgetreten sein als „die Türken“.

          Weitere Themen

          Einen Juden mieten

          Gegen Antisemitismus : Einen Juden mieten

          Die Initiative „Rent A Jew“ vermittelt jüdische Referenten an öffentliche Einrichtungen. Dadurch sollen Vorurteile abgebaut werden und kultureller Austausch gestärkt werden. Eine Gemeinde in Hessen hat es ausprobiert.

          Der Politik-Star stellt sich den Wählern

          Wahlkampf in Kanada : Der Politik-Star stellt sich den Wählern

          Ende Oktober wird in Kanada gewählt. Premierminister Justin Trudeau, der seiner liberalen Partei vor vier Jahren einen Rekordsieg einbrachte, führt einen Wahlkampf mit Startschwierigkeiten.

          Topmeldungen

          Künast hat sich bei zahlreichen Gelegenheiten von der früheren Position mancher Grüner distanziert.

          Hass-Posts gegen Renate Künast : Erlaubt ist alles

          „Stück Scheiße“, „Schlampe“, „Drecksau“ – solche und noch krassere Kommentare prasselten auf Renate Künast ein. Das Landgericht Berlin sieht darin keine persönliche Schmähung, sondern nur zulässige Sachkritik.
          Die Stadt Sassnitz auf der Insel Rügen hat etwa 9000 Einwohner.

          SPD kooperiert mit AfD : „Ich habe da kein schlechtes Gewissen“

          Immer wieder hat die SPD in Bund und Ländern bekräftigt, mit der AfD nicht zusammenarbeiten zu wollen. In Sassnitz auf Rügen reichen die beiden Parteien aber jetzt gleich sieben Anträge gemeinsam ein.

          Prozess um Steuerskandal : Streit über Rolle der Depotbank im Cum-Ex-Wirrwarr

          Der aktuelle Cum-Ex-Prozess am Landgericht Bonn wirft Fragen auf: Wer hätte wann Steuern einziehen sollen? Und wer hätte das wissen müssen? M.M.Warburg und die Deutsche Bank liegen in ihrer Einschätzung sehr weit auseinander.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.