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Die Kirchen und Pegida : Christlich nur auf der Außenseite

Christlich-national: Pegida-Demonstration in Dresden am 22. Dezember Bild: dpa

Die Kirchen in Deutschland versuchen, sich nicht von Pegida vereinnahmen zu lassen. An diesem Montag soll dazu sogar der Kölner Dom verdunkelt werden. Es geht um nicht weniger als das Verständnis des Christentums.

          Wenn die Schar Pegida-Demonstranten an diesem Montag durch Köln zieht, wird sie nur zu Beginn im Licht der alten Rheinmetropole wandeln. Am Ende wird sie vor dem Kölner Dom im Dunkeln stehen. Die katholische Kirche hat sich dafür entschieden, die Außenbeleuchtung des bekanntesten deutschen Kirchenbaus für die Zeit der Versammlung von 18.30 Uhr bis etwa 21 Uhr auszuschalten. Diese Maßnahme wird für eine breitere Öffentlichkeit augenfällig machen, was zahlreiche Bischöfe in den vergangenen Wochen in Wortmeldungen bereits sehr deutlich gemacht hatten: Die Spitzen der beiden großen Kirchen in Deutschland treten der Pegida-Bewegung entgegen.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick äußerte Mitte Dezember, er lehne die Demonstrationen „ohne Wenn und Aber“ ab. Nach Schicks Auffassung dürften Christen bei den „Patriotischen Europäern gegen die Islamisierung des Abendlandes“ erst gar nicht mitmachen. So weit wollte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Münchner Erzbischof Kardinal Reinhard Marx, nicht gehen. Es müsse sich schon jeder selbst „überlegen, hinter welchem Transparent er her läuft“, sagte Marx. Dafür gebe es „keine oberhirtlichen Anweisungen“.

          Marx beklagte zudem eine „primitive Auseinandersetzung“, wenn auf der einen Seite Ängste geschürt würden, deutsche Muslime könnten ihren Mitbürgern die Köpfe abschlagen, und auf der anderen Seite sämtliche Pegida-Teilnehmer als Rassisten abgestempelt würden. Diese Warnung, die auch vom evangelischen Landesbischof in Sachsen, Jochen Bohl, geäußert wurde, signalisiert aber keine inhaltliche Zustimmung für Pegida von kirchlicher Seite. Für die evangelische Seite machte dies gleich in mehreren Äußerungen der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm klar. Bei pauschalen Angriffen auf den Islam und auf Flüchtlinge durch die Demonstranten „müssen wir in aller Klarheit nein sagen“ und „ganz klare Kante zeigen“, forderte Bedford-Strohm.

          Christliche Traditionen unterscheiden sie von Neonazis

          Die Kirchen agieren gegenüber Pegida also mit einer ähnlichen Entschlossenheit wie Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer Silvesteransprache. Anders als aus den Unionsparteien war aus den Führungen der katholischen und der evangelischen Kirche auch keine Stimme zu vernehmen, man dürfe, könne, solle oder müsse gar Verständnis für die Forderungen der Demonstranten aufbringen. In der Summe könnte die Ablehnung von Seiten der Kirchen also kaum klarer ausfallen. Es gelte, „Flagge zu zeigen, damit kein Flächenbrand entsteht“, ist zu hören. Darüber habe man sich untereinander nicht einmal zustimmen brauchen. Zwar soll es zwischen beiden Kirchen einen kurzen Austausch über die Haltung zu Pegida gegeben. Dies sei aber eigentlich nicht nötig gewesen, weil die Ablehnung von Ausländerfeindlichkeit „in der DNA“ beider deutscher Kirchen liege.

          Ganz so trivial, wie einige bischöflichen Äußerungen dies nahelegen, ist die Herausforderung der Kirchen durch Pegida allerdings nicht. Immerhin beruft sich die Bewegung bereits in ihrem Namen auf das „Abendland“, also eine maßgeblich durch das Christentum bestimmte Größe. Und im Advent haben die – in ihrer Mehrzahl allerdings mutmaßlich konfessionslosen – Demonstranten in Dresden mit Kirchenliedern gegen die von ihnen befürchtete Islamisierung dieses Abendlandes angesungen. Solche Aktionen lassen sich nicht lässig als Beiwerk abtun, zählen sie doch zum funktionalen Kern der Kundgebungen: Die explizite Bezugnahme auf christliche Traditionen ermöglicht es Pegida, unterscheidbar zu bleiben von den üblicherweise kirchen- und christentumfeindlichen Neonazis oder religiös indifferent auftretenden Rechtsextremisten wie den „Hooligans gegen Salafisten“ (Hogesa). Wenn dann Bischöfe oder Politiker diese Bürger, die gewaltlos Adventslieder singen, allzu leichthändig in die rechtsextreme Ecke stellen, machen sie sich selbst rasch angreifbar.

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