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Die Kirchen und Pegida : Christlich nur auf der Außenseite

Ein religiöser Kulturalismus wie in Russland

Deutlich leichter machen es die Pegida-Demonstrationen ihren Kritikern, wenn sie immer wieder Kreuze in den Farben Schwarz-Rot-Gold in die Luft recken. Eine derart plumpe politische Funktionalisierung des zentralen religiösen Symbols muss gerade von Kirchenführern scharfe Kritik hervorrufen. Mehr als durch jede Verlautbarung oder Parole wird durch die Kreuze in den Nationalfarben deutlich, dass bei der Pegida-Bewegung ein kulturalistisches Verständnis des Christentums vorherrscht. Nicht die Innenseite der Religion in Form von Überzeugungen und Handlungsmotivationen steht im Mittelpunkt des Interesses. Es ist die symbolische Außenseite, auf die sich Pegida-Aktivisten beziehen, wenn sie christliche Symbole wie Kreuze oder Kirchentürme gegen islamische Symbole wie Kopftücher und Minarette in Stellung bringen. Als schlicht „unchristlich“ lässt sich ein solches kulturalistisches Religionsverständnis kaum brandmarken, sofern man mitbedenkt, dass solche Deutungen auch in der älteren und jüngeren Vergangenheit Deutschlands durchaus von Bedeutung gewesen sind. Und auch heute noch vertritt etwa die Russische Orthodoxe Kirche ebenfalls ein stark ethnisch geprägte, kämpferisch-kulturalistische Lesart der christlichen Religion. Auch das könnte eine Komponente der starken Sympathien für Putin unter den Pegida-Demonstranten sein.

Die beiden deutschen Großkirchen beharren demgegenüber auf dem Vorrang eines ethischen Verständnisses des Christentums. In den bischöflichen Weihnachtspredigten war landauf, landab und konfessionsübergreifend zu hören, dass man schwerlich unter dem Banner der christlichen Religion die religiös pluralen Flüchtlingsströme der Welt abweisen könne, während man mit dem Jesuskind in der Krippe selbst ein Flüchtlingskind verehre.

Das Verhältnis zur AfD wird zur Herausforderung

Dass ihre Entscheidung gegen den Kulturalismus einen Preis hat, bekommen die Kirchen nicht nur in den Kommentarspalten im Internet zu spüren. Der Kölner Dompropst Norbert Feldhoff, der die Verdunkelung des Doms angeordnet hat, berichtete von Reaktionen bis hin zu Kirchenaustritten. Es gebe unter den Pegida-Anhängern auch Menschen, „die aktiv in der Kirche mitmachen“, sagte Feldhoff dem Kölner Domradio. Christlichen Kulturalismus gibt es eben nicht zuletzt innerhalb der Kirchen selbst.

Es spricht sogar vieles dafür, dass es für die Kirchen auf längere Sicht eher schwieriger werden dürfte, sich zwischen einem ethischem Christentum und einem christlichen Kulturalismus zu verorten. Virulent könnte die Frage etwa dann werden, wenn die Kirchen ihr Verhältnis zur AfD klären müssen, deren drei Vorstandssprecher allesamt in der evangelischen Kirche engagiert sind. Bernd Lucke gehört einer reformierten Gemeinde an, Frauke Petry ist mit einem Pfarrer verheiratet, und Konrad Adam besucht die evangelische Gemeinde in Oberursel. Ihre Sympathie mit einer von den Kirchenleitungen abweichenden Lesart des Christentums stellen sie offen zur Schau. Frauke Petry tut dies, indem sie die Organisatoren der Pegida-Proteste in den Sächsischen Landtag einlädt. Und Konrad Adam tat dies, indem er am Sonntag an ein Hochfest des christlichen Kulturalismus erinnerte: In einem Zeitungsartikel schilderte er den ruhmreichen Sieg in der Seeschlacht von Lepanto 1571. Damals seien „christlichen Streitkräfte“ einfach „disziplinierter und stärker“ aufgetreten sein als „die Türken“.

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