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Die Kirche und die AfD : Rote Blitze, rote Linien

Reinhard Kardinal Marx, Erzbischof von München und Freising: Brandbrief an die AfD Bild: dpa

Während die Kirchen die Religionsfreiheit hochhalten und für eine offene Gesellschaft eintreten, will die AfD genau das Gegenteil. Kirchenleute und Rechtspopulisten sind sich trotzdem manchmal ähnlicher, als ihnen lieb sein kann.

          Vor kurzem bekam es die „Alternative für Deutschland“ schriftlich: Sie sei fremdenfeindlich, betone einseitig nationale Interessen, habe ein falsches Verständnis von Religionsfreiheit, schüre Überfremdungsängste und stelle die repräsentative Demokratie in Frage – die Blitze, die der Münchner Erzbischof Reinhard Kardinal Marx namens der (katholischen) Deutschen Bischofskonferenz in Richtung der AfD schleuderte, ließen an Eindeutigkeit nichts zu wünschen übrig.

          Die AfD zeigte sich ob dieses Gewitters ungerührt. Dass viele Haltungen und Äußerungen führender Funktionäre im Kern „mit einer christlichen Perspektive unvereinbar“ seien, hatten sie schon von anderen Bischöfen oder Kirchenparlamenten gehört. In Erinnerung sind auch Aktionen wie die des Erfurter Bischofs Ulrich Neymeyr. Der hatte im Oktober 2015 die Beleuchtung des Dombergs ausschalten lassen. Die beiden Kirchen dort sollten nicht die Kulisse für die Tiraden des Thüringer Landes- und Fraktionsvorsitzenden Höcke abgeben.

          Doch mit oder ohne Bischöfe: Im Unterschied zu den Grünen, die in den achtziger Jahren von Kirchenleuten ebenfalls massiv angegangen wurden, hat die AfD weder viel zu gewinnen noch viel zu verlieren. Für kirchlich gebundene Wähler war die ursprünglich eurokritische Bewegung nie sonderlich attraktiv. Wie die Linkspartei erhält die AfD den stärksten Zuspruch dort, wo die großen Kirchen schon lange keine Bedeutung mehr haben.

          Konfessionell gebundene Bürger gehören nicht zum Klientel der AfD

          Entsprechend gering ist die Hoffnung der AfD, mit breiter Kritik an den Kirchen Wähler in Scharen in ihr Lager zu ziehen. Als namhafte Parteifunktionäre im Frühjahr vergangenen Jahres das Engagement der Kirchen zugunsten der Flüchtlinge als „Milliardengeschäft“ denunzierten, ernteten sie unisono Widerspruch. Zu den wichtigsten Zielgruppen, die der AfD bei den Wahlen dieses Jahres zum Erfolg verhelfen sollen, gehören die konfessionell gebundenen Bürger daher nicht. Wie wenig man sich derzeit von einer Konfrontationsstrategie verspricht, zeigt sich auch in dem Entwurf des Programms für die Bundestagswahl. Während andere Parteien die Rolle der Kirchen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt hervorheben oder aber an „Privilegien“ (Papst Benedikt XVI.) wie dem staatlichen Kirchensteuereinzug und dem schulischen Religionsunterricht rütteln, hat die AfD diesbezüglich nichts zu sagen.

          Gleichwohl sollten die Repräsentanten beider Kirchen ihre ins Schwarze treffende Kritik an der AfD oder den Dissens mit der CSU in Sachen „Obergrenze“ nicht zum Beweis nehmen, dass sie es seien, die dem Volk wirklich aufs Maul schauten. Denn so groß die Hilfsbereitschaft vieler Christen seit dem Beginn der Flüchtlingswelle ist und so selbstlos das Engagement vieler Kirchengemeinden bei der Entwicklung einer „Integrationskultur“, in den Einlassungen der Kirchenleitungen spiegeln sich die auch unter aktiven Christen verbreiteten Vorbehalte gegenüber einer „alternativlosen“ Politik nicht.

          Dass die katholische Kirche einem universalistischen Ethos verpflichtet ist, wie gerade Papst Franziskus immer wieder bekräftigt, ist Teil ihrer DNA; auch, dass sie angesichts der jüngeren deutschen Geschichte für eine offene Gesellschaft eintritt. Zugleich profitiert sie von der Einwanderung wie kaum eine andere gesellschaftliche Gruppe. Ohne Polen, Kroaten oder Filipinos schrumpfte die katholische Kirche womöglich noch stärker als die evangelische.

          Die Kurzsichtigkeit roter Kardinäle

          Der Sache nach unabdingbar ist es auch, dass beide Kirchen das Banner der grundgesetzlich verbürgten Religionsfreiheit hochhalten und den Islam gegen Behauptungen in Schutz nehmen, er sei keine Religion oder per se gewaltaffin. Doch darf die Rede von den „abrahamitischen Religionen“ weder blind machen für die Pathologien des Islams noch Anlass geben, unkritisch in Jubel über islamischen Religionsunterricht oder die Etablierung islamischer Theologie an Universitäten auszubrechen. Nutznießer dieser Entwicklungen sind nicht zuletzt die Kirchen. Ihre Stellung im öffentlichen Raum wird durch das Erstarken des Islams eher gestärkt als geschwächt.

          AfD-Spitzen Frauke Petry (r.) und Alexander Gauland (l.): Keine Kritik an der Kirche

          Nichts von alledem aber darf die Kirchen blind machen gegenüber der Dynamik der Wanderungsbewegung nach Europa. Deren Gesetz ist das Überleben der Starken, der Mobilen, der vergleichsweise Wohlhabenden. Auf der Strecke bleiben Frauen, Kinder und Alte, die Schwächsten in den von Staatszerfall, Terrorismus oder wirtschaftlicher Hoffnungslosigkeit geprägten Regionen der Welt. Wie die AfD-Funktionäre auf der anderen Seite ihrer „roten Linien“ wissen die meisten Bischöfe zuverlässig nur, was nicht gehe: Grenzkontrollen, Abschiebungen, sichere Herkunftsländer, humanitäre Korridore. Ebenso zuverlässig werden das Gefühl des Heimatverlustes und die politisch-sozialen wie kulturell-religiösen Konfliktpotentiale einer Einwanderungsgesellschaft kleingeredet, wenn sie nicht gar geleugnet werden.

          Der Förderung kultureller Intelligenz dienen die roten Kardinalsblitze kaum mehr als die Strategie der AfD, an niedere Instinkte zu appellieren und Ressentiments zu schüren.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

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