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Politisierte Jugend : Die Null-Bock-Haltung ist passé

  • -Aktualisiert am

Protest gegen Burschenschafter: 2013 demonstrieren hunderte Marburger gegen die rechtsgesinnten Bündnisse. Bild: Nadine Weigel

Das politische Interesse junger Menschen steigt – aber auch die Polarisierung der Jugend. Ausgerechnet die politischen Parteien profitieren nicht von der neuen Lust an Politik.

          7 Min.

          In Marburg wird die Gesinnung von Studenten in Höhenmetern gemessen. Wer in einem der Verbindungshäuser wohnt, auf dem Berg nahe dem Landgrafenschloss, der bezeichnet sich meistens als konservativ oder auch als rechts. Manche haben sogar Verbindungen in die rechtsextreme Szene.

          Justus Bender

          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wer hingegen in einer der Wohngemeinschaften unten im Tal wohnt, bei dem ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass er linksliberal denkt. Und ganz unten, auf dem Universitätscampus neben dem Fluss, sitzen vier Kommunisten im Asta-Referat für Antifaschismus und Antirassismus, zwei Männer und zwei Frauen. Sie sitzen da und sprechen über die da oben, womit in diesem Fall nicht die Bonzen des Kapitalismus, sondern die Burschenschafter auf dem Berg gemeint sind.

          Zwei von ihnen sind Mitglieder des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), die anderen zwei stehen so weit links, dass sie sagen, die Linkspartei sei für sie nicht links genug.

          Ihre Namen wollen die vier nicht in der Zeitung lesen, weil sie Angst haben. Nicht vor der Öffentlichkeit, sondern vor den Burschenschaftern. Man muss ihre Namen aber auch nicht kennen, um sie sich vorstellen zu können. Sie tragen buntgefärbte Frisuren, sie tragen Piercings, und wenn sie etwas hassen, dann sind es Burschenschafter mit ihren Gelfrisuren, bunten Bändern, die aussehen wie Schärpen, Businesshemden und chauvinistischem Gehabe. So ist das, unten am Fluss in Marburg.

          Zwischen Tradition und Moderne

          Von dort aus gesehen, wirkt Marburg wie eine Stadt der Vergangenheit. Das liegt nicht nur an der Silhouette des mittelalterlichen Schlosses und den Fachwerkhäusern am Berghang. Wie Rechte und Linke sich in der Studentenstadt bekriegen, könnte man sich an die Weimarer Republik erinnert fühlen. Wo sonst in Deutschland tragen Kommunisten und Nationalisten ihre Fehden noch auf offener Straße aus, mit Protesten und Gegenprotesten, Steinwürfen auf Fensterscheiben, Schmierereien und Pöbeleien. Manchmal schlägt auch einer zu.

          Andererseits könnte Marburg auch eine Studentenstadt der Zukunft sein. Die Polarisierung im Land nimmt zu. Es gibt Burschenschaften, Identitäre Bewegung, Junge Alternative, Rechtsextreme auf der einen, und Grüne Jugend, Antifa, SDS, „Blockupy“ und „Solid“, eine Jugendorganisation, die der Linkspartei nahe steht, auf der anderen Seite. Um ein Gefühl für dieses neue Deutschland zu bekommen, macht man mit den vier Kommunisten am besten einen Spaziergang durch die Stadt. Immer nach oben, in die „verbotene Zone“, wie sie sagen.

          Enge, verschlungene Gassen mit Kopfsteinpflaster führen in Marburg den Berg hinauf. Ganz am Anfang des Berges, vor der verbotenen Zone, steht das „Havanna Acht“, eine linke Kollektivkneipe, wie es sie in vielen Studentenstädten gibt. Nur etwas ist anders: Die Fensterscheiben, sie sind aus Plastik. „Meistens zerschlagen sie die Scheiben, das ist dieses Jahr schon drei-, viermal passiert. Letztens sind sie auch in die Kneipe rein und haben provoziert“, sagt einer der Kommunisten. Oft handele es sich um „eine Art Mutprobe für Neulinge in der Burschenschaft“. Es geht weiter, nach oben.

          Irgendwann ist die Gruppe in der Lutherstraße angekommen. Hier beginnt die „verbotene Zone“, in einer Seitenstraße stehen die Villen der Burschenschaften Germania und Rheinfranken, aus Sicht der Asta-Studenten besonders radikale Vertreter ihrer Art. An diesem Tag ist alles ruhig vor den Villen. Eine Videokamera überwacht die Auffahrt, die Zäune an der Grundstücksgrenze sind mit Stacheldraht gesichert. Wenn linke Studenten vor dem Haus zu sehen sind, war das in der Vergangenheit schon anders. Dann „stehen dort die Burschenschafter vermummt und mit Holzlatten und schmeißen Böller. Es wurde auch schon eine Schreckschusspistole gesehen.“ So ist das oben auf dem Berg in Marburg.

          Verbindung zwischen Burschenschaft und AfD

          Hier oben sitzt Maximilian Kolb, ein blonder junger Mann mit akkuratem Seitenscheitel, auf einer Bank im Schlosspark und redet von „denen in den linken WGs“ unten im Tal. Er ist Philosophiestudent im vierten Semester und Beisitzer im hessischen Landesvorstand der Jungen Alternative (JA). Die Kommunisten wollten ihren Namen aus Angst vor rechten Angriffen nicht nennen; bei Kolb ist es der Name seiner Burschenschaft, den er nicht in der Zeitung lesen will – wiederum aus Angst vor den Linken.

          Auch Maximilian Kolbs Profil bei Facebook ist versteckt, er lässt sich nur so fotografieren, dass er unerkannt bleiben kann. Er hat Angst vor dem Profiling, das linke Blogs wie „Naziwatch Marburg“ oder der Blog der Antifa Marburg betreiben. „Marburg ist eine sehr linke Studentenstadt“, sagt er. Gerade Burschenschaften hätten die Linken im Fadenkreuz. „Jedes Semester werden hier Verbindungshäuser beschmiert oder sogar Leute auf offener Straße angegriffen“, sagt Kolb.

          Wenn Kolb über die Linken redet, wird seine Stimme lauter. „Die kommen vorbei, werfen Scheiben ein oder demolieren Autos“, sagt Kolb. Doch „die“ sind nur ein Phantom. Meistens seien sie vermummt. „Wir lassen uns davon nicht unterkriegen, das wäre ja noch schöner“, sagt Kolb. Die Fronten zwischen Links und Rechts sind verhärtet, das „Wir gegen die“-Narrativ hat sich in Marburg in den Köpfen festgesetzt.

          Wiederkehr der 1960er und 70er Jahre?

          Geht es nach Klaus Hurrelmann, könnte die Bundesrepublik bald auch an anderen Orten der Marburger Situation ähnlich werden. Hurrelmann ist seit vielen Jahren einer der Autoren der Shell-Studie. Er hält eine Wiederkehr der sechziger und siebziger Jahre für denkbar, zumindest, was die politischen Leidenschaften der Jugend anbelangt. Noch aber ist es nicht so weit.

          Früher, als sich viele Jugendliche von den Ideologien alter Tage abgewendet hatten – nach der Arbeitslosigkeit der neunziger Jahre, nach dem Platzen der New-Economy-Blase, nach der Bankenkrise – da war es Hurrelmann, der vom Pragmatismus der Jugend sprach, von einer Ablehnung vieler Ideologien. Heute ist das immer noch so. In der Shell-Studie kann man nachlesen, dass Jugendliche radikale politische Ideen ablehnen und sich stattdessen lieber dort einordnen, wo sie die bürgerliche Mitte vermuten.

          „Zu extremistischen Positionen bekennt sich nur eine Minderheit“, heißt es da. „Eine so pragmatische und unideologische junge Generation haben wir schon lange nicht gehabt. Das würde ich als Auswüchse einer Zeit interpretieren, in der man sich um sich selbst kümmern musste und von der Unsicherheit gefangen war“, sagt Hurrelmann heute. Er glaubt nämlich nicht, dass die Politisierung der Jugend nur etwas mit den politischen Inhalten zu tun hat, er glaubt, dass ein anderer Einfluss viel stärker ist, die Wirtschaftslage nämlich.

          Irgendwann fiel es Hurrelmann auf, dass Jugendliche nur dann politisch aktiv werden, wenn sie sich keine Sorgen um sich selbst machen müssen. „Es ist unheimlich schwer, das politische Interesse der Jugend vorherzusagen. Man ist auf grobe Tendenzen angewiesen. Und eine scheint mir zu sein, dass die Jugend in Zeiten politischer wird, in denen sie nicht um ihre unmittelbare berufliche Existenz kämpfen muss, sondern Chancen hat“, sagt Hurrelmann. Der Blick auf die Arbeitslosenstatistik seit Ende des Zweiten Weltkrieges könnte Hurrelmanns These stützen. So war die Arbeitslosenquote in den sechziger Jahren auf einem Rekordtief.

          Politisierung der Jugend nimmt wieder zu

          Und heute? Heute wagen Jugendliche in der aktuellen Shell-Studie erstmals wieder eine optimistische Einschätzung ihrer eigenen und der Lage des Landes. Das gab es zuletzt vor 1990 in Westdeutschland. „Das würde erklären, wieso das politische Interesse bei den jüngeren Alterskohorten der 13 bis 16 Jahre alten wieder steigt“, sagt Hurrelmann – denn das tut es seit mehreren Jahren kontinuierlich. Seit 1984 taucht in der Shell-Studie die Frage auf: „Interessierst du dich ganz allgemein für Politik?“. In den achtziger und neunziger Jahren, die von der Anti-Atomkraft-Bewegung und der Wiedervereinigung geprägt waren, lag das politische Interesse eine Zeitlang bei 57 Prozent (1991). Dieser Wert ist längst Geschichte.

          Jugendforscher Klaus Hurrelmann: Politisierung der Jugend und ihre Sorgen sind relational
          Jugendforscher Klaus Hurrelmann: Politisierung der Jugend und ihre Sorgen sind relational : Bild: dpa

          Der Querschnitt der letzten Jahre zeigt allerdings eine Trendwende: Im Jahr 2002 waren nur 30 Prozent der Jugendlichen politisch interessiert; heute sind es immerhin wieder 41 Prozent. „Wenn das so bleibt, wage ich die Prognose, dass sich das irgendwann politisch Bahn brechen wird. Am ehesten stehen wir im Vergleich kurz vor den sechziger Jahren.“

          Kommende Jahre könnten also eine Politisierung der Jugend hervorbringen, die manche mit Verweis auf eine „Null-Bock-Haltung“ (Hurrelmann) früherer Jugend-Generationen schon nicht mehr für möglich gehalten hätten. Die Frage ist nur, was in diesem Fall aus der bestehende Parteiendemokratie wird – denn Parteien wirken auf viele Jugendliche wie „Repräsentationsorganisationen von älteren Leuten. Sie spüren: Diese Organisationen sind nicht unsere, die gehören anderen“, sagt Hurrelmann. So kommt es zu einem Paradoxon: Das politische Interesse der Jugend steigt, aber ausgerechnet die politischen Parteien profitieren nicht davon.

          Parteipolitik? Nein, danke.

          In einem Café am Frankfurter Palmengarten sitzen zwei Männer, die von diesem Zeitenwandel erzählen können. Es ist der 19 Jahre alte Jurastudent Frederik Michalke und sein Vater, der rund vierzig Jahre ältere Paul Koszuszeck, ein stellvertretender Schulleiter einer Berufsschule. Der Sohn ist Mitglied im Vorstand der Frankfurter SPD und gilt als Newcomer im linken Parteiflügel. Der Vater ist seit 1981 Mitglied der SPD, und zusammen denken sie über die Frage nach, wie eine Demokratie aussieht, wenn die Jugend zwar die Politik, nicht aber die Parteien interessant finden.

          Eine Studie, die in diesem Jahr in der Zeitschrift für Parlamentsfragen erschienen ist, zeigt, dass die SPD mit 3,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr mehr Mitglieder als alle anderen Parteien verloren hat. In allen Parteien, außer der FPD, ist zudem die Anzahl der Austritte höher als die der Eintritte. Gerade einen jungen Studenten wie Frederik Michalke macht das zu einem besonderen Fall. Von seiner Art gibt es in Deutschland nicht viele, denn er ist jung, Parteimitglied und sogar aktiv in der Kommunalpolitik.

          Warum tritt ein junger Mensch wie er in eine Partei ein? „Diese Frage stelle ich mir selbst jedes Mal, wenn ich in einer Sitzung bin“, sagt Michalke. „Es fehlen uns junge Leute.“ Auch sein Vater ist ratlos: „Gehen Sie mal auf einen Parteitag in Frankfurt und schauen ins Plenum, da frage ich mich manchmal, wer da in 20 Jahren noch sitzen wird.“

          „Keine gesellschaftliche Bewegung in den etablierten Parteien“

          Bei seinen Freunden ist Michalke wegen der Mitgliedschaft in der Volkspartei als Konformist verschrien. Seine Freunde sind in der Antifa oder demonstrieren in der „Blockupy“-Bewegung gegen Kapitalismus und die Finanzpolitik der EU. In Parteien engagiert sich kaum einer von ihnen. „Manche sagen, dass das konservative, verkrustete Systeme sind, in denen sie einfach nichts verändern können“, sagt Michalke. „Andere sagen mir: Wärst du mal lieber in die Antifa gegangen, in den etablierten Parteien findet gar keine gesellschaftliche Bewegung mehr statt.“

          Der Satz hätte auch von den linken Studenten in Marburg stammen können. Eine von ihnen sagt: „Es gibt momentan keine Alternative für Menschen, die gegen die Schließung der Grenzen sind. Es gibt nicht wirklich wählbare Alternativen. Die Polarisierung kann sich in der Parteipolitik momentan nicht wiederfinden.“ Der rechte Burschenschafter Kolb hingegen hat mit der AfD im Parteienspektrum seinen Platz gefunden. Aber selbst das könnte trügerisch sein, solange sich die AfD als Anti-Parteien-Partei präsentiert.

          Der Jugendforscher Hurrelmann beobachtet diese Distanz zu Parteien überall. Das Durchschnittsalter von Parteimitgliedern in Deutschland liege bei 60 Jahren, sagt er. „Da ist eine Generationendistanz eingebaut.“

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