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Politisierte Jugend : Die Null-Bock-Haltung ist passé

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Jugendforscher Klaus Hurrelmann: Politisierung der Jugend und ihre Sorgen sind relational
Jugendforscher Klaus Hurrelmann: Politisierung der Jugend und ihre Sorgen sind relational : Bild: dpa

Der Querschnitt der letzten Jahre zeigt allerdings eine Trendwende: Im Jahr 2002 waren nur 30 Prozent der Jugendlichen politisch interessiert; heute sind es immerhin wieder 41 Prozent. „Wenn das so bleibt, wage ich die Prognose, dass sich das irgendwann politisch Bahn brechen wird. Am ehesten stehen wir im Vergleich kurz vor den sechziger Jahren.“

Kommende Jahre könnten also eine Politisierung der Jugend hervorbringen, die manche mit Verweis auf eine „Null-Bock-Haltung“ (Hurrelmann) früherer Jugend-Generationen schon nicht mehr für möglich gehalten hätten. Die Frage ist nur, was in diesem Fall aus der bestehende Parteiendemokratie wird – denn Parteien wirken auf viele Jugendliche wie „Repräsentationsorganisationen von älteren Leuten. Sie spüren: Diese Organisationen sind nicht unsere, die gehören anderen“, sagt Hurrelmann. So kommt es zu einem Paradoxon: Das politische Interesse der Jugend steigt, aber ausgerechnet die politischen Parteien profitieren nicht davon.

Parteipolitik? Nein, danke.

In einem Café am Frankfurter Palmengarten sitzen zwei Männer, die von diesem Zeitenwandel erzählen können. Es ist der 19 Jahre alte Jurastudent Frederik Michalke und sein Vater, der rund vierzig Jahre ältere Paul Koszuszeck, ein stellvertretender Schulleiter einer Berufsschule. Der Sohn ist Mitglied im Vorstand der Frankfurter SPD und gilt als Newcomer im linken Parteiflügel. Der Vater ist seit 1981 Mitglied der SPD, und zusammen denken sie über die Frage nach, wie eine Demokratie aussieht, wenn die Jugend zwar die Politik, nicht aber die Parteien interessant finden.

Eine Studie, die in diesem Jahr in der Zeitschrift für Parlamentsfragen erschienen ist, zeigt, dass die SPD mit 3,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr mehr Mitglieder als alle anderen Parteien verloren hat. In allen Parteien, außer der FPD, ist zudem die Anzahl der Austritte höher als die der Eintritte. Gerade einen jungen Studenten wie Frederik Michalke macht das zu einem besonderen Fall. Von seiner Art gibt es in Deutschland nicht viele, denn er ist jung, Parteimitglied und sogar aktiv in der Kommunalpolitik.

Warum tritt ein junger Mensch wie er in eine Partei ein? „Diese Frage stelle ich mir selbst jedes Mal, wenn ich in einer Sitzung bin“, sagt Michalke. „Es fehlen uns junge Leute.“ Auch sein Vater ist ratlos: „Gehen Sie mal auf einen Parteitag in Frankfurt und schauen ins Plenum, da frage ich mich manchmal, wer da in 20 Jahren noch sitzen wird.“

„Keine gesellschaftliche Bewegung in den etablierten Parteien“

Bei seinen Freunden ist Michalke wegen der Mitgliedschaft in der Volkspartei als Konformist verschrien. Seine Freunde sind in der Antifa oder demonstrieren in der „Blockupy“-Bewegung gegen Kapitalismus und die Finanzpolitik der EU. In Parteien engagiert sich kaum einer von ihnen. „Manche sagen, dass das konservative, verkrustete Systeme sind, in denen sie einfach nichts verändern können“, sagt Michalke. „Andere sagen mir: Wärst du mal lieber in die Antifa gegangen, in den etablierten Parteien findet gar keine gesellschaftliche Bewegung mehr statt.“

Der Satz hätte auch von den linken Studenten in Marburg stammen können. Eine von ihnen sagt: „Es gibt momentan keine Alternative für Menschen, die gegen die Schließung der Grenzen sind. Es gibt nicht wirklich wählbare Alternativen. Die Polarisierung kann sich in der Parteipolitik momentan nicht wiederfinden.“ Der rechte Burschenschafter Kolb hingegen hat mit der AfD im Parteienspektrum seinen Platz gefunden. Aber selbst das könnte trügerisch sein, solange sich die AfD als Anti-Parteien-Partei präsentiert.

Der Jugendforscher Hurrelmann beobachtet diese Distanz zu Parteien überall. Das Durchschnittsalter von Parteimitgliedern in Deutschland liege bei 60 Jahren, sagt er. „Da ist eine Generationendistanz eingebaut.“

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