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Politisierte Jugend : Die Null-Bock-Haltung ist passé

  • -Aktualisiert am

Verbindung zwischen Burschenschaft und AfD

Hier oben sitzt Maximilian Kolb, ein blonder junger Mann mit akkuratem Seitenscheitel, auf einer Bank im Schlosspark und redet von „denen in den linken WGs“ unten im Tal. Er ist Philosophiestudent im vierten Semester und Beisitzer im hessischen Landesvorstand der Jungen Alternative (JA). Die Kommunisten wollten ihren Namen aus Angst vor rechten Angriffen nicht nennen; bei Kolb ist es der Name seiner Burschenschaft, den er nicht in der Zeitung lesen will – wiederum aus Angst vor den Linken.

Auch Maximilian Kolbs Profil bei Facebook ist versteckt, er lässt sich nur so fotografieren, dass er unerkannt bleiben kann. Er hat Angst vor dem Profiling, das linke Blogs wie „Naziwatch Marburg“ oder der Blog der Antifa Marburg betreiben. „Marburg ist eine sehr linke Studentenstadt“, sagt er. Gerade Burschenschaften hätten die Linken im Fadenkreuz. „Jedes Semester werden hier Verbindungshäuser beschmiert oder sogar Leute auf offener Straße angegriffen“, sagt Kolb.

Wenn Kolb über die Linken redet, wird seine Stimme lauter. „Die kommen vorbei, werfen Scheiben ein oder demolieren Autos“, sagt Kolb. Doch „die“ sind nur ein Phantom. Meistens seien sie vermummt. „Wir lassen uns davon nicht unterkriegen, das wäre ja noch schöner“, sagt Kolb. Die Fronten zwischen Links und Rechts sind verhärtet, das „Wir gegen die“-Narrativ hat sich in Marburg in den Köpfen festgesetzt.

Wiederkehr der 1960er und 70er Jahre?

Geht es nach Klaus Hurrelmann, könnte die Bundesrepublik bald auch an anderen Orten der Marburger Situation ähnlich werden. Hurrelmann ist seit vielen Jahren einer der Autoren der Shell-Studie. Er hält eine Wiederkehr der sechziger und siebziger Jahre für denkbar, zumindest, was die politischen Leidenschaften der Jugend anbelangt. Noch aber ist es nicht so weit.

Früher, als sich viele Jugendliche von den Ideologien alter Tage abgewendet hatten – nach der Arbeitslosigkeit der neunziger Jahre, nach dem Platzen der New-Economy-Blase, nach der Bankenkrise – da war es Hurrelmann, der vom Pragmatismus der Jugend sprach, von einer Ablehnung vieler Ideologien. Heute ist das immer noch so. In der Shell-Studie kann man nachlesen, dass Jugendliche radikale politische Ideen ablehnen und sich stattdessen lieber dort einordnen, wo sie die bürgerliche Mitte vermuten.

„Zu extremistischen Positionen bekennt sich nur eine Minderheit“, heißt es da. „Eine so pragmatische und unideologische junge Generation haben wir schon lange nicht gehabt. Das würde ich als Auswüchse einer Zeit interpretieren, in der man sich um sich selbst kümmern musste und von der Unsicherheit gefangen war“, sagt Hurrelmann heute. Er glaubt nämlich nicht, dass die Politisierung der Jugend nur etwas mit den politischen Inhalten zu tun hat, er glaubt, dass ein anderer Einfluss viel stärker ist, die Wirtschaftslage nämlich.

Irgendwann fiel es Hurrelmann auf, dass Jugendliche nur dann politisch aktiv werden, wenn sie sich keine Sorgen um sich selbst machen müssen. „Es ist unheimlich schwer, das politische Interesse der Jugend vorherzusagen. Man ist auf grobe Tendenzen angewiesen. Und eine scheint mir zu sein, dass die Jugend in Zeiten politischer wird, in denen sie nicht um ihre unmittelbare berufliche Existenz kämpfen muss, sondern Chancen hat“, sagt Hurrelmann. Der Blick auf die Arbeitslosenstatistik seit Ende des Zweiten Weltkrieges könnte Hurrelmanns These stützen. So war die Arbeitslosenquote in den sechziger Jahren auf einem Rekordtief.

Politisierung der Jugend nimmt wieder zu

Und heute? Heute wagen Jugendliche in der aktuellen Shell-Studie erstmals wieder eine optimistische Einschätzung ihrer eigenen und der Lage des Landes. Das gab es zuletzt vor 1990 in Westdeutschland. „Das würde erklären, wieso das politische Interesse bei den jüngeren Alterskohorten der 13 bis 16 Jahre alten wieder steigt“, sagt Hurrelmann – denn das tut es seit mehreren Jahren kontinuierlich. Seit 1984 taucht in der Shell-Studie die Frage auf: „Interessierst du dich ganz allgemein für Politik?“. In den achtziger und neunziger Jahren, die von der Anti-Atomkraft-Bewegung und der Wiedervereinigung geprägt waren, lag das politische Interesse eine Zeitlang bei 57 Prozent (1991). Dieser Wert ist längst Geschichte.

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