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Corona-Impfungen vor Silvester : Die Hoffnung wächst mit Lichtgeschwindigkeit

Das Frankfurter Impfzentrum in der Festhalle Bild: Frank Röth

Bundeskanzlerin Merkel bedankt sich bei den Biontech-Gründern für ihre Arbeit. Im Bundestag gibt es derweil Streit darüber, wie die Impf-Reihenfolge geregelt werden soll.

          5 Min.

          Angela Merkel ist wissbegierig und will in ihren vielen Gesprächen gern Neues lernen. Normalerweise fragt die Bundeskanzlerin nach harten Fakten. Am Donnerstagvormittag war sie in einer Videokonferenz „zu Besuch“ beim Mainzer Impfstoffhersteller Biontech. Auf dem Unternehmen ruhen Merkels, Deutschlands, Europas, ja weltweite Hoffnungen, einen wirksamen Impfstoff im Kampf gegen Corona gefunden zu haben. Merkel beendete den öffentlichen Teil des Gesprächs mit einer an die Unternehmensgründer Ugur Sahin und Özlem Türeci gerichteten Frage von der Art, wie sie sonst gern von Journalisten zur Vorbereitung einer Reportage gestellt werden.

          Kim Björn Becker

          Redakteur in der Politik.

          Eckart Lohse

          Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.

          Im Januar habe die Welt langsam erfahren von „diesem Virus, diesem neuen Virus“, das sich sehr schnell ausbreitet, sagte die Kanzlerin. „Wann haben Sie dann gesagt: Das ist hier unsere Mission?“ Merkel wollte es genau wissen: „Saß man da einfach eines Morgens zusammen beim Kaffee und hat gesagt: Das ist es, worauf wir uns jetzt stürzen? Oder wie ging das?“ „Ich kann das gerne beantworten“, sagte Özlem Türeci. „Ich kann mich an den Tag genau erinnern: Wir haben am 24. Januar am Frühstückstisch die Entscheidung getroffen, dass wir einen Startschuss geben müssen“, berichtete sie. Sahin habe aus einer Publikation, in der Fälle aus der chinesischen Stadt Wuhan beschrieben worden seien, „geschlussfolgert, was wir erst später realisiert haben und wahrnehmen konnten“, erinnerte sie sich. „Dass eine Pandemie anstehen könnte, mit hoher Wahrscheinlichkeit.“

          Dann habe er Firma, Aufsichtsrate und Gesellschafter von Biontech alarmiert und bewogen, dass man die Ressourcen von der Krebstherapie in die Entwicklung eines Impfstoffs umleite. Am 24. Januar habe es also den Startschuss gegeben. Seitdem habe es „wie es sich für Lichtgeschwindigkeit gehört“, keinen einzigen Tag gegeben, an dem nicht an dem Programm gearbeitet worden sei, berichtete Türeci. „Tolle, frühe Erkenntnis einer weitreichenden Sache“, kommentierte Merkel.

          Uğur Şahin, Mediziner mit dem Forschungsschwerpunkt Krebsforschung und Immunologie und Ehefrau Özlem Türeci, Gründerin und Chief Executive Officer der Ganymed Pharmaceuticals AG.
          Uğur Şahin, Mediziner mit dem Forschungsschwerpunkt Krebsforschung und Immunologie und Ehefrau Özlem Türeci, Gründerin und Chief Executive Officer der Ganymed Pharmaceuticals AG. : Bild: Wolfgang Eilmes

          Schon eingangs hatte die Kanzlerin gesagt, die Bundesregierung sei „mächtig stolz“ darauf, dass es in Deutschland solche Forscher gebe. Sie freue sich auf den Tag, wenn die Europäische Union die Zulassung erteilt habe, wenn das Impfen beginne. Merkel wirkte entspannt. Am Donnerstagvormittag aus Paris kommende Nachrichten, dass sich Präsident Emmanuel Macron mit dem Coronavirus infiziert hatte, sorgten offenbar nicht für Beunruhigung. Die Kanzlerin war Macron am Freitag beim Gipfeltreffen der Europäischen Union das letzte Mal begegnet. Zu hören war, man sei in Paris der Auffassung, Macron habe sich erst Montagabend oder Dienstag infiziert. In Berlin teilte eine Regierungssprecherin mit, die Kanzlerin habe „wie immer nach einem Europäischen Rat mit einigen Tagen Abstand einen PCR-Test gemacht“. Dessen Ergebnis sei negativ gewesen.

          Außer Merkel nahmen Forschungsministerin Anja Karliczek und Gesundheitsminister Jens Spahn seitens der Bundesregierung an der Video-Runde mit den Biontech-Gründern teil. Wenn die Zustimmung aus Brüssel, von der Europäischen Arzneimittelagentur EMA und der Kommission, wie geplant erfolge, dann könne am 27. Dezember mit dem Impfen begonnen werden, zeigte Spahn sich optimistisch. Der Gesundheitsminister bezeichnete die gleichzeitige Zulassung und Auslieferung in allen EU-Mitgliedstaaten als „Signal der europäischen Solidarität“. Als Rechtsgrundlage des Plans dafür, wer zuerst geimpft wird, werde er am Freitag eine Impfverordnung unterzeichnen. Ziel sei es, zuerst diejenigen zu schützen, die über achtzig Jahre alt seien und in Alten- oder Pflegeheimen lebten oder arbeiteten. „Alle anderen werden darüber unterrichtet, wann sie dran sind, wenn sie dran sind.“

          Die geplante Verordnung des Bundesgesundheitsministeriums war am Donnerstag auch ein Thema im Bundestag. Dabei ging es jedoch weniger um den Inhalt, als um das Verfahren. Die oppositionelle FDP hat einen Gesetzentwurf in den Bundestag eingebracht, mit dem die Reihenfolge der Impfungen geregelt werden soll. Eine Rechtsverordnung reiche dafür nicht aus, argumentierten die Freidemokraten. Klar sei, dass zu Beginn nicht genügend Dosen des Impfstoffs von Biontech und Pfizer für alle Bürger zur Verfügung stehen, sollte dieser – wie erwartet wird – demnächst von der europäischen Arzneimittelagentur zugelassen werden.

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