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Die Grünen und die Kohlekraft : Ökoschwein will keiner sein

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Die Hamburger Umweltsenatorin Anja Hajduk muss nun den Protest der eigenen Partei verkraften Bild: ddp

Die Grünen möchten schon wieder die Menschheit retten – diesmal mit dem Verzicht auf neue Kohlekraftwerke. Dennoch blieb der Hamburger GAL-Umweltsenatorin Anja Hajduk nicht anderes übrig, als dem „Klimakiller Moorburg“ zustimmen. Der grünen Basis schwillt der Kamm.

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          Der Schornstein stehe zur Hälfte schon, sagt die grüne Bundestagsabgeordnete Sylvia Kotting-Uhl – und es klingt bei ihr wirklich so, als wachse in Karlsruhe ein Monster heran, das die Bürger eines Tages verschlinge. Eine Dreckschleuder. Ein Klimakiller. Ein Dinosaurier. Dabei handelt es sich um eine Kohlekraftwerk. „Angesichts des Klimawandels ist es ein Unding, dass die Landesregierung weiter auf fossile Energien mit niedrigem Wirkungsgrad und hohen CO2-Emissionen zurückgreift“, sagt Sylvia Kotting-Uhl.

          Denn: „Der Klimawandel ist vermutlich noch dramatischer als bisher berechnet.“ Jedenfalls seien die Klimaschutzziele mit dem Neubau von Kohlekraftwerken nicht erreichbar. Und sie gibt noch mehr zu bedenken: Feinstaub, Arsen, Blei und Quecksilber sieht die Grünen-Politikerin über die Karlsruher kommen, sie spricht von einer Ohrfeige für alle Eltern, deren Kinder an Atemwegserkrankungen litten.

          „Es geht um das Überleben der Menschheit“

          Auch die Systemfrage wird gestellt: Seien die Strukturen der Energiewirtschaft nicht steinzeitlich? Verfolgten die großen Energiekonzerne nicht nur ihre wirtschaftlichen Interessen? Hans-Josef Fell, ebenfalls grüner Abgeordneter im Bundestag, greift schließlich in die alleroberste Schublade: „Nicht nur für uns Grüne ist Klimaschutz wichtig, es geht um das Überleben der Menschheit“, sagt er.

          Baustelle Moorburg - ein Politikum

          Die Grünen haben das Thema für sich entdeckt: Kohlekraft? Nein danke! Natürlich machen sie sich ernsthaft Sorgen. Doch hoffen sie auch, das neue Tabu möge sie von anderen Parteien unterscheidbar machen und zur Mobilisierung taugen. Die Bundestagswahl ist nah. Viele Karlsruher jedenfalls würden sich gerne von ihnen retten lassen: Die Veranstaltungen seien gut besucht, die Infostände umlagert, berichtet Sylvia Kotting-Uhl. Sie bedauert, dass es nicht zu einem Bürgerentscheid kam. Vielleicht hätte man den ja gewonnen. Andernorts ist die Stimmung ähnlich.

          Gab es das nicht schon? Klingt das nicht ein wenig wie damals, als die Grünen gegen die Atomenergie kämpften? Bis heute gilt der Atomausstieg in der Partei als nicht verhandelbar, die Absage an neue Kohlekraftwerke wäre es aber notfalls vielleicht schon. „Der Atomausstieg hatte für die Grünen natürlich eine größere Bedeutung als der Beschluss, keine neuen Kohlekraftwerke zu bauen – schon deshalb, weil die Atomenergie viel gefährlicher ist“, sagt Bärbel Höhn, früher grüne Ministerin in Nordrhein-Westfalen.

          Trittin „Grüne wollen sich nicht von der Kohle verabschieden

          Manche in der Partei erinnern daran, dass auch unter dem grünen Umweltminister Jürgen Trittin zahlreiche neue Kohlekraftwerke errichtet wurden. Erst drei Jahre ist es her, dass die Grünen im Bund mitregierten. Heute verweist Trittin auf das grüne Konzept „Energie 2.0“ und beruhigt: „Es ist einfach Quatsch zu sagen, die Grünen wollten sich von heute auf morgen aus der Kohle verabschieden.“

          Rund sechzig Prozent des Stroms in Deutschland würden gegenwärtig aus Kohle hergestellt, Trittin schätzt, dass es 2020 noch immer 40 bis 50 Prozent sind, auch wenn keine neuen Kohlekraftwerke mehr gebaut würden. Einigen reicht das nicht. Hans-Josef Fell zum Beispiel hat ehrgeizigere Ziele. Er hält Forschungen für realistisch, nach denen unter Umständen schon 2020 bis zu 60 Prozent des Stroms aus Erneuerbaren Energien gewonnen worden könnte.

          Kein Atom und weniger Kohle - gehen da nicht die Lichter aus?

          Doch herrscht in diesen Tagen Disziplin in der Partei - auch wegen der Bayern-Wahl. Auf dem Parteitag in Köln vor knapp zwei Jahren ging es noch hoch her. Befreit vom Zwang zum Kompromiss als Regierungspartei, beschloss man die Quadratur des Kreises: einen neuen „radikalen Realismus“ in der Ökologiepolitik. Frei nach dem Motto: Wenn jetzt schon die SPD gegen Atomkraft ist, müssen wir als Öko-Avantgarde eben weiter gehen und den Verzicht auf neue Kohlekraftwerke fordern, zumindest solange es keine Technik gibt, mit der das Kohlendioxid abgeschieden und unterirdisch gelagert werden kann.

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