https://www.faz.net/-gpf-73sxg

Die Grünen : Stadt, Land, Grün

Heiterer Hegemon: Fritz Kuhn feiert, hinter ihm Ministerpräsident Kretschmann, rechts die Grünen-Landtagsabgeordnete Muhterem Aras Bild: dpa

Cem Özdemir möchte den Stuttgarter Erfolg seiner Partei nutzen, um die Grünen in Berlin zu bewegen und aus der Abhängigkeit von der SPD zu lösen. Doch schon in seinem eigenen Landesverband muss er sich steter Angriffe erwehren. Die Flügel der Partei schlagen kräftig.

          4 Min.

          Für den Grünen-Vorsitzenden Cem Özdemir ist die Stuttgarter Siegesnachricht ein Hebel, mit dem er in Berlin seine Partei bewegen will. Özdemir hat sich in den vergangenen Monaten nur halblaut darüber geäußert, dass die Grünen seiner Meinung nach nicht allein an der Seite der SPD politisch verortet sein sollten. Nun sieht er im Erfolg Fritz Kuhns im wohlhabend-bedächtigen Stuttgart eine Argumentationshilfe für sein politisches Weltbild. Doch just in dem Moment, in dem er die Chance wittert, eine Öffnungsdebatte anzuzetteln, machen ihm die der Parteilinken zugerechneten Politiker Sylvia Kotting-Uhl und Gerhard Schick das Leben schwer.

          Johannes Leithäuser

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Özdemir, Frau Kotting-Uhl und Schick stammen alle aus dem Südwesten. Özdemir wollte auf dem Landesparteitag im November in Böblingen für Platz zwei der Landesliste kandidieren. Seit Wochen versuchen nun Schick und die atompolitische Sprecherin Kotting-Uhl sich gute Listenplätze zu sichern. Schick gehört zu den Hoffnungsträgern der Parteilinken, man traut ihm zu, nach der Bundestagswahl 2013 als stellvertretender Fraktionsvorsitzender zu kandidieren. Schick traut sich das auch selbst zu. Den Realos machten die Parteilinken dann kürzlich folgendes Angebot: Die Freiburger Abgeordnete Kerstin Andreae und Cem Özdemir sollten für Platz eins und zwei eine Chance bekommen, wenn sie den Parteilinken die Listenplätze drei bis sechs komplett überlassen würden. Doch die Realos wollten dann ein solches Personalpaket nicht verbindlich zusichern. Deshalb wollen Schick und Kotting-Uhl nun in Böblingen für die beiden Spitzenplätze der Liste kandidieren. Das könnte den Bundesvorsitzenden Özdemir beschädigen. Der hat zwar – gerade nach dem Wahlsieg Fritz Kuhns – gute Chancen, den Wahlkreis Stuttgart Süd direkt zu gewinnen, eine Niederlage wäre es dennoch.

          Innerhalb der Landespartei gibt es nun eine lebhafte Debatte, die Grünen schlagen kräftig mit den Flügeln. „Lieber Gerhard, liebe Sylvia, ich weiß, dass ihr im Bundestag meistens auch realpolitische Positionen vertreten habt und es werdet, wenn wir regieren sollten. Da eure Kandidaturen aber Unterstützerkreise haben, für die das nunmal nicht gilt, und die Medien einen Erfolg von euch gegen Kerstin und Cem als Linksrutsch bei den Grünen deuten würden, kann ich nur an Euch appellieren: lasst diesen Kampf ausfallen. Ihr könnt nicht gewinnen, denn wenn Ihr es tut, verlieren wir dabei als Partei“, schrieb der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer, der zu den Oberrealos im Land zählt, am Montagmorgen auf seiner Facebook-Seite.

          Özdemir habe eine innerparteiliche Absprache verhindert

          Palmer erinnert auch an den Versuch der Parteilinken im Jahr 2010, einen alleinigen Spitzenkandidaten Winfried Kretschmann zu verhindern. Die Parteilinken werfen Özdemir vor, eine innerparteiliche Absprache verhindert zu haben, indem er seinen Anspruch auf Platz zwei vor einem wichtigen Termin mit führenden Landespolitikern per Interview öffentlich machte. Die Realos finden diese Argumentation nicht überzeugend, weil ja gerade die Parteilinken stets auf innerparteiliche Demokratie pochen würden. „Ich sehe nicht, welchen Grund es für die Parteilinken gibt, sich ausgerechnet in Baden-Württemberg von einer soliden und bodenständigen Grundausrichtung zu verabschieden, die ja gerade Fritz Kuhn und Winfried Kretschmann verkörpern“, sagt Palmer.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Vizepräsident der Vereinigten Staaten, Mike Pence, wird nicht beim Amtsenthebungsverfahren gegen Donald Trump kooperieren.

          Trump-Impeachment : Giuliani und Pence verweigern Kooperation

          Die beiden Vertrauten von Präsident Trump sehen sich durch die Verfassung geschützt und lassen eine Frist zur Vorlage von Dokumenten in der Ukraine-Affäre verstreichen. Den Amtsenthebungsprozess betrachtet Giulianis Anwalt als eine „verfassungswidrige, grundlose und illegitime Untersuchung“.
          Turki Al Sheikh fordert Leistung, sonst drohen Konsequenzen.

          Sportunternehmer : Der Fußballinvestor der Scheichs

          Turki Al Sheikh gilt als enger Vertrauter des saudischen Kronprinzen. In Ägypten setzte er mit dem FC Pyramids viel Geld in den Sand. Sein neues Projekt weckt mehr Hoffnung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.