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Die Grünen : Keine Chance gegen Captain Atom

„Campact”-Demo in Hamburg Bild: dpa

Protest muss heute schnell gehen, bequem sein oder zumindest Spaß machen. Weil die Grünen das nur bedingt bieten können, geraten sie bei ihrer einstigen Stammklientel zunehmend ins Hintertreffen.

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          Eine Gruppe junger Menschen steht vor dem Hauptbahnhof und zieht weiße Schutzanzüge über grellbunte Kleidung. Im Gesicht haben sie große Sonnenbrillen und asymmetrische Pony-Frisuren, auf der Ladefläche eines Lastwagens wummern Boxen. Das Internet-Bündnis „Campact“ hat aufgerufen zur „Endlagersuche“, einer Protestaktion gegen den Ausstieg aus dem Ausstieg aus der Atomkraft. Wären da nicht die bekannten Symbole, man könnte glauben, hier bereiteten sich Techno-Anhänger auf eine Party vor. Dann ergreift „Captain Atom“ das Wort, ein junger Mann in hautengem Glitzeranzug und mit weißem Schutzhelm. Er spricht durch eine Flüstertüte: „Ich verteile jetzt die Kassettenrekorder an die mobilen Einsatzkommandos. Wenn Ihr Play drückt, dann spielen sie Geigerzählergeräusche ab. Wer von Euch nicht mehr weiß, wie Kassetten funktionieren, der fragt einfach die Alten.“

          Katharina Wagner

          Wirtschaftskorrespondentin für Russland und die GUS mit Sitz in Moskau.

          Die Alten stehen da, wo man sein Wort noch verstehen kann. Von dort schielen sie herüber zu den bunten Jugendlichen, zu dem selbst beklebten Lastwagen mit der Aufschrift „Atomtransport“. Man sieht ihnen an, dass sie selten an solchen Aktionen teilnehmen, dass sie von früher vielleicht Anderes gewöhnt sind, aus Wyhl, Brokdorf oder Wackersdorf. Geblieben von damals ist das Logo – die lachende, rote Sonne auf gelbem Grund, darüber der Spruch „Atomkraft? Nein Danke“. Sonst aber ist alles anders. Noch nicht einmal mehr „Demo“ nennt sich das, was in Münster passiert. Auf der Internetseite von „Campact“ kann man die „Tour“ der Endlagersuche durch 13 deutsche Städte im Tourblog nachverfolgen wie ein Popkonzert.

          In Münster ziehen die Demonstranten den ganzen Tag durch die Stadt, gefolgt vom Lastwagen mit der Musikanlage. Mit ihren Kassettenrekordern und überdimensionalen Lupen tun sie so, als seien sie Nuklearwissenschaftler auf der Suche nach einem geeigneten Endlager für Atommüll. Zwei grellgrün gekleidete Greenpeace-Aktivisten laufen mit, ein betagtes Mitglied des globalisierungskritischen Bündnisses „Attac“ schwingt eine Fahne, die blutrote Warnweste einer Demonstrantin verkündet stolz: „Die Linke ist da!“ Nur von den Grünen, die einst von Menschen wie denen in Münster gegründet wurden, ist weit und breit keine Spur.

          „Endlagersuche” - „Campact”-Demo in Hannover

          „Wir haben ein längeres Gedächtnis als die Partei“

          Kurz nach der Bundestagswahl verkündeten die Grünen, nun wieder mehr mit Umweltorganisationen und sozialen Bewegungen zusammenarbeiten zu wollen. Das hatten sie auch 2005 schon getan, als sie frisch in die Opposition zurückgekehrt waren. Seitdem haben sie viel versucht, um sich den außerparlamentarischen Aktivisten, die sich in den sieben rot-grünen Regierungsjahren enttäuscht abgewandt hatten, wieder anzunähern. Zuletzt wurden bekannte Leute von Nichtregierungsorganisationen abgeworben, wie Sven Giegold von Attac oder Barbara Lochbihler von „Amnesty international“, die inzwischen beide für die Grünen im Europaparlament sitzen. Bloß hat sich in den vergangenen Jahren nicht nur die Partei, sondern auch die sozialen Bewegungen um sie herum verändert. Fleisch vom Fleische sind sie längst nicht mehr.

          Campact und „Ausgestrahlt“, zwei der größten Internet-Bündnisse gegen die Atomkraft, wollen generell möglichst wenig mit Parteien zu tun haben. Und wenn, dann sind die Grünen nicht mehr die einzige Option. Jochen Stay, Gründer von Ausgestrahlt, sagt mit Frohlocken in der Stimme, heute gebe es im Bundestag schließlich drei atomkritische Parteien. Dabei hat die Linkspartei gegenüber Grünen und SPD den Vorteil, dass sie an dem unter Atomgegnern verhassten Atomkonsens zwischen Regierung und Energieversorgern nicht beteiligt war.

          Spätestens seit 1998 ist die Beziehung zwischen den Grünen und ihrem außerparlamentarischen Umfeld zu einer Hassliebe geworden. Jochen Stay fasst das so zusammen: „Früher war Jürgen Trittin in Gorleben mit uns auf der Straße. 1998 wurde er Umweltminister und hat die Demos verboten. Jetzt will er wieder mit uns demonstrieren. Aber wir haben ein längeres Gedächtnis als die Partei.“ Mit den Globalisierungsgegnern verscherzten es sich die Grünen spätestens 2007, als die Parteiführung einen Demonstrations-Aufruf gegen den G-8-Gipfel in Heiligendamm nicht unterzeichnen wollte. Oskar Lafontaine hatte seinen Namen längst unter das Papier gesetzt.

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