https://www.faz.net/-gpf-79120

Die Gorch Fock : Das Schiff, das wir lieben

Bild: Johannes Leithäuser

Die „Gorch Fock“ ist nach zwei Jahren Pause wieder auf Ausbildungsfahrt. Nach dem tödlichen Unfall einer Soldatin versucht das Segelschulschiff, an die Tage anzuknüpfen, als es der Stolz der Marine war.

          Bram und Royal heißen die höchsten Rahsegel der Dreimastbark „Gorch Fock“. Der blonde 19 Jahre alte Offiziersanwärter zeigt mit dem ausgestreckten Arm am Großmast hinauf, er strahlt seine Eltern an: „Dort oben war ich - mein Arbeitsplatz.“ Vater und Mutter sind aus Cottbus im südlichen Brandenburg nach London gekommen, um ihren Sohn wiederzusehen. Er gehört zu den ersten Offizierskadetten, die nach mehr als zwei Jahren Pause mit dem Segelschulschiff der deutschen Marine auf Ausbildungsfahrt gegangen sind.

          Johannes Leithäuser

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Ein tödlicher Unfall, eine politische Debatte, ein Werftaufenthalt hatten die „Gorch Fock“ lahmgelegt. Nun hat der Obergefreite Donath Glück gehabt, wie er es sieht, mit dem Rahsegler wieder auf große Fahrt zu gehen. Und seine Eltern hatten Sorge? „Na, wir war’n eher überrascht, dass er überhaupt zum Militär geht“, sagt die Mutter, „es hätte doch auch viele andere Möglichkeiten gegeben.“

          Im November 2010 stürzte eine Offiziersanwärterin bei einer Enterübung aus der Takelage. Ihre Lehrgangscrew war Tage zuvor im brasilianischen Hafen Salvador de Bahia eingetroffen, die 70 Kadetten übten in der „Segel-Vorausbildung“ im Hafen das Klettern (Aufentern) auf die Rahen, das Segelsetzen und -bergen. Der Tod der Soldatin machte wilde Schlagzeilen in deutschen Boulevardblättern.

          Wilde Hektik der Politik war die Folge. Der damalige Kommandant Schatz wurde suspendiert - zu Unrecht, wie sich später herausstellte. Den Tiefpunkt der Affäre aber markierte eine Meldung, die sich auf der Bericht über die Obduktion der toten Soldatin bezog. Darin war ein hohes Gewicht des Leichnams vermerkt - prompt schlussfolgerte eine Zeitung, die Kadettin sei schwer übergewichtig, daher nicht borddiensttauglich gewesen.

          Kadetten lernen auch Einsamkeit zu genießen

          Es stellte sich heraus, dass der Körper des augenscheinlich schlanken Unfallopfers vor seiner Überführung nach Deutschland hohe Mengen eines Konservierungsmittels aufgenommen hatte. Viele weitere Geschichten über die „Gorch Fock“, über vermeintlich brutale Schindereien in der Kadettenausbildung, über archaische Riten an Bord wurden in jenen Tagen kolportiert - die Besatzung hätte das grinsend als Seemannsgarn abtun können, hätten die Nachrichten nicht wie ein Gespinst bald die Schiffsführung, ja das ganze Schiff gefesselt und seine Zukunft eingeschnürt.

          An diesem Frühlingsnachmittag in London, an dem die neue Kadettencrew ihre Eltern, Freunde und Freundinnen über das Oberdeck führt, scheint die Sonne freundlich auf das Schiff. Am Abend, bei der Abschlussmusterung, regnet es Lob auf die Kadetten, die auf dem Mitteldeck angetreten sind, jetzt wieder im blauen Dienstanzug. „Sie haben hier einen guten Eindruck hinterlassen“, stellt der Korvettenkapitän fest, der die Ausbildung an Bord leitet. „Sehr, sehr gut“ sei das Ausbildungsquartal gewesen: „Offenkundig hat Ihnen auch was dran gelegen“, vermutet der Ausbildungschef.

          Die Gorch Fock bei der Einlaufparade des Hamburger Hafengeburtstages. Insgesamt erwarten die Veranstalter 1,5 Millionen Besucher. Bilderstrecke

          Die Kadetten erzählen über ihre Abenteuer an Bord mit leuchtenden Augen, die meisten jedenfalls, nicht alle. Die älteren, die schon Mitte zwanzig sind, die sich von irgendwoher in der Bundeswehr zur Offiziersausbildung der Marine querversetzen ließen, finden gesetztere Worte: „Eine wertvolle Erfahrung“ sei die Zeit gewesen, „nicht durchgehend schön, nicht durchgehend schlecht“.

          Die Jungen, die gleich nach dem Abitur beim Offizierslehrgang in Flensburg antraten und schon ein halbes Jahr später an Bord geschickt wurden, berichten mit Staunen in der Stimme, was ihnen alles widerfahren ist. Wie die Übelkeit sie beim ersten Seegang an Deck trieb, wo im Schutz des Schanzkleides, der stählernen Außenwand des Schiffes, eine Spuckkiste aufgestellt ist, in die sich Seekranke übergeben können.

          Wie sie sich mit den Füßen einkeilten in die Bänke unter Deck, weil sie sonst beim Unterricht oder beim Essen vom Sitz gerutscht wären. Wie man in eine Hängematte klettert, die in Kopfhöhe quer durch das Unterkunftsdeck gespannt ist. Wie man vermeidet, beim Aussteigen die Kameraden zu treten, die eine Etage tiefer, in Hüfthöhe, in ihren Matten liegen. Wie man zwei Stunden als „Posten Rettungsboje“ am Heck des Schiffes die Einsamkeit genießt. Wie man in den oben auf der Obermarsrah einen Sonnenaufgang erlebt und die Strahlen im Gesicht spürt, während das Deck unten noch im Schatten der Morgendämmerung liegt.

          Jiva - Jager, Innenklüver, Vorstengestag, Außenklüver

          Und die Schinderei, das Gebrüll der Korporale (der Ausbildungs-Unteroffiziere), die Kehrseite der Seefahrtsromantik? Am Anfang sei es hart gewesen, während der ersten Tage, sagt die zierliche Obergefreite Becker. Die Ausbildungscrew, die in London die „Gorch Fock“ verlässt, kam in Lissabon an Bord. Zwei Wochen lag das Schiff dort an der Pier, wie stets vor einem Ausbildungstörn, um den Kadetten in Trockenübungen das Entern auf die Rahen, das Segelsetzen und Bergen beizubringen. „Als wir langsam eingespielt waren, wurde der Ton viel entspannter“, sagt die Anwärterin Becker. Der Kommandant des Schiffes, Kapitän zur See Helge Risch, der selbst viel entspannter wirkt am Ende dieser Reise, kleidet das in die Regel: „Je leiser es ist an Deck, desto besser klappt’s.“

          Von London nach Hamburg segelt die „Gorch Fock“ mit ihrer Stammbesatzung, mit den Berufs- und Zeitsoldaten, die einige und viele Jahre auf dem Schiff verbringen. Die Ausbildung geht auch jetzt noch weiter: Neue Mannschaften wurden in London eingeschifft, Wehrdienstleistende oder Zeitsoldaten, sie müssen dieselben Handgriffe und Begriffe lernen wie die Offiziersanwärter. Seit die Wehrpflicht abgeschafft ist, fehlt es dem Schulschiff, wie fast allen Schiffen der Marine, an Personal. Der Decksmeister, der den seemännischen Abschnitt an Bord führt, hat allein sechs von 15 Unteroffiziersstellen offen.

          Oft haben die Maate und Obermaate einzeln junge Soldaten im Schlepptau und klappern mit ihnen die langen Reihen von Belegnägeln ab, die seitlich an den Bordwänden des Segelschiffes stecken. Jeder Nagel hält ein bestimmtes Tau oder Seil, eine Schot, eine Gording, ein Fall, mit dem sich wiederum ein bestimmtes Segel setzen, versetzen oder niederholen lässt. Alles in allem sind es 186 Nägel. Jedes Besatzungsmitglied muss sie kennen und auseinanderhalten können. Die Offiziersanwärter schreiben „Leistungsnachweise“ darüber. Für manche Nagelfolgen gibt es Eselsbrücken. Die Obergefreite Becker hat sich „jiva“ gemerkt, das steht für die Nägel der Bugsegel: „Jager, Innenklüver, Vorstengestag, Außenklüver“.

          Das „Gorch Fock“- Lied wird wieder gesungen

          Während der vielen Tage auf See rufen die Ausbilder immer wieder einen ihrer Schützlinge zu den Nagelbänken, den messingverstärkten Holzplanken, in denen die hölzernen oder stählernen Belegpflöcke stecken: „Wie nennt sich der?“ - „Royalaußengording“ - „Und der nächste?“ - „Großstengestagsegelfall“. Ein Nicken, wenn die Antwort richtig ist, ein Rüffel, wenn sie falsch war. „Du Eule“, sagt der Maat dann zum Gefreiten oder: „Mann, Mann, Mann, alles verlernt, was!?“

          Wenn die Mannschaft auf der Nordsee Segelmanöver übt - Wende und Halse, Mann über Bord -, wird es laut an Bord. Dann greifen die beiden Segeloffiziere, die an Deck die Wachen für je einen Mast kommandieren, zum Megafon. Das treibt ihre Schallwellen auch bei heulendem Wind über Deck.

          Anweisungen wie „Hol dicht die Steuerbordbrassen!“ müssen klar verstanden werden - auch wenn die einfachen Flüstertüten keine Verstärker haben. Jeder Segeloffizier legt Wert auf eine individuelle Bemalung seiner Blechtüte. Frau Oberleutnant Mutscher hat eine blaue, mit der Silhouette von Kiel und dem Porträt von Käpt’n Blaubär. Oberleutnant Kathöfer hat eine rote und dazu die Weisheit: „si vis pacem, para bellum.“

          Der Erste Offizier hat sich eine Grußformation für Hamburg ausgedacht, wo die „Gorch Fock“ die Schiffsparade zum Hafengeburtstag anführen soll. Einst stand die Mannschaft beim Einlaufen in den Rahen. Das gestattet das Dienstreglement nicht länger: Das Aufentern ohne dienstlichen Grund ist untersagt. Aber die Besatzung könnte sich doch übereinander in die Wanten stellen. Der EinsO hat das Schema auf ein Papier gemalt, die Bootsleute dirigieren ihre Männer - auch einige Frauen - an Deck anschließend auf den richtigen Platz in der unteren Takelage. Alle sind dabei mit ihren Gurten angeleint.

          Und der Kommandant möchte auch noch etwas: Früher haben sie doch immer das „Gorch-Fock“-Lied gesungen. Das soll jetzt wieder eingeübt werden. Schließlich hat sich zur Begrüßung in Hamburg ein Kinderchor angesagt. Da wäre es doch schön, wenn man mit einem Ständchen antworten könnte. Damit die Sache klappt, stellt sich Kapitän Risch persönlich aufs Mitteldeck und gibt den Ton an: „Weiß ist das Schiff, das wir lieben ...“

          Einmaliges Sicherheitssystem verhindert schlimme Unfälle

          Die „Gorch Fock“ soll wieder kräftig strahlen. Der Absturz der Offiziersanwärterin im November 2010 hat das Schiff wilder hin und her geschleudert, als es jeder atlantische Herbststurm vermochte. An „eine schwere Zeit“ erinnert sich ein altgefahrener Obermaat. Damals, während der langen Rückreise des Schiffs aus Südamerika, hätten Eltern und Freunde immer wieder Neues am Telefon berichtet aus dem Wirbel, der um die „Gorch Fock“ in Deutschland entstanden war - „und wir wussten nicht, was wird“.

          Nach der Rückkehr entwickelte eine kleine Gruppe von Schiffsoffizieren und Bootsmännern ein neues Sicherheitskonzept für das Schiff. Sie überprüften zusammen mit dem Germanischen Lloyd, einer Art Schiffs-TÜV, die Takelage, identifizierten Gefahrenstellen, holten Ratschläge ein von einem Prüfinstitut im Ruhrgebiet und einem Arbeitsmediziner in Aachen mit dem Spezialgebiet Bergsteigerunfälle - also Abstürze.

          Die Ergebnisse der Erkundungsmission sind an Bord zu besichtigen. In den Übergängen von den Webleinen, also den Strickleitern zu beiden Seiten der Masten, zu den Salingen, den Plattformen im Mast, hängen jetzt rote Sicherungsseile, an die sich alle Besatzungsmitglieder, nicht nur die Offiziersanwärter, beim Aufentern einhaken müssen. Das Aufentern „dauert länger als früher“, sagt ein Obermaat. Früher hätten sie sich oft zu viert nebeneinander auf die Saling geschwungen, nun haben wegen der Sicherungsleine nur zwei Kletterer nebeneinander Platz.

          Alle Besatzungsmitglieder und Anwärter, die im Mast und auf den Rahen arbeiten, tragen neue, verbesserte „Toppsgurte“, Sicherheitsgeschirre mit Spannleinen und Karabinerhaken. Die Lebensleine, die bei einem Ausrutschen oder Abgleiten den Absturz verhindern soll, ist außerdem mit einem „Bandfalldämpfer“ ausgerüstet, einem Sicherheitsband, das einen harten Sturz in einen Zeitlupenfall verwandeln soll. Das ganze Sicherheitssystem sei „einmalig auf der Welt“, schwärmt einer der Bootsmänner, die daran mitwirkten, „echte Pionierarbeit“. Wenn die Toppsgasten, also die Mitglieder der Segelcrew, zum Segelsetzen aufentern, klingt das beständige Klicken der Karabiner, als sei man in einem Freizeit-Klettergarten.

          Per Email Ratschläge für den Kapitän von besorgten Eltern

          Seit 55 Jahren ist die „Gorch Fock“ auf den Weltmeeren unterwegs, außerhalb der deutschen Gewässer in Nord- und Ostsee am häufigsten im Atlantischen Ozean. Die Dreimastbark hat ihre äußere Anmutung kaum verändert im Lauf der Jahrzehnte. Doch ansonsten hat sie sich so verändert, als hätte man versucht, einen Oldtimer mit Airbags, Drei-Punkt-Gurten und Einparkhilfen auszustatten.

          Die Marine hat aber nicht nur das Schiff dem Sicherheitsbedürfnis angepasst. Seit einem Dreivierteljahr ragt vor der Offiziersschule in Flensburg-Mürwik das „Segelausbildungsgerät Mast und Takelage“ auf; ein Übungsbaum, an dem die Offiziersanwärter ihre ersten Enter-Übungen machen müssen. Aus der ersten Crew, die nach den Flensburger Trockenübungen den Praxistest an Bord erlebt hat, sagen die meisten, es sei doch ganz nützlich gewesen, an Land auf dem „SagMuT“ herumklettern zu können. Nur eine Obergefreite meint: „Ach, das hätt’s eigentlich nicht gebraucht.“ In ihrer Schulzeit in Sachsen war sie allerdings Amateurjudoka.

          Doch die Ausbilder haben es meist nicht mit Judokas sondern mit der Computer- und Playstation-Generation zu tun. Sie merken das an der Fitness ihrer Schüler - und noch auf ganz andere Weise. Dank Satellitenortung per GPS kann jedermann auf bestimmten nautischen Websites verfolgen, wo sich das Schiff befindet, welchen Kurs es hat.

          Die Segeloffiziere der „Gorch Fock“ berichten, sie hätten schon öfters E-Mails von Eltern und Verwandten mancher Offiziersanwärter erhalten, die sich empört erkundigten, warum denn das Schiff zwei Tage vor einem Hafen auf Reede liege und ihre Kinder so lange vom verdienten Landgang abgehalten würden. Auch Kapitän Risch, der Kommandant, erhält öfters ungebetene Ratschläge, welchen Kurs er besser gesteuert hätte. „Die besten Kapitäne“, sagt Risch, „sitzen immer an Land.“

          „Hier muss ich keinen Stress künstlich generieren.“

          Am Ende der Übungskletterei an Land steht ein Test. Es ist nicht der einzige. Neben dem allgemeinen Fitness-Nachweis, der am Anfang jeder Bundeswehrlaufbahn verlangt wird, und neben besonderen medizinischen Tauglichkeitsbescheinigungen prüft die Marine jetzt bei ihren künftigen Offizieren noch eigens die Ausdauer und die körperliche Wendigkeit. Der Ausbildungsstabsoffizier sagt, die bessere Vorbereitung der Kadetten, „die hat viel Last von dem Schiff genommen“.

          Wer bei Lehrgangsbeginn im Sommer in den Körpertests ohne Mühe erfolgreich ist, darf schon im Oktober mit der ersten Crew auf die Reise gehen. Die anderen werden mit zusätzlichem Sport (bis zu 70 Sportstunden in den ersten Ausbildungsmonaten stehen künftig auf dem Flensburger Lehrplan) auf ein Ausdauerniveau gebracht, dass sie anschließend zur zweiten Riege stoßen können.

          Kapitän Risch drückt es diplomatisch aus: „Wir haben bei uns eben einen Querschnitt aus den jungen Menschen in der Gesellschaft.“ Er beteuert, die „ganze Marine“ habe daran gearbeitet, „dieses Schiff im Dienst zu halten“. Natürlich könne man den Offizierskadetten beides, die Naturgewalten auf See und die Zumutungen eines Lebens in enger Gemeinschaft, die Seemannschaft und Charakterbildung auch mit anderen, eigens dazu entworfenen Übungen vermitteln. „Aber auf einem Segelschiff passiert das ganz natürlich“, sagt der Kommandant, „hier muss ich keinen Stress künstlich generieren.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Dietmar Bartsch, Linken-Fraktionschef im Bundestag, steht Rede und Antwort beim ARD-Sommerinterview.

          TV-Kritik: „Sommerinterview“ : Erzählen Sie lieber was vom Pferd!

          In der ARD darf Dietmar Bartsch die Linke groß reden, im ZDF versucht Shakuntala Banerjee, die FDP kleiner zu halten, als sie ist. Besser wäre es, über das Format der Sommerinterviews neu nachzudenken: Oberflächliche Dampfplauderei ist entbehrlich.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.