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Die Gorch Fock : Das Schiff, das wir lieben

Wie sie sich mit den Füßen einkeilten in die Bänke unter Deck, weil sie sonst beim Unterricht oder beim Essen vom Sitz gerutscht wären. Wie man in eine Hängematte klettert, die in Kopfhöhe quer durch das Unterkunftsdeck gespannt ist. Wie man vermeidet, beim Aussteigen die Kameraden zu treten, die eine Etage tiefer, in Hüfthöhe, in ihren Matten liegen. Wie man zwei Stunden als „Posten Rettungsboje“ am Heck des Schiffes die Einsamkeit genießt. Wie man in den oben auf der Obermarsrah einen Sonnenaufgang erlebt und die Strahlen im Gesicht spürt, während das Deck unten noch im Schatten der Morgendämmerung liegt.

Jiva - Jager, Innenklüver, Vorstengestag, Außenklüver

Und die Schinderei, das Gebrüll der Korporale (der Ausbildungs-Unteroffiziere), die Kehrseite der Seefahrtsromantik? Am Anfang sei es hart gewesen, während der ersten Tage, sagt die zierliche Obergefreite Becker. Die Ausbildungscrew, die in London die „Gorch Fock“ verlässt, kam in Lissabon an Bord. Zwei Wochen lag das Schiff dort an der Pier, wie stets vor einem Ausbildungstörn, um den Kadetten in Trockenübungen das Entern auf die Rahen, das Segelsetzen und Bergen beizubringen. „Als wir langsam eingespielt waren, wurde der Ton viel entspannter“, sagt die Anwärterin Becker. Der Kommandant des Schiffes, Kapitän zur See Helge Risch, der selbst viel entspannter wirkt am Ende dieser Reise, kleidet das in die Regel: „Je leiser es ist an Deck, desto besser klappt’s.“

Von London nach Hamburg segelt die „Gorch Fock“ mit ihrer Stammbesatzung, mit den Berufs- und Zeitsoldaten, die einige und viele Jahre auf dem Schiff verbringen. Die Ausbildung geht auch jetzt noch weiter: Neue Mannschaften wurden in London eingeschifft, Wehrdienstleistende oder Zeitsoldaten, sie müssen dieselben Handgriffe und Begriffe lernen wie die Offiziersanwärter. Seit die Wehrpflicht abgeschafft ist, fehlt es dem Schulschiff, wie fast allen Schiffen der Marine, an Personal. Der Decksmeister, der den seemännischen Abschnitt an Bord führt, hat allein sechs von 15 Unteroffiziersstellen offen.

Oft haben die Maate und Obermaate einzeln junge Soldaten im Schlepptau und klappern mit ihnen die langen Reihen von Belegnägeln ab, die seitlich an den Bordwänden des Segelschiffes stecken. Jeder Nagel hält ein bestimmtes Tau oder Seil, eine Schot, eine Gording, ein Fall, mit dem sich wiederum ein bestimmtes Segel setzen, versetzen oder niederholen lässt. Alles in allem sind es 186 Nägel. Jedes Besatzungsmitglied muss sie kennen und auseinanderhalten können. Die Offiziersanwärter schreiben „Leistungsnachweise“ darüber. Für manche Nagelfolgen gibt es Eselsbrücken. Die Obergefreite Becker hat sich „jiva“ gemerkt, das steht für die Nägel der Bugsegel: „Jager, Innenklüver, Vorstengestag, Außenklüver“.

Das „Gorch Fock“- Lied wird wieder gesungen

Während der vielen Tage auf See rufen die Ausbilder immer wieder einen ihrer Schützlinge zu den Nagelbänken, den messingverstärkten Holzplanken, in denen die hölzernen oder stählernen Belegpflöcke stecken: „Wie nennt sich der?“ - „Royalaußengording“ - „Und der nächste?“ - „Großstengestagsegelfall“. Ein Nicken, wenn die Antwort richtig ist, ein Rüffel, wenn sie falsch war. „Du Eule“, sagt der Maat dann zum Gefreiten oder: „Mann, Mann, Mann, alles verlernt, was!?“

Wenn die Mannschaft auf der Nordsee Segelmanöver übt - Wende und Halse, Mann über Bord -, wird es laut an Bord. Dann greifen die beiden Segeloffiziere, die an Deck die Wachen für je einen Mast kommandieren, zum Megafon. Das treibt ihre Schallwellen auch bei heulendem Wind über Deck.

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