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FDP zurück im Parlament : Der Wunder-Lindner

Nun mag man kaum glauben, dass ein derart kluger Kopf wie Lindner das verkennen könnte. Wäre da nicht der dritte Strang des Buches. Dieser Strang heißt einfach: Ich. Lindner weiß das. Er weiß, dass er eitel ist, macht selbstironische Bemerkungen darüber. Er schreibt auch, dass es für einen Lebensbericht mit knapp 39 Jahren „wirklich zu früh“ ist. Aber warum tut er es dann? Und uns an? Auf den ersten Seiten des Buches liest man immer wieder ich und ich und ich, und man kommt gar nicht daran vorbei: Dieser Typ nimmt sich echt wichtig. Nun ist er zweifellos wichtig. Aber wenn er wichtig bleiben will, sollte er sich nicht zu wichtig nehmen. Sonst wird das nichts.

In seiner Kritik der eigenen Partei ist Lindner hocherfreulich gnadenlos. Er tut nicht nur so in seinem Buch, er war das die ganzen Jahre wirklich. Er legt auch sauber dar, wie er diese Einsicht zum Ausgangspunkt eines konstruktiven Erneuerungsprozesses gemacht hat; übrigens eine Form der Führung, von der auch andere Parteien lernen können. Sogar Betriebe wären gut beraten, sich das mal genauer anzugucken: wie Lindner das gemacht hat, welche Instrumente er dabei eingesetzt hat, wie er die anderen für sich gewinnen konnte. Das soll ihm erst mal einer nachmachen. Die Haltung, am Untergang der FDP seien nicht „die anderen“ schuld gewesen, die ist echt. „Wir haben uns selbst ruiniert.“ Das sagte er schon 2014.

Die Partei bin ich: Christian Lindner in Berlin

Zu seiner Analyse des Scheiterns gehört, dass es den freidemokratischen Spitzenpolitikern der vorletzten Wahlperiode allzu sehr darum gegangen sei, sympathisch rüberzukommen. Er hat das schon oft gesagt. Er hat auch damit recht. Ebenso mit der Analyse, dafür sei verantwortlich gewesen, dass die FDP kein klares Bild von sich selbst hatte. Aber geht das tief genug? Warum war es denn den Freien Demokraten damals so sehr darum zu tun, sympathisch zu sein? Eine Antwort ist doch auch: Sie wollten einfach nicht mehr unsympathisch sein. Es machte ihnen zu schaffen, dass kaum jemand sie noch leiden konnte. Das hätten sie gerne geändert. Man denkt da natürlich zuerst an den armen Guido Westerwelle. Was für ein Aufstieg. Was für ein Fall. Dann dieser frühe Tod. Was für ein Schicksal.

Westerwelle war ein so angenehmer, freimütiger Gesprächspartner in den neunziger Jahren! Er konnte austeilen, gewiss, er zeigte gerne seine scharfe Intelligenz, aber er war freundlich und offen, diskutierte leidenschaftlich über das, was ihn beschäftigte. Und wie veränderte er sich dann. Er sich und die Partei ihn und dann wieder er die Partei. Nein, die Krise der FDP begann nicht erst nach 2009, sondern viel früher. Sie war die vermutlich zerstrittenste Partei in Deutschland, die ihre internen Konflikte in einer besonders gehässigen Weise öffentlich austrug: Dieser Satz stammt wortwörtlich von Christian Lindner. Hier steht er nicht in Anführungszeichen. Er benennt den Grund dafür, dass die Freien Demokraten so unterhaltsam waren. Und für die Häme, mit der sie nach ihrer Katastrophe überschüttet wurden. Viele gönnten es ihnen.

Und das hat mit Eitelkeit zu tun. Alle Menschen sind eitel, aber sehr eitle Menschen sind nicht sympathisch. Weil sie zu viel an sich denken. Da ist es ganz logisch, dass die anderen sich abwenden. Und auch vernünftig. Denn Eitelkeit bringt zwar verbrauchte Energie sofort zurück, aber sie macht dumm und schädlich. Na gut. Lindner und seine Leute haben allerhand durchgemacht. Sie haben sich von ganz unten hochgekämpft. Lindner muss dabei viel gelernt haben. Man lernt ja die Menschen nicht nur von oben gut kennen, sondern auch von unten. Aber jetzt ist er weiter oben als je zuvor, er hat in seiner Partei mehr erreicht als jeder zuvor, und als Erstes hat er sich gleich – ein Denkmal gesetzt. Das hätte nicht sein müssen.

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