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Chemnitz nach Ausschreitungen : Nicht mehr dieselbe Stadt

Das Bier in der einen Hand, die andere zur Faust geballt oder mit Mittelfinger in Richtung Gegendemonstration: Noch am Montag versammelten sich wütende Bürger auf der Seite der rechten Proteste. Bild: EPA

Viele Chemnitzer verstehen ihre Stadt nicht mehr. Doch wer nach Lösungen fragt, wird ausgelacht – das sei Aufgabe der Politik, nicht der Bürger. Für heute sind weitere Demos angekündigt.

          Klaus Fabian hält sich da lieber raus, ist besser so. Sollen sie sich doch auf die Nase hauen, sagt er, die Linken und die Rechten, ihm doch egal. Die sollen mich in Ruhe lassen, verlangt Fabian, und man kann hinzufügen, das machen sie ja auch, denn die Innenstadt ist weit weg, und Klaus Fabian geht nicht in die Stadt, wenn er nicht muss, und da er nie muss, geht er auch nie hin. Ein Plattenbau im Südwesten von Chemnitz, die Fassade so grau wie der Himmel über der Stadt an diesem trüben Donnerstagvormittag. Allein der Eingang zum Gebäude sticht heraus, die Wände dort sind feuerrot gestrichen, ein Fremdkörper. Ganz anders Klaus Fabian, der sieht aus, als sei er Teil der Architektur, wie er da so sitzt auf seinem Balkon im Hochparterre, am Oberkörper bloß ein Unterhemd, die Arme auf das Geländer gelehnt, der Blick wach, aber doch minutenlang geradeaus gerichtet. Vier Jahrzehnte wohnt er jetzt hier, und dass die Welt gerade auf Chemnitz blickt, jene Stadt, die Fabian seine Heimat nennt und die früher einmal Karl-Marx-Stadt hieß, das findet er traurig. Ob er damit die Rechten meint oder die Linken, lässt der Rentner offen, er will sich auf keine Seite schlagen. Fabian sagt nur: Es ist schlimm.

          Kim Björn Becker

          Redakteur in der Politik.

          Gleich gegenüber beginnt das Gelände der Oberschule „Am Flughafen“, benannt nach einem alten Flugplatz in der Nähe, den es längst nicht mehr gibt. Dafür hat die Schule jetzt ein griffiges Motto, Startbahn in die Zukunft, das klingt nach weiter Welt, gar nicht so sehr nach Chemnitz-Kappel, wie der Plattenbaubezirk mit seinen rund zehntausend Einwohnern heißt. Klaus Fabian kann von seinem Balkon auf den Schulhof schauen, und so wurde er, der sich lieber raushält, unfreiwillig Zeuge, wie an diesem Tag die Weltpresse auf Chemnitz blickte, mit ihren Satellitenwagen und Fernsehkameras, mit ihren Notizblöcken und den bunten Mikrofonen. Denn auf der anderen Seite des Schulhofs ist kurz zuvor Michael Kretschmer vorgefahren, der Ministerpräsident Sachsens.

          Profitiert die AfD?

          Die Termine in Chemnitz waren lange geplant, diese Aufmerksamkeit war es nicht. Der Ministerpräsident am Abend im Gespräch mit einfachen Bürgern, vorher Land und Leute, so hat es Kretschmer in den vergangenen Monaten fast ein Dutzend Mal gemacht, überall im Freistaat. In genau einem Jahr wählen die Sachsen einen neuen Landtag, bisher machte der CDU-Politiker seine Sache gut. Vor den Ausschreitungen in Chemnitz zeigten sich fast zwei Drittel der Befragten mit seiner Arbeit zufrieden, und wenn die Sachsen ihren Ministerpräsidenten direkt wählen könnten, keiner hätte eine Chance gegen Kretschmer. In den Umfragen liegt seine Partei bei 30 Prozent, die Rechtspopulisten von der AfD kommen auf 25 Prozent, die Linkspartei auf 18, die mitregierende SPD auf elf Prozent. Wie die Stimmung jetzt ist, weiß niemand genau, es gibt noch keine neuen Umfragen. Aber da die Themen Zuwanderung und Kriminalität in der Vergangenheit fast immer den Rechtspopulisten geholfen haben, befürchten nun viele, dass die Ereignisse vom vergangenen Wochenende der AfD in die Hände spielen.

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