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Chemnitz nach Ausschreitungen : Nicht mehr dieselbe Stadt

Nach der Oberbürgermeisterin sind die Fraktionen an der Reihe, jeweils drei Minuten Redezeit, fast jeder überzieht. Detlef Müller von der SPD erinnert daran, dass im Internet vor allem Stimmung erzeugt werde, das sei oft „kein Austausch von Fakten“ mehr. Tino Fritzsche, der die Fraktionsgemeinschaft aus CDU und FDP anführt, will die Ausschreitungen als „Momentaufnahme“ verstanden wissen, man müsse zurückkehren zum Projekt einer lebenswerten Stadt. Chemnitz, das muss man dazusagen, wollte sich um den Titel „Kulturhauptstadt 2025“ bewerben, nun wird in der Stadt diskutiert, ob sie überhaupt noch eine Chance hat. Ein Bürger sagt, die Szenen der Neonazis hätten binnen Stunden alles ruiniert, woran viele Chemnitzer seit Monaten arbeiteten. Andere sagen, man müsse die Bewerbung aufrechterhalten, jetzt erst recht, alles andere wäre ein Zeichen der Kapitulation der Kultur vor dem Hass. Danach spricht Susanne Schaper für die Linkspartei. Ein gewaltbereiter Mob mache „Jagd auf alles Fremde“, die Ereignisse hätten sie „völlig überrollt und erschüttert“.

Noch immer werden Kundgebungen abgehalten

Man könnte meinen, der gesamte Stadtrat steht hinter der Oberbürgermeisterin, doch dann tritt Thomas Sänger für die AfD ans Mikrofon. Schlagartig ändert sich die Tonlage. Er habe von Ludwig eine Solidaritätsbekundung mit den Bürgern erwartet, stattdessen nehme sie die Chemnitzer in „Sippenhaft“. Viele würden pauschal kriminalisiert, und überhaupt sei das Krisenmanagement eine Katastrophe. Doch das war noch nichts im Vergleich zu dem, was dann Martin Kohlmann, der für „Pro Chemnitz“ im Stadtrat sitzt, zu sagen hat. Der Rechtsanwalt fährt schwere Geschütze auf, er spricht von einer „bestialischen Ermordung“, obgleich die Staatsanwaltschaft von Totschlag ausgeht, er sagt, es habe schon mehrere ähnliche Verbrechen gegeben, und „immer war es die gleiche Tätergruppe“. Der Oberbürgermeisterin falle ihre Trauer sehr spät ein, sie rede ohnehin „ausschließlich Unsinn zu diesem Thema“. Und überhaupt sei Daniel H. ein Opfer von Ludwigs Politik, denn sie habe „diese Gäste willkommen geheißen“. Die Bürger müssten deshalb zum „Selbstschutz“ greifen, sagt Kohlmann.

Man werde dafür sorgen, sagt Michael Kretschmer den Journalisten, als er die Schule verlässt, dass diejenigen, die mit einem Hitlergruß durch die Stadt gelaufen sind, verurteilt werden. Und er wolle sicherstellen, dass die Stadt jetzt „nicht unter Generalverdacht“ gestellt werde. „Hier leben anständige Menschen.“ Die große Bewährungsprobe für Kretschmer folgt dann am Donnerstagabend. Kretschmer hat die Bürger in eine Halle im Fußballstadion eingeladen, Bürgerdialog, jeder soll kommen und seine Meinung sagen. Es stehen mehr als 500 Stühle bereit.

Nur wenige hundert Meter entfernt, dank der großen Fenster in Sichtweite, hat die Polizei die Straße abgeriegelt. „Pro Chemnitz“ hat abermals zu einer Kundgebung aufgerufen, etwa 900 Menschen machen ihrem Ärger lauthals, aber friedlich Luft. Sie schimpfen über die kriminellen Ausländer, die untätigen Politiker, die lügenden Journalisten. Unter den Augen der Weltpresse redet sich Chemnitz in Rage. Wenn ein Journalist sich nach Lösungsvorschlägen erkundigt, folgt meist höhnisches Gelächter. Wie man nur so dumm sein könne, das auch noch zu fragen, das sei doch nicht zu glauben. Für Lösungen, heißt es dann, sei ohnehin die Politik verantwortlich, nicht der Bürger.

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