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Chemnitz nach Ausschreitungen : Nicht mehr dieselbe Stadt

Doch es gibt auch etwas anderes, eine unausgesprochene Wahrheit, die Kretschmer den jungen Menschen an diesem Tag nicht sagt und auch schlecht sagen kann: dass trotz aller Bemühungen jenseits des Schulhofs manchmal andere Gesetze gelten, nicht im juristischen Sinn, aber doch ganz praktisch. Und dass seit den Bildern vom Montag auch alle wissen, dass Chemnitz ein Problem damit hat, seine Gefühle in geordnete Bahnen zu lenken. Beschimpfungen, Gewalt, kein Zuhören und kein Ausreden, das gab es bisher in anderen Teilen Sachsens, in Freital und in Meißen, nun steht auch Chemnitz in dieser Tradition. Es mag ja sein, dass viele Rechtsextreme aus anderen Teilen Sachsens und Deutschlands in die Stadt gekommen sind, weil sie sich hier einen großen Auftritt versprochen haben, und, was sie hoffentlich nicht wissen konnten, aufgrund des zurückhaltenden Polizeieinsatzes auch nicht enttäuscht wurden. Doch es ist auch Teil der Wahrheit, dass einige Bürger aus der Stadt einen Anteil daran hatten, dass die Lage am Montagabend eskaliert ist. Die Werte, die die Schüler der Oberschule „Am Flugplatz“ lernen sollen, sie scheinen seit dem vergangenen Wochenende nicht mehr viel zu zählen.

Unzufriedenheit treibt die Chemnitzer Bürger auf die Straße

Wenn die Geschichte dieser Tage davon handelt, dass in Chemnitz mit einem Mal das Recht des Stärkeren galt, dann kann Susanne Schaper ein langes Kapitel dazu beisteuern. Sie sitzt seit bald zehn Jahren für die Linkspartei im Chemnitzer Stadtrat, seit der Landtagswahl 2014 hat sie überdies ein Mandat in der Landeshauptstadt Dresden. Schapers Büro befindet sich in einem gelben Zweckbau nur wenige Straßenzüge vom Rathaus entfernt. Sie hat ein Faible für Karl Marx, der in Trier geborene Philosoph hängt als Zeichnung an der Wand, steht als Skulptur auf dem Regal, Schaper besitzt selbst eine Kerze mit Marx-Porträt darauf, natürlich hat sie den Docht noch niemals angezündet. Bis vor knapp zwei Jahren hatte sie ein Büro im Problemviertel Sonnenberg, doch als mutmaßlich Rechtsextreme in anderthalb Jahren ganze 22 Angriffe auf das Gebäude begangen haben, wurde es dem Vermieter zu bunt, und er schickte Schaper eine Kündigung.

Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) besucht mit Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD) am 30. August die Oberschule „Am Flughafen“ in Chemnitz. Sie wollen den Schülern zeigen: wir sehen die Probleme.
Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) besucht mit Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD) am 30. August die Oberschule „Am Flughafen“ in Chemnitz. Sie wollen den Schülern zeigen: wir sehen die Probleme. : Bild: Jana Mai

Die 40 Jahre alte Politikerin, gelernte Krankenschwester, hat die Presseberichte von den Übergriffen in einer Mappe gesammelt, ihr Umfang ist bemerkenswert. Da gab es Farbanschläge, eingeschlagene Fenster, immer wieder Schmierereien, Hakenkreuze zum Beispiel und die Parole „Zecken weg“. Eines Tages fand sie tote Ratten auf dem Absatz, ein anderes Mal Exkremente. „Es ist wirklich übel, wenn man jeden Tag mit etwas anderem rechnet“, sagt Schaper. Sie hat jeden Übergriff angezeigt, kein einziges Mal habe die Polizei einen Täter ermitteln können, alle Verfahren wurden eingestellt. Und mehr noch, es sei gar nicht so leicht gewesen, in der Stadt ein neues Büro zu finden. So etwas spricht sich schnell herum, keiner wollte sie als Mieterin haben. Schaper spricht aus Erfahrung, wenn sie sagt: „Es gibt in Chemnitz eine rechte Szene.“ Zwar seien nicht alle Rechtsextremisten, die zu Wochenbeginn aufmarschiert seien, aus der Stadt selbst. Doch die Behauptung der gemäßigten Rechten, die Angreifer und Hitlergrußzeiger seien allesamt von außerhalb gekommen, glaubt sie nicht. „Es schlummert eine große Unzufriedenheit in den Bürgern.“ Die Glaubwürdigkeit wiederherzustellen sei für Abgeordnete eine „Mammutaufgabe“.

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