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Chemnitz nach Ausschreitungen : Nicht mehr dieselbe Stadt

Noch in der vergangenen Woche konnte niemand ahnen, dass Chemnitz nicht mehr dieselbe Stadt sein würde, wenn der Ministerpräsident am Donnerstagvormittag aus seinem Dienstwagen steigt. Der tödliche Messerangriff auf den 35 Jahre alten Daniel H. in der Nacht zum Sonntag hat die Stadt in Aufruhr versetzt, doch erst die darauffolgenden Demonstrationen haben sie verändert. Seitdem bekanntwurde, dass zwei Asylbewerber der Attacke verdächtigt werden, hat Chemnitz ausländerfeindliche Ausschreitungen von bisher ungekanntem Ausmaß erlebt. Am Sonntag gingen die Menschen hier zum ersten Mal auf die Straße, am Montag abermals, es kam dabei zu offenen Angriffen auf Ausländer, obgleich sich die frühe Darstellung einer „Hetzjagd“ als Übertreibung herausstellte. Besser macht es das nicht.

Klaus Fabien wohnt seit über 40 Jahren im Wohnhaus, gegenüber der Oberschule „Am Flughafen“, im Stadtteil Kappel in Chemnitz. Politisch hält er sich raus – die Situation findet er aber schlimm.

Und da solche Bilder heutzutage rasch um die Welt gehen, verbinden nun wohl etliche Menschen mit Chemnitz vor allem eines: dass es eine Stadt ist, in der man gerne mal den Hitlergruß zeigt. Das stimmt zwar auch nicht, weil es Einzelfälle waren, aber die Bilder sind nun einmal da, keine Chance, sie zu löschen, nicht aus dem Internet und nicht aus den Köpfen der Menschen. Die Szenen, ob nun unmittelbar beobachtet oder über das Netz, haben aber auch bewirkt, dass die Stadt selbst den Chemnitzern fremd geworden ist. Das war kein Auseinanderleben, keine langsame Entfremdung wie am Ende einer langen Beziehung, es war eine Trennung aus heiterem Himmel, eine, die man bestenfalls mit etwas Abstand versteht – nur dass niemand hier jetzt schon Distanz hat zu dem, was gerade erst passiert ist. Wie auch.

Die Bilder zeigen: Chemnitz hat ein Problem

Wenige Minuten nach der Ankunft sitzt Kretschmer vor den Schülern in Klassenraum 18, zweiter Stock. Eigentlich hätten die Klassen 5a und 5b jetzt hier gemeinsam Englisch, so steht es auf dem Plan draußen an der Wand, doch der Unterricht findet andernorts statt, der Raum wurde benötigt, um den Ministerpräsidenten zu empfangen. Schüler mehrerer Klassenstufen sitzen an den Tischen, in zweiter Reihe die Fotografen und Reporter. Es hat einen Grund, warum Kretschmers Leute diese Schule ausgesucht haben, sie hat unlängst einen Demokratiepreis gewonnen für ein ungewöhnliches Projekt, „Schulcharta“ genannt. Wer sich eines Vergehens schuldig macht, zum Beispiel das Mobiltelefon im Unterricht benutzt, muss sich dafür vor einem Gremium verantworten, das aus Schülern besteht. Sie beraten jeden Mittwoch darüber, wie die Delinquenten der zurückliegenden Woche ihre Vergehen wiedergutmachen können, zum Beispiel durch das Abwischen der Schiefertafel für einen Monat, und sie überwachen, dass die Sanktionen auch wirken.

Um zu verdeutlichen, nach welchen Werten das System funktioniert, haben die Schüler in Raum 18 ein Seil gespannt, gleich über der Tafel, daran hängen laminierte Schilder in Form von grünen Wolken: „Wir beschimpfen uns nicht“, „Wir wenden keine Gewalt an“, „Wir hören uns zu“, „Wir lassen uns ausreden“. Das sind zweifellos gute Werte, damit kann man etwas anfangen, das erkennt auch der Ministerpräsident, er sagt: „Die Regeln werden gelebt, sie werden wachgehalten, das ist schön.“

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