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Islamismus : Die Dschihadisten aus der Provinz

Das Islamische Informationszentrum wurde von der Polizei durchsucht Bild: REUTERS

Die Spur vieler aktenkundiger Islamisten führt ins baden-württembergische Ulm. Hier steht das Islamische Informationszentrum, das vielen Extremisten die Möglichkeit zum Rückzug bietet. Auch die verhafteten Terrorverdächtigen haben Kontakte in die Ulmer Islamistenszene.

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          Fast immer, wenn in Deutschland ein gefährlicher Islamist festgenommen wird, führen die Spuren in die baden-württembergische Stadt Ulm an der Donau. In der Zeitblomstraße, einem ruhigen Wohnviertel, wenige Gehminuten vom Ulmer Münster entfernt, liegt die Geschäftsstelle des „Islamischen Informationszentrums“ (IIZ). Der IIZ-Sitz ist unscheinbar, er erinnert eher an eine Zweigstelle der Kreisvolkshochschule. Zwar prangt auf einem Aufkleber an der Eingangstür der Slogan „Islam ist Frieden“, doch das IIZ gilt als Anlaufstelle für radikale Islamisten aus ganz Deutschland.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Der Mitte August verhaftete Tolga D. stammte ebenso aus der Ulmer Islamistenszene wie auch Fritz G., der am Dienstag festgenommene 28 Jahre alte Rädelsführer der mutmaßlichen Terroristen. Ihm wird vorgeworfen, mehrere Terroranschläge in Deutschland geplant zu haben. Tolga D. und Fritz G. haben nach Erkenntnissen von Polizei und Verfassungsschutz mit großer Sicherheit Kontakt zum IIZ und den dort tätigen Personen gehabt.

          „Einige auffällige Kernpersonen“

          Am Mittwoch durchsuchten Polizisten die Räume in der Zeitblomstraße. Dabei handelt es sich um ein weiteres Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Stuttgart wegen des „Verdachts staatsschutzrelevanter Straftaten“. Bislang hatte das belastende Material, um vor dem Verwaltungsgericht eine Schließung des IIZ durchzusetzen nicht ausgereicht, die Durchsuchung könnte nun helfen Verdachtsmomente zu erhärten, so dass das Zentrum geschlossen werden kann. Der baden-württembergische Innenminister Rech (CDU) sagte nun, sollte sich Beweislage verdichten, werde es ein Verbot geben.

          Im Dezember 2005 hatte der bayerische Innenminister Beckstein (CSU) das Multikulturhaus geschlossen, seitdem verlagerten sich die Aktivitäten einzelner Islamisten in das IIZ in Ulm. Eine feste Struktur der Islamistenszene bildete sich aber nicht wieder heraus, viele Aktivitäten verlagerten sich in Privaträume. Schon vor dem 11. September 2001 waren dem Verfassungsschutz „einige auffällige Kernpersonen“ aus der islamistischen Szene aufgefallen. Hinweise, dass sich die Szene nach der Schließung des MKH nicht völlig aufgelöst und in andere baden-württembergische Städte verlagert hatte, bekamen die Ermittler immer wieder – zuletzt am Silvestertag 2006, als Fritz G. eine Kaserne der amerikanischen Streitkräfte im hessischen Hanau ausspähte.

          Extremisten locken Konvertiten

          „In Ulm ist die Saat des Islamismus aufgegangen, wie stark ein Mann wie Fritz G. fanatisiert ist, lässt sich schon allein daran erkennen, dass er ja kurzfristig schon einmal festgenommen worden ist“, sagte einer der ermittelnden Polizisten. Tolga D., dem die Münchner Staatsanwaltschaft vorwirft, einen Deutschen für den Dschihad und für einen ausländischen Wehrdienst angeworben zu haben, und Fritz G. kannten sich gut: Tolga D. war nämlich Auszubildender im Betrieb von Fritz G.s Eltern, einem kleinen Unternehmen in Neu-Ulm, das mit Solarenergieanlagen und Wärmepumpen handelt.

          Fritz G. konvertierte vermutlich im Alter von 15 Jahren zum Islam und stand eine gewisse Zeit sicher unter dem Einfluss von Tolga D. Der Polizei, dem Verfassungsschutz und den Nachbarn des IIZ fällt seit Monaten auf, dass in das Zentrum immer häufiger Deutsche kommen, die zum Islam konvertiert sind. „Auffällig ist in der Tat die große Zahl von Konvertiten oder Re-Islamisierten, die zuvor oftmals ein Leben geführt haben, das mit den Grundsätzen im Islam nicht zu vereinbaren war“, heißt es bei den Sicherheitsbehörden. Staatsschützer registrieren mit Sorge, dass Konvertiten inzwischen gezielt von islamistischen Extremisten gelockt werden. Sie sind einerseits unauffällig und kennen sich andererseits jedoch gut mit den kulturellen Gegebenheiten in stark islamisch geprägten Ländern aus.

          „Es ist ja in sie investiert worden“

          Im Ulmer IIZ saßen und sitzen auch die Herausgeber der Flugschrift „Denk mal islamisch“, die mittlerweile nur noch im Internet erscheint und die sich an potentielle Konvertiten richtet. Fritz G. und der ebenfalls am Dienstag verhaftete Adem Y. haben im Jahr 2006 ein Ausbildungslager für islamistische Terroristen in Pakistan besucht. Vermutlich hatten sie auch enge Verbindungen zur „Islamic Jihad Union“ (IJU). Diese Organisation bewegt sich im Fahrwasser der Al Qaida und ist in Usbekistan entstanden.

          2004 wurde die IJU erstmals aktenkundig, denn sie war für zahlreiche Selbstmordanschläge in Usbekistan mit insgesamt mehr als 40 Toten verantwortlich. Danach widmete sich die Terrororganisation der Ausbildung von Terroristen aus Europa – in Pakistan ließ sie Muslime, Re-Islamisierte und Konvertiten wie Fritz G. schulen. „Wer ausbildet, will auch Erfolge sehen, sie werden deshalb per Mail in Chiffren aufgefordert, Taten nachzuweisen. „Es ist ja in sie investiert worden“, sagt ein Staatsschützer. Und eine Tat im Sinne der Dschihadisten ist in diesem Fall nichts anderes als ein blutiger Terroranschlag.

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