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Doppelspitzen : Nein danke, nein danke

Zwei Realpolitiker, die der Doppelspitze neuen Glanz verleihen: Robert Habeck und Annalena Baerbock von den Grünen. Bild: dpa

Der Begriff „Doppelspitze“ kommt eigentlich aus dem Fußball und wurde irgendwann auf die Politik übertragen. Dort ist er gerade wieder sehr in Mode.

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          Der Begriff der Doppelspitze kommt aus dem Fußball. Gemeint sind zwei Spieler einer Mannschaft, die auf derselben Position stehen, besonders gern als Mittelstürmer. Der Begriff wurde irgendwann auf die Politik übertragen. Dort ist er populär geworden. Im Moment steht er sogar besonders hoch im Kurs, bei den Grünen und Linken sowieso, neuerdings auch bei der SPD. Allerdings: Erfolgreich waren Doppelspitzen nie. Sie sind vielmehr ein nicht eingelöstes Versprechen.

          Frank Pergande
          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Die erste Doppelspitze in der Politik gab es im alten Rom. Da hieß sie Duumvirat. Die Römische Republik wählte jedes Jahr zwei Konsuln, denen die Leitung der Staatsgeschäfte oblag. Sie konnten in den Folgejahren auch wiedergewählt werden, was schon damals als Versuch galt, ein Chaos durch ständigen Wechsel in der Führung zu vermeiden. Die Konsuln traten ihr Amt am 1. Januar an, der seither als Jahresanfang galt. Auch wurden die jeweiligen Jahre nach ihnen benannt.

          In Krisenzeiten konnte einer der Konsuln auch zum Diktator werden, oder beide konnten wenigstens einen Diktator ernennen, um die längst erkannten Abstimmungs- und Entscheidungsprobleme in einer Doppelspitze nicht zu einer Gefahr für die Republik werden zu lassen. Immer mehr in Frage gestellt wurde das an sich ausgefeilte System des Duumvirats zudem durch die Heerführer, die nach erfolgreichen Schlachten bei ihrer Rückkehr nach Rom Machtansprüche stellten, nicht nur, indem sie sich selbst zu Konsuln wählen ließen.

          Versuch der Alleinherrschaft

          Nach dem Beispiel der Konsuln gab es überall im Römischen Reich Doppelspitzen. Zwei Personen bildeten die Stadtregierung. Das Duumvirat galt auch bei den Beamten, die für ein Sachgebiet zuständig waren, sei es die Reinigung der Straßen, die Wasserversorgung oder sei es der Bau und die Einrichtung eines Tempels. Es ging um kollektive Führung, Arbeitsteilung, aber auch darum, sich gegenseitig zu ersetzen und zu kontrollieren. In späterer Zeit diente die Doppelspitze auch dazu, gleichsam die Flügel einzubinden.

          Ein Konsul stammte aus der Aristokratie, der andere aus den Reihen der Plebejer, nachdem diese sich ihre Gleichberechtigung erkämpft hatten. Cäsar, der als Konsul schon so etwas wie eine Alleinherrschaft ausprobierte, weil er sie für notwendig hielt, wurde ermordet, um die Republik wiederherzustellen. Aber je größer Rom wurde, je mehr Gebiete dem Reich unterstanden und verteidigt werden mussten, je größer die Probleme wurden, das Reich zusammenzuhalten, desto lauter wurde der Ruf nach Führung aus einer Hand. So wurde Rom zum Kaiserreich, der Titel Konsul blieb zwar erhalten, war aber nur noch Ehrenamt. Das Duumvirat endete.

          Proporz über allem

          Alles Für und Wider einer Doppelspitze findet sich also schon bei den alten Römern. Nur ein Aspekt nicht: Mann und Frau als Zeichen der Gleichberechtigung. Duumvirat heißt Zwei-Männer-Herrschaft. Wie berechtigt das Modell im alten Rom auch immer gewesen sein mag, spätere Zeiten vergaßen es. Führung aus einer Hand war das Selbstverständliche, ob nun durch König, Herzog, Kaiser, Kanzler oder SED-Generalsekretär. Vermutlich würde sich heute niemand mehr an die Idee einer Doppelspitze erinnern, wären nicht die Grünen auf der politischen Bühne erschienen. Bei ihnen stand am Anfang das Misstrauen gegen Führung ganz allgemein, weshalb Führungsämter mehrfach besetzt wurden. Außerdem eignete sich die Doppelspitze dazu, die Flügelkämpfe in der Partei zwischen „Realos“ und „Fundis“ zu spiegeln.

          Hinzu kam die Geschlechtergerechtigkeit, die bis heute so ausgelegt wird, dass Mann und Frau gemeinsam führen, es aber auch zwei Frauen sein können, nicht aber zwei Männer. Nach 1990 konnte es nicht ausbleiben, dass noch eine Quotierung Ost und West hinzukam. Am Ende stand der Proporz über allem. Wie so etwas ausgeht, haben die Grünen Ende der neunziger Jahre gezeigt. Gunda Röstel und Antje Radcke führten die Partei. Röstel, Realpolitikerin aus dem Osten, und Radcke, Fundi aus Hamburg, galten der Partei als Witzfiguren.

          Das lag besonders daran, dass die Partei einen eigentlichen Führer hatte, der für kein Parteiamt zur Wahl stand: Joschka Fischer. Und der befand, eine Doppelspitze sei „kein gutes Instrument“. Wäre es nach ihm gegangen, wären Röstel und Radcke die letzte grüne Doppelspitze gewesen. Es kam anders, bis heute wird doppelt besetzt, sowohl in der Partei als auch in der Bundestagsfraktion. Wie recht Fischer allerdings hatte, zeigte sich immer wieder. Zuletzt als die Parteivorsitzenden Simone Peter und Cem Özdemir hießen. Viele Anekdoten sind darüber im Umlauf, wie herablassend Özdemir seine Kollegin behandelte. Streng getrennt waren die Büros, selten die Gespräche miteinander, dafür umso häufiger jene übereinander. Als Peter einmal eine Rede hielt und um ein bisschen Ruhe bat, war es Özdemir, der im Publikum besonders laut weiterredete. Auch er gehörte zu den Kritikern des Modells Doppelspitze – genau wie Winfried Kretschmann, der Ministerpräsident von Baden-Württemberg. Die Doppelspitze bei den Grünen war schließlich nichts weiter als eine Formalie geworden. Sie wurde erst wieder interessant, als Annalena Baerbock und Robert Habeck gewählt wurden, die das Formale schon deshalb durchbrachen, weil beide zu den Realpolitikern zählen. Seitdem gilt das Doppel wieder als schick.

          In der Wirtschaft Top-Sharing

          Dabei sind die beiden die Ausnahme von der Regel. Bei den Linken ist über die alte Doppelspitze in der Bundestagsfraktion schon alles gesagt, wenn man nur ihren Spitznamen nennt: Wagenknartsch. In der Wirtschaft, wo die Doppelspitze Top-Sharing heißt, waren Anshu Jain und Jürgen Fitschen als Retter an die Spitze der Deutschen Bank gerückt. Heute gilt das als traurige Episode. Auch die Versuche beim SAP-Konzern, das Erfolgsmodell Hasso Plattner und Henning Kagermann weiterzuführen, scheiterte schon bei den Nachfolgern Bill McDermott und Jim Hagemann.

          Das alles hat die SPD nicht abgehalten, in ihrer großen Not die Doppelspitze neu zu entdecken. Immerhin hat es die Partei geschafft, bei ihrer Suche nach einem neuen Vorsitzenden sogar ein neues Kapitel aufzuschlagen. Damit es nicht zu den üblichen Machtkämpfen und Blockaden zwischen beiden Spitzen kommt, soll sich gleich ein Paar für den Parteivorsitz bewerben. Die offizielle Begründung lautet: Es geht nicht um Proporz und Geschlechtergerechtigkeit, schon gar nicht um Flügelkämpfe, vielmehr müsse unter den heutigen Bedingungen die Last auf zwei Schultern verteilt werden, weil sonst die Arbeit nicht zu schaffen sei. Die einzige feste Vorgabe bei der SPD-Castingshow war jedenfalls, ein Mann und eine Frau sollten gemeinsam antreten. Das wiederum hat die Grünen inspiriert. Cem Özdemir wollte Fraktionsvorsitzender werden, indem er gemeinsam mit Kirsten Kappert-Gonther als Team antrat. Der Umstand wurde in der Fraktion bewitzelt: Ausgerechnet Özdemir, der sich bislang vor allem als Alphatier hervorgetan hat, macht nun auf Team. Geholfen haben seine Bemühungen nicht, er verlor am Dienstag die Abstimmung gegen die – nicht als Paar angetretenen – bisherigen Vorsitzenden Katrin Göring-Eckardt und Anton Hofreiter.

          Was lässt sich daraus für eine Doppelspitze lernen? Die ernüchternde Antwort lautet: nichts. Das Duumvirat oder Top-Sharing kann funktionieren, muss aber nicht. Solange keine echten, existentiellen Krisen zu bewältigen sind, mag es problemlos laufen. Aber es ist für nichts eine Voraussetzung oder Bedingung. Wer wie die Grünen oder die Linkspartei auf eine Doppelspitze Wert legt, findet dafür eine Begründung. Wer sie für Unsinn hält, auch.

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