https://www.faz.net/-gpf-9ro5i

Doppelspitzen : Nein danke, nein danke

Zwei Realpolitiker, die der Doppelspitze neuen Glanz verleihen: Robert Habeck und Annalena Baerbock von den Grünen. Bild: dpa

Der Begriff „Doppelspitze“ kommt eigentlich aus dem Fußball und wurde irgendwann auf die Politik übertragen. Dort ist er gerade wieder sehr in Mode.

          4 Min.

          Der Begriff der Doppelspitze kommt aus dem Fußball. Gemeint sind zwei Spieler einer Mannschaft, die auf derselben Position stehen, besonders gern als Mittelstürmer. Der Begriff wurde irgendwann auf die Politik übertragen. Dort ist er populär geworden. Im Moment steht er sogar besonders hoch im Kurs, bei den Grünen und Linken sowieso, neuerdings auch bei der SPD. Allerdings: Erfolgreich waren Doppelspitzen nie. Sie sind vielmehr ein nicht eingelöstes Versprechen.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Die erste Doppelspitze in der Politik gab es im alten Rom. Da hieß sie Duumvirat. Die Römische Republik wählte jedes Jahr zwei Konsuln, denen die Leitung der Staatsgeschäfte oblag. Sie konnten in den Folgejahren auch wiedergewählt werden, was schon damals als Versuch galt, ein Chaos durch ständigen Wechsel in der Führung zu vermeiden. Die Konsuln traten ihr Amt am 1. Januar an, der seither als Jahresanfang galt. Auch wurden die jeweiligen Jahre nach ihnen benannt.

          In Krisenzeiten konnte einer der Konsuln auch zum Diktator werden, oder beide konnten wenigstens einen Diktator ernennen, um die längst erkannten Abstimmungs- und Entscheidungsprobleme in einer Doppelspitze nicht zu einer Gefahr für die Republik werden zu lassen. Immer mehr in Frage gestellt wurde das an sich ausgefeilte System des Duumvirats zudem durch die Heerführer, die nach erfolgreichen Schlachten bei ihrer Rückkehr nach Rom Machtansprüche stellten, nicht nur, indem sie sich selbst zu Konsuln wählen ließen.

          Versuch der Alleinherrschaft

          Nach dem Beispiel der Konsuln gab es überall im Römischen Reich Doppelspitzen. Zwei Personen bildeten die Stadtregierung. Das Duumvirat galt auch bei den Beamten, die für ein Sachgebiet zuständig waren, sei es die Reinigung der Straßen, die Wasserversorgung oder sei es der Bau und die Einrichtung eines Tempels. Es ging um kollektive Führung, Arbeitsteilung, aber auch darum, sich gegenseitig zu ersetzen und zu kontrollieren. In späterer Zeit diente die Doppelspitze auch dazu, gleichsam die Flügel einzubinden.

          Ein Konsul stammte aus der Aristokratie, der andere aus den Reihen der Plebejer, nachdem diese sich ihre Gleichberechtigung erkämpft hatten. Cäsar, der als Konsul schon so etwas wie eine Alleinherrschaft ausprobierte, weil er sie für notwendig hielt, wurde ermordet, um die Republik wiederherzustellen. Aber je größer Rom wurde, je mehr Gebiete dem Reich unterstanden und verteidigt werden mussten, je größer die Probleme wurden, das Reich zusammenzuhalten, desto lauter wurde der Ruf nach Führung aus einer Hand. So wurde Rom zum Kaiserreich, der Titel Konsul blieb zwar erhalten, war aber nur noch Ehrenamt. Das Duumvirat endete.

          Proporz über allem

          Alles Für und Wider einer Doppelspitze findet sich also schon bei den alten Römern. Nur ein Aspekt nicht: Mann und Frau als Zeichen der Gleichberechtigung. Duumvirat heißt Zwei-Männer-Herrschaft. Wie berechtigt das Modell im alten Rom auch immer gewesen sein mag, spätere Zeiten vergaßen es. Führung aus einer Hand war das Selbstverständliche, ob nun durch König, Herzog, Kaiser, Kanzler oder SED-Generalsekretär. Vermutlich würde sich heute niemand mehr an die Idee einer Doppelspitze erinnern, wären nicht die Grünen auf der politischen Bühne erschienen. Bei ihnen stand am Anfang das Misstrauen gegen Führung ganz allgemein, weshalb Führungsämter mehrfach besetzt wurden. Außerdem eignete sich die Doppelspitze dazu, die Flügelkämpfe in der Partei zwischen „Realos“ und „Fundis“ zu spiegeln.

          Hinzu kam die Geschlechtergerechtigkeit, die bis heute so ausgelegt wird, dass Mann und Frau gemeinsam führen, es aber auch zwei Frauen sein können, nicht aber zwei Männer. Nach 1990 konnte es nicht ausbleiben, dass noch eine Quotierung Ost und West hinzukam. Am Ende stand der Proporz über allem. Wie so etwas ausgeht, haben die Grünen Ende der neunziger Jahre gezeigt. Gunda Röstel und Antje Radcke führten die Partei. Röstel, Realpolitikerin aus dem Osten, und Radcke, Fundi aus Hamburg, galten der Partei als Witzfiguren.

          Weitere Themen

          Ein kuscheliger Parteitag Video-Seite öffnen

          Grüne in Bielefeld : Ein kuscheliger Parteitag

          Vom 15.-17. November findet in Ostwestfalen der Bundesparteitag der Grünen statt. Wie wird es für die Partei, nach zwei erfolgreichen Jahren unter der Doppelspitze Baerbock und Habeck, nun auch mit Blick auf die nächsten Bundestagswahlen weitergehen? F.A.Z.-Politikredakteurin Helene Bubrowski war vor Ort und gibt Ihnen die wichtigsten Antworten aus Bielefeld.

          Topmeldungen

          Lega-Chef Matteo Salvini hat bei seinem Besuch in Venedig eindringlich dafür geworben, die Hochwasserschutzmaßnahmen zu verbessern.

          Jahrhundertflut in Venedig : Tage des Alarms

          Immer wieder gibt es in Venedig heftige Überschwemmungen. Doch der italienischen Politik ist es bisher nicht gelungen, wirksame Vorkehrungen gegen Hochwasser zu treffen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.