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Die Deutschen und der Dackel : Der Hund des kleinen Mannes

Justus entstammt einer Berliner Zucht und kann einen Stammbaum vorweisen Bild: Müller, Andreas

Dem Dackel haftet die Aura der Wirtschaftswunderjahre an, in denen er dem kleinen Mann mit kleinem Vorgarten zum kleinen Glück verhalf. Die neuen Freunde der eigensinnigen Rasse pfeifen auf Stammbaum und Schweißprüfung und lassen sich vom Dackelblick betören.

          Wer in diesen Zeiten durch den Englischen Garten in München geht, trifft Labradors, Weimaraner, Münsterländer, sieht riesenhafte Alpenhunde und elegante, bräunlich schimmernde Jagdhunde über die Wiesen tollen. Nebenan blinzeln winzige Fellknäuel aus Damenhandtaschen, Hunde, die kaum mehr sind als ein Hauch von Haut und Pfoten. Terrier, Möpse und Mischlinge jeglicher Couleur machen dem Hund Konkurrenz, der einst dem Münchner mindestens so verbunden war wie Kindl, Weißwurst und Leberkäs: dem Dackel. Vor fünfzig Jahren sollen hier noch 18 Prozent der Hunde Kurz-, Lang- oder Rauhaardackel gewesen sein. Im Februar hieß es, in der Landeshauptstadt seien von 29.000 Hunden nur noch 2000 Dackel. Magere sieben Prozent.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Doch wer lange genug sucht, wird sie finden. Dort etwa, unter den tief herabhängenden Zweigen einer Trauerweide, huscht eben Zwergdackel Luis vom Lagerfeld am Ufer des Eisbachs entlang. Bald wird der gebürtige Emsländer zwei Jahre alt, berichtet seine Besitzerin. Die blonde Endzwanzigerin macht Öffentlichkeitsarbeit für Luxusmarken. Warum hat sie sich für einen Dackel entschieden? Klein sollte der Hund sein, sagt sie, „nicht so vulgär“ – und Charakter haben. Ihr Luis sei ein „Napoleon“, ein „kleiner Kämpfer“. Luis bellt, glockenhell. Einmal lief er auf einem Spaziergang davon; sie hängte Suchplakate aus, mit Namen, Bild und Telefonnummer. Nach zehn Tagen bemerkte ein Wanderer den Zwergdackel, der sich gerade, von drei auf 1,8 Kilogramm abgemagert, über einen Waldweg schleppte. Auf Zuruf – „Luis!“ – schaute er auf. So kam er zu ihr zurück. Es sei eben, sagt die junge Frau, eine zähe Rasse.

          Das muss sie auch sein. Die vergangenen Jahre waren bittere Jahre für den Dackel – nicht nur in München. Dramatische Einbrüche verzeichnet die Welpenstatistik des Verbands für das Deutsche Hundewesen. Vor zwölf Jahren wurden noch 10.479 Dackelwelpen in Deutschland gemeldet, 2008 nur noch 6615. Minus vierzig Prozent in vier Dackelgenerationen. Im vergangenen Jahr wurden 6695 Dackelwelpen gemeldet – das erste leichte Plus seit Jahren, aber noch keine Trendwende. Vielen gilt der Dackel als gestrig. Ihm haftet die Aura der Wirtschaftswunderjahre an, in denen er dem kleinen Mann mit kleinem Vorgarten zum kleinen Glück verhalf.

          Was für ein schöner langer Kopf: Kunibert von der Karlsburg, der Kurzhaardackel Wolfgang von Bayerns

          Als treuer Begleiter passte er im Sommer, wenn es über die Alpen gen Italien ging, zwischen Kinder und Koffer auf die Rückbank des VW Käfers. Den trendhörigen Städter von heute treiben Hollywoodfilmemacher zum Dalmatiner und Werbestrategen zum Retriever. Da wird ein Windhund zur Fortsetzung des Porsches mit tierischen Mitteln. Zerrbilder wie das der Fernsehfigur „Hausmeister Krause“, dessen ganzes Glück sein Kurzhaardackel Bodo und die Rituale des militaristisch organisierten „Kölner Teckel Club 1881 e.V.“ sind (Credo: „Alles für den Dackel, alles für den Club“, Kommando: „Die ganze Dackelrotte: Sitz!“), haben auch nicht zu einem lässigeren Image des Dackels beigetragen. Er gilt vielen als Attribut eines bescheidenen Lebens, analog seiner Größe.

          Immer weniger Deutsche sorgen für immer weniger Dackel

          Dabei verbirgt sich hinter dieser eine tragende Rolle. Der Dackel ist Hund gewordene Dialektik. Er wurde vor Jahrhunderten gezüchtet, um Jägern in wilden Wäldern wichtige Dienste zu leisten, Füchse und Dachse aus ihren Bauten zu treiben, geschossenes Wild zu erspüren und, soweit es die Kräfte erlauben, dem Herrn zu Füßen zu legen. Und auch wenn immer weniger Deutsche für immer weniger Dackel sorgen – er überdauert. Vor allem dort, wo er immer schon dazugehört hat.

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